Über Moralentwicklung und die Stufen moralischer Urteile

von Knut

Moral ist ein merkwürdiges Werkzeug. Sie wird ständig benutzt – und selten erklärt. Im Alltag reicht oft ein Urteil, und die Welt ist sortiert: hier wir Guten, dort die Bösen. Wer auf der richtigen Seite steht, darf verurteilen, ausgrenzen, verletzen. Schließlich geht es um Moral.

Doch moralische Urteile sind nicht einfach richtig oder falsch. Sie folgen Entwicklungsstufen. Wer sich moralisch überlegen fühlt, urteilt nicht automatisch auf einer hohen Stufe – manchmal im Gegenteil.

Dieser Text schlägt einen anderen Weg ein. Ich stelle sechs Stufen moralischer Urteilsfähigkeit vor. Sie zeigen, warum „Gut gegen Böse“ so verführerisch ist, wo es einzuordnen ist – und wohin Entwicklung möglich wäre, jenseits der Moralkeule.

Ich stütze mich im folgenden auf die Arbeit von Lawrence Kohlberg (1927 – 1987): US-amerikanischer Psychologe und Professor für Erziehungswissenschaft in Harvard. Weil mich sein pragmatischer Ansatz begeistert.

Ist die Gut-Böse-Unterscheidung gut oder böse?

Wer Moral beansprucht, ist ein Guter, oder?

Anders gefragt: Ist Moral selbst gut oder schlecht?

Die meisten glauben, Moral sei an sich das Gute. Lassen wir den Soziologen Niklas Luhmann über Moral zu Wort kommen:

„Die wohl am weitesten verbreitete ethische Maxime geht davon aus, dass es gut ist, gut und böse zu unterscheiden, und sehr selten wird die paradoxe Struktur einer solchen Auffassung bemerkt: wenn es gut ist, gut und böse zu unterscheiden, dann ist das Böse auch gut, weil es ohne die Unterscheidung gar nicht existieren würde“.

Luhmann sagt, „… wenn es gut ist, gut und böse zu unterscheiden…“ – wenn! Und wenn es stattdessen schlecht ist, gut und böse zu unterscheiden, dann ist das Böse böse und dann ist auch das Gute böse. Auch im vorhergehenden Satz hängt alles am kleinen Wörtchen „wenn“.

Und nun? Ist Moral gut oder böse?

Stufen der Moral nach Kohlberg

Kohlberg teilte unsere moralische Entwicklung in Entwicklungs-Niveaus ein. Er stützte sich auf die Studien von Jean Piaget über die Entwicklung von Kindern. Die moralische Entwicklung ist aufwärts und abwärts möglich.

Normalerweise entwickelt sich ein Mensch bis zum Studium/ bis in die Mitt-Zwanziger, danach setzt die Rückentwicklung seiner Moral ein. Die moralische Entwicklung macht Kohlberg pragmatisch an Aussagen und Begründungen fest. Seine Studien zählen heute noch zu den umfangreichsten Feldforschungen.

Ein Beispiel: Jemand stiehlt nicht, sondern kauft ein und bezahlt die Ware, so wie das von den meisten erwartet wird. Dass er nicht stiehlt, ist ein Fakt. Aber wieso tut er es nicht? Hier kommt die Moral ins Spiel. Die eine Probandin antwortet: „Das gehört sich nicht. Ich bin ein gutes Mädchen, hat mein Pfarrer gesagt, und gute Mädchen stehlen  nicht.“ Ein anderer Proband sagt: „Wenn ich erwischt werde, dann verhaut mich mein Vater.“ Er stiehlt nicht aus Angst vor der zu erwartenden Strafe. Sie stiehlt nicht aus Respekt vor einer Autoritätsperson.

Wenn ich eine Aussage des Probanden habe, wieso er etwas tut oder nicht tut, dann – das ist Kohlbergs Methode – habe ich moralische Urteile des Probanden und diese Aussageurteile hat Kohlberg nach Typen der Begründung bzw. Stufen gegliedert. Das Beispiel von eben, wieso die beiden nicht stehlen, zeigt, dass das sinnvoll ist.

Grundgedanke von Lawrence Kohlberg: Moral zeigt sich in der Begründung für unsere Taten. Es kann „gute Gründe“ geben zu stehlen und es kann „schlechte Gründe“ geben, sich an die StVO zu halten.

Grundhaltung der Evangelischen Kirche1: Sie als Richter über andere ermitteln die Taten und haben die Hellsicht, Motive und Moral anderer zu beurteilen. Dafür müssen sie nicht mit den (Ver-)urteilten sprechen. (Die sind ja nicht zurechnungsfähig, so ein gängiges Erklärungsschema über Sektierer).

