Vom kleinen Jungen, der Zahnweh hatte - eine Geschichte über echte Hilfe und falsche Helfer

Der kleine Bub mit Zahnschmerzen und nach der Behandlung
Das ist der kleine Junge, von dem diese Geschichte erzählt. Er ist ein tapferer kleiner Kerl. Doch da rollt eine Träne über seine linke Wange, wenn du nach links schaust. Übrigens ist diese eine Träne viel zu groß geraten, sehr stark übertrieben! Und wenn du dir vorstellst, dass du so eine geschwollene Backe hast, dann verstehst du, dass man eine kleine Träne weinen kann und trotzdem ein tapferer kleiner Junge sein kann. Schau auf das rechte Bild: da scheint die Sonne wieder, die Backe ist nicht mehr dick ... ach, ich greife vor. Eine Geschichte muss vom Anfang an erzählt werden. Und anfangen tut sie links, mit der (viel zu groß geratenen!) Träne am Abend im Bett. Am nächsten Morgen war die Backe immer noch dick.
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s war einmal ein kleiner Junge, der hatte Zahnschmerzen. Seine Mutter ging mit ihm zum Zahnarzt.

Es gab in der Stadt, in der die beiden lebten, ein kleines Büro. An der Bürotür stand "Zahnarzt-Info NRW". So klein wie das Büro waren auch die Menschen, die darin saßen. Das Büro war mit anderen kleinen Büros mit ebenso kleinen Menschen verbunden. Die kleinen Menschen waren zwar kleiner als Kinder normalerweise sind, auch kleiner als der kleine Junge mit den Zahnschmerzen. Aber sie waren vierzig Jahre älter und darum ganz schlau. Sie kannten die Tücken des Lebens und sorgten sich um ihre Karrieren. Sie blinzelten oft, wenn sie dem tückischen Leben ansaßen.

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er kleine Bub wurde von seiner Mama an die Rezeption geschoben, denn schließlich war es sein Zahnarzttermin, nicht ihrer. Dann musste er ins Behandlungszimmer, kletterte auf den Stuhl, das Licht ging an, es wurde gebohrt, er weinte, wischte sich die Tränen ab, dann wurde nochmal gebohrt, und dann war Ruhe. Ruhe im Zahn, Ruhe im Kopf, Ruhe um den kleinen Jungen herum. Er fasste die Hand seiner Mutti, er wollte nur schnell nach Hause.

Am nächsten Tag nach der Mittagspause öffnete sich die Bürotür der "Zahnarzt-Info NRW" und ein kleiner Mensch mit einem großen Stapel Briefe kam heraus. Er trug sie zur Poststelle, die Absatzschühchen klapperten auf dem Gehsteig, das gefiel ihr. Der kleine Mensch reckte sich wichtig am Schalter, damit man sie überhaupt sah hinter dem großen Stapel Papier.

der kleine Mensch
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er kleine Mensch war riesig stolz auf sich und erschöpft war sie auch, als sie zurück kam. Denn sie hatte den Brief geschrieben, den sie in Kopien an alle Büros geschickt hatte, die in der Adressliste standen. Das Original lag noch auf dem Schreibtisch. Mit kleinen Trippelschritten ging der kleine Mensch an seinen Platz, prüfte im Taschenspiegel, ob der Lippenstift noch gut aussah, denn draußen wartete schon ein Zeitungsreporter. Den würde sie gleich mit gekonntem Lächeln empfangen und ihm von dem Brief erzählen.

 
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 as stand drin? "Die Machenschaften von Zahnarzt Müller" war die Überschrift. "Dr. dent. B. Müller hat eine Praxis in der Weingasse 4. ... Unter einem Vorwand lockte er den kleinen C. (6 Jahre) in die Praxis. Die Schmerzensschreie des C. hallten bis auf die Straße. Die ganze Belegschaft ignorierte sie mit eiskalten Gesichtern. Ein Insider (das war sie selber) berichtet, dass hinter verschlossenen Türen mit Chrom-Vanadium Bohrköpfen operiert wird. Dem ahnungslosen C. wurde der Backenzahn aufgebohrt. Frau Frisch von der Zahnarzt-Info (das war sie ebenfalls) kann das bestätigen: Mit Edelstahlraspeln werden die Spuren der sadistischen "Behandlung" vertuscht. Weißer schnell härtender Kunststoff hilft, jede Spur zu verwischen. Das geht schon seit Jahren so.

Genüsslich überflog der kleine Mensch die Zeilen, die sie in- und auswendig kannte. "Wenn sich die Tür zum Behandlungsraum geschlossen hat und das grelle weiße Licht angeht, ist es für die kleinen Kinder zu spät. Sie können jetzt nicht mehr weg. ... In den nächsten Minuten werden bis zu einer Million kleinster Mundbewohner getötet. ... Frisch erläutert: 'Da werden ganze Familien ausgerottet, ohne mit der Wimper zu zucken'". Es bereitete ihr ein lustvolles Kribbeln, so sachlich zu sein. Hart, aber fair, war ihr Motto. Und diesen Satz mochte sie auch: "'Kariesbehandlung' heißt das routinierte Massaker im Praxis-Slang".

Bakterien überstehen die Behandlung des Zahnarztes nicht
Schau, so sieht das Massaker aus, das den kleinen Mensch so empört hat: heimatlose Kariesbakterien, in Mundwasser gespült und ausgespuckt.

Die Sprechanlage summte sie aus ihren Tagträumen, der Journalist war da und wartete im Vorzimmer. Was für ein Tag!


Illustriert von Martina Yilmaz

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Über den Autor

Interessen: Thelema, Kunst, Gesellschaft. Ich will eine Welt, auf die ich mich freue, wenn ich mir vorstelle, dass ich sie später wieder betrete. Die jetzige taugt mir noch nicht. Der Blog ist ein Teil unserer groß angelegten MultiWelt Verschwörung:
Verführung, Ansteckung mit Phantasie, Austreibung von Stumpfsinn. Mehr darf ich noch nicht sagen :-)