Die Alten sagten, die Welt der Erscheinungen sei Maya – eine Täuschung. Das Ziel aller Strebenden war es schon immer, die größere Realität hinter diesem Schleier zu erfahren. Doch auf diesem Weg lauern zwei fundamentale Fehler.
Der erste Fehler ist es, die Theorie zu verteufeln und zu glauben, man müsse die Welt nur immer weiter vereinfachen, um zur Wahrheit zu gelangen. So überwindet man den Schleier nie. Der zweite Fehler ist es, Theorien blind zu glauben – denn hinter ihnen versteckt sich Isis, die Göttin der Geheimnisse, und bindet uns an neue Dogmen. Der wahre Weg liegt darin, Theorien und Supertheorien weder zu verteufeln noch anzubeten, sondern sie als das zu nutzen, was sie sind: als Werkzeuge zur Erkenntnis.
Dass nicht einmal die allerprägnantesten Alltagssachen ohne diese theoretischen Werkzeuge auskommen, zeigt ein Blick auf eine vermeintliche Nebensächlichkeit: den täglichen Luftdruck.
Wer ein analoges Barometer an die Wand hängt, glaubt, es zeige die nackte Realität. Da ist ein Zeiger, du klopfst ans Glas, da ist ein Wert. Zum Beispiel steht der Zeiger gerade auf 1026 Hektopascal (hPa). Ein unumstößlicher Fakt, so sollte man meinen. Etwas, das so ist, wie es ist, völlig unabhängig davon, was wir darüber denken. Reine Zweitheit, wie der Philosoph Charles Sanders Peirce es nennen würde: Das unmittelbare Aufeinandertreffen von Natur und Messgerät. Kraft und Gegenkraft.
Doch wer in einer Stadt wie Chemnitz wohnt und sein Barometer zum ersten Mal einstellt, erlebt eine Überraschung, die dieses vertraute Weltbild gründlich erschüttert.
Das Rätsel der zwei Werte
Fragt man die offizielle Wetterstation des Deutschen Wetterdienstes an der Chemnitzer Stelzendorfer Straße nach dem aktuellen Luftdruck, erhält man zwei unterschiedliche Antworten:
- Den tatsächlich gemessenen Druck vor Ort: ca. 977 hPa.
- Den offiziellen Wetterwert: ca. 1026 hPa.
Wie kann eine „einfache“ physikalische Eigenschaft zwei Wahrheiten haben?
Der physikalische Fakt ist: Chemnitz liegt auf einer Anhöhe (rund 417 Meter über dem Meeresspiegel). Weil die Luftschicht nach oben hin dünner wird, lastet hier weniger Gewicht auf dem Boden. Das Barometer misst folglich einen niedrigeren Druck.
Würden wir diesen „nackten Fakt“ (die 977 hPa) nun unkorrigiert auf der Skala unseres Barometers ablesen, stünde der Zeiger permanent auf „Sturm und Regen“ – auch wenn draußen die Herbstsonne scheint. Um das Gerät überhaupt benutzbar zu machen, müssen wir es „eichen“. Wir zwingen den Zeiger manuell auf die 1026 hPa.
Willkommen in der Drittheit: Kein Fakt ohne Modell
An dieser Stelle verlassen wir die Welt der reinen Tatsachen und betreten das, was C.S. Peirce als Drittheit bezeichnete.
Für Peirce teilt sich unsere Lebenswelt in drei Schichten:
- Erstheit (Firstness): Die reine, unreflektierte Empfindung (z. B. das Spüren des Windes).
- Zweitheit (Secondness): Das unmittelbare Faktum, der Widerstand der Realität (z. B. der physische Druck der Luftteilchen auf die Membran des Messgeräts – die 977 hPa).
- Drittheit (Thirdness): Die Welt der Gesetze, der Symbole, Verträge und Modelle.
Der Wert von 1026 hPa, den wir auf unserem Barometer einstellen, existiert in der physikalischen Realität unseres Wohnzimmers überhaupt nicht. Er ist das Ergebnis einer mathematischen Fiktion: Wir rechnen den realen Druck so um, als würden wir uns auf Meereshöhe (0 Meter üNN) befinden. Wir graben im Geist ein 417 Meter tiefes Loch, um den Luftdruck mit Hamburg, London oder New York vergleichbar zu machen.
Vergleichbarkeit ist unser Nutzen: Jetzt kann man Wetterphänomene in Chemnitz, Hamburg und Madrid aufeinander beziehen, Isobarenlinien auf eine Europakarte einzeichnen und Prognosen erstellen über das Wetter am nächsten Wochenende.
Warum die reine Realität uns blind macht
Man könnte argumentieren: Lösen wir uns doch von dieser globalen Vergleichbarkeit! Machen wir es ohne Theorie. Jedes Dorf misst einfach seinen eigenen, nackten Wert. Markersdorf misst 977 hPa, die Station auf dem Fichtelberg misst 880 hPa. Wir drucken für jeden Ort eine eigene, lokale Skala, auf der 977 hPa eben „schönes Wetter“ bedeutet.
Das würde im eigenen Wohnzimmer funktionieren, aber die Meteorologie wäre augenblicklich tot. Ein Wetterfrosch könnte keine Isobarenlinien mehr auf eine Karte zeichnen. Auf der Wetterkarte gäbe es zwischen dem tiefer gelegenen Leipzig und dem höher gelegenen Chemnitz ein permanentes, scheinbares „Tiefdruckgebiet“, obwohl über ganz Sachsen dieselbe Sonne scheint. Wir könnten heranziehende Stürme nicht mehr sehen, weil die Topographie der Erde das Signal komplett überlagert.
Fazit: Wir atmen Theorie
Das Beispiel des Luftdrucks zeigt par excellence: Es gibt keine voraussetzungslosen Fakten. Erst das theoretische Modell des globalen Meeresspiegels – eine reine Denkkonstruktion, eine Konvention – ordnet das Chaos der Natur.
Wenn Sie das nächste Mal auf Ihr Barometer schauen, sehen Sie nicht die nackte Natur. Sie sehen ein physikalisches Gesetz, das durch ein mathematisches Modell gefiltert wurde, um eine menschliche Vorhersage zu ermöglichen. Wir leben nicht in einer Welt der rohen Dinge. Wir leben in einer Welt der Drittheit, in der jede Realität von Theorie durchwoben ist.
Und wo bleibt die Magie?
Viele glauben, man muss das ganze Zeug mit den Theorien/ mit Drittheit vergessen, um Magie zu machen. Schon Aristoteles war ein Fehler!
Ich bin überzeugt, wir sollten das Erbe des Alten Äons annehmen und Wege in die Trans-Rationalität finden, um magisch zu leben. Rationalität transformieren statt ignorieren – so ist der Weg ins Neue Äon. Und allen Fragen, Problemen, Widersprüchen kann man nicht entgehen – sie sind die Prüfungen auf dem Weg nach Tiphareth.
Oh weia! Die Sephira Tiphareth im Baum des Lebens … der Baum des Lebens ist DAS Super-Modell der magischen Tradition des Westens. Selbst hier, nichts ohne Modell und Gesetz.