Etwas ganz anderes ist es, wenn ich keine Aussagen habe, wieso jemand etwas tut, ihm meine eigenen moralischen Urteile überstülpe und dann behaupte, das sei seine Moral. Das ist, was die „moralische Richter“ tun. Sie zeigen mit dem Finger auf die moralischen Schweine; und wenn wir vergleichen, wie L. Kohlberg die Sache anging, können wir feststellen: Die „Richter“ reden die ganze Zeit über sich. Es ist ihre Moral, die sie anderen überstülpen. Es ist ihr Böses, das sie auf Schemen projizieren, die sie für so fremd halten, wie sie selbst sich sind.

Berufs-Moralisten reden ständig über sich. Was sie in der Welt ‚finden‘, ist die eigene Bosheit.

Was sagt uns der pragmatische Erforscher der Ethik Lawrence Kohlberg zu dem Thema? Wertungen, sagt er uns, sind interessant, da sie ein Licht auf die moralische Verfassung dessen werfen, der sie vertritt. Schauen wir uns das jetzt genau an.

Die 6 Stufen der Moral nach Kohlberg

Stufe 1: Strafe und Gehorsam

Ob eine Tat gut oder böse ist, ist keine Frage nach Folgen für andere. Es wird nur an Strafe, an physischer Bestrafung gemessen. Wofür es Schläge gibt, ist schlecht. Alles, was keine Haue nach sich zieht, ist gut. Darum geht es um Vermeidung von Strafe. Ob man nicht stiehlt, oder sich beim Stehlen nicht erwischen lässt, ist dasselbe. Unterordnung unter die Autoritätsperson (Machtinhaber) ist ein Wert an sich. Hier handelt es sich um die Stufe des Kleinkindes. Von Moral im üblichen Sinn kann hier nicht gesprochen werden.

Stufe 2: „Wie du mir, so ich dir“

Die gute Tat zeichnet sich dadurch aus, dass sie die eigenen Bedürfnisse befriedigt. Zwischenmenschliche Beziehungen erscheinen als Waage, die immer neu justiert wird. Beispiel: Da du mich gehauen hast (ob mit Absicht oder ohne, ist egal), darf ich dich auch hauen. Wenn du mir ein Bonbon geschenkt hast, muss ich dir auch eins geben. Auf dieser Stufe werden die Grundzüge von Fairness und Sinn für Gerechtigkeit entwickelt. Die Regel ist: „Eine Hand wäscht die andere“. Es geht um konkreten Ausgleich von konkreten Konsequenzen. Es geht noch nicht um Loyalität oder die Gerechtigkeit im Sinne der Ethik. Allerdings werden hier eben für alles Höhere die Grundlagen gelegt.

Stufe 3: Guter Junge, nettes Mädchen. Die Moral der Peergroup

Die Peergroup ist die Herkunftsgruppe, der Freundeskreis, die Gang o.ä. Eine Gruppe von Menschen mit gemeinsamen Interessen (Soziale Homophilie), Alter, Herkunft oder sozialem Status. Richtiges Verhalten ist das Verhalten, dem die anderen zustimmen. Diese Stufe ist gekennzeichnet durch ein hohes Maß an Konformität gegenüber den Gruppen-Normen. Wo vorher der Ausgleich und Abgleich mit einem anderen Menschen zu regeln war, wird nun der Fokus breiter. Es geht nicht um mich im Verhältnis zu jedem Einzelnen, sondern um mein Verhältnis zur Gruppe.

Es wird weniger konkret, weniger direkt. Dafür werden die Rituale und Normen der Peergroup rigide überwacht, oft schon kleine Abweichungen (für einen Außenstehenden) können mit erstaunlicher Härte geahndet werden. Noch ein Novum: Verhalten wird nach der Absicht beurteilt. Jemand hat X getan und X kann nachteilig für andere sein, aber „er hat es doch nur gut gemeint“.

Stufe 4: Recht und Gesetz, die Frage der Legalität

Die vorigen Ebenen werden abgelöst durch die Orientierung an Gesetzen. Häufig wird der Grund genannt, dass ansonsten die Gesellschaft im Chaos versinken würde. Ich muss also sowohl über die unmittelbare soziale Umgebung hinausdenken. Moralisch richtiges Verhalten heißt jetzt, seine Pflicht zu tun, die Autoritäten zu respektieren, Gesetze einzuhalten. Die soziale Ordnung ist um ihrer selbst willen ein Wert. Die Gesellschaft im Chaos wäre nämlich keine Ordnung mehr, das wäre das Ende der Moral.

Stufe 5: Menschenrechte und Legitimität

Problem bei Stufe 4: Eine Gesellschaft kann zur Diktatur werden, kann gesetzlich gesichert sein aber keine legitime Basis haben. Legitimität? Die spielte bisher keine Rolle. Aber jetzt tut sie es. Die Richtigkeit einer Handlung bemisst sich nach dem Konsens über Rechte und Normen, die die diskursbereiten Menschen nach kritischer Prüfung erzielen. Der Kreis diskursbereiter Menschen ist prinzipiell offen, allerdings können nicht sofort alle befragt werden. Ich muss die Abwesenden mitdenken und auf spätere Einwände eingehen – dieser Diskurs ist nie zu Ende.

Da die Beteiligten um die Vorläufigkeit ihrer Regelungen wissen, legen sie Wert auf Verfahrensregeln zur Konsensfindung. Im allgemeinen werden Gesetze als bindend anerkannt (aber Ausnahmen sind dabei stets möglich!). Außerhalb des Bereichs der Legalität basieren Verpflichtungen auf freier Übereinkunft und Verträgen.

Gut handelt, wer die Legitimität seiner Handlung zeigen kann. Die Begründung für das Gute zielt z.B. auf Menschenrechte. Sie beanspruchen Geltung auch dort, wo Gesetze sie missachten oder Bandenmoral sie außer Kraft setzen will.

Stufe 6: Universelle ethische Prinzipien

Das Gute ist das, wofür ich mich bewusst entscheide, was meinen Überzeugungen entspricht und verallgemeinerbar ist. Die Normen der Peergroup, die Erwartungen an gute Jungs/ nette Mädels, staatliche Gesetze und auch Menschenrechte hat man hier in Frage gestellt und überwunden. Denn: Da ist noch mehr. Was dieses ‚mehr‘ ist? Die Stimme des Gewissens, die Immanuel Kant als Kategorischen Imperativ formuliert hat. Hier ist das eigentliche Reich der Ethik, Stufe 5 ist ein Übergang und die Stufen 1-4 sind mit der Setzung und Einhaltung der Gesetze ganz gut abgeglichen.

Welche Moral verlangt Thelema? 

Thelema ist ab Moralstufe 5 zu erfassen und zielt auf Stufe 6. Der Kategorische Imperativ ist eine Teilstruktur des Wahren Willens. Das Liber L vel Legis verkündet universelle Prinzipien, also Stufe-6-Moral. Das ergibt sich zwingend, wenn man das gesamte Liber L vel Legis beherzigt und praktisch umsetzt.

Willst Du Thelema leben, musst Du Schwerpunkte setzen: Alle Verse sind wichtig und manche Verse sind Leitverse, darum wichtiger. Welche? Vorschlag:

  • I. 3 „Jeder Mann und jede Frau ist ein Stern.“
  • I. 40 „Tu was du willst sei das ganze Gesetz. …“
  • I. 57 „Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen. …“
  • II. 73 „Der Tod, o Mensch, ist dir verboten.“2

Die Inquisition heute

Die konfessionell gebundenen Experten3 leben auf Moralstufe 1 und 2. Allerdings ist fraglich, was die „Expertenansichten“ mit der Welt da draußen zu tun haben. Meine These: Sie projizieren ihren Wahn auf andere. Was sie außen finden, sind ihre eigenen Erfindungen.

Wer sich so in die Niederungen des Lebens begibt, kann natürlich nicht verstehen, was Menschen in eine spirituelle Suche führt, was sie hält, was sie gewinnen.

Vertiefende Literatur

Michael D. Eschner in AHA Magazin des Neuen Aeons Nr. 4/1995: „Der Fluch der bösen Tat. Über Probleme der Amtskirchen mit dem Kampfbegriff ‚Sekte'“

Hubertus Mynarek: „Die neue Inquisition. Sektenjagd in Deutschland. Mentalität Motivation Methoden kirchlicher und staatlicher Sektenbeauftragter“ Verlag Das Weiße Pferd, 1999

Werner Foerster, E. Haenchen, M. Krause (Hrsg): „Die Gnosis. Zeugnisse der Kirchenväter“. Artemis & Winkler 1995. Die Kirchenväter lassen an den Gnostikern kein gutes Haar, die Anschuldigungen im Jahr 200 gleichen denen im Jahr 2000.

Blogartikel: „Die 11 besten Einführungen in Thelema

  1. Sie steht hier beispielhaft für Akteure, die für sich reklamieren, die Guten zu sein und daher andere verurteilen zu müssen. Atheisten, die Anhänger der falschen Kirchen, Sektierer. Es gibt auch Pendants der „Guten“ außerhalb der Religion. ↩︎
  2. Manche wollen Thelema als Religion. Dem entspricht im besten Fall eine Moral der Stufe 3. Ist hier aber nicht mein Thema. ↩︎
  3. Siehe dazu ausführlicher „Satanismus?! Es reicht!“ aus unserem Verlag ↩︎
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Knut Gierdahl

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