Die „Umkehrung der Sinne“ ist eine zentrale Lehre im Tantra. Das Buch über diesen Weg in Theorie und Praxis ist unser „Tantra und Sexualmagie„. Wenn man diese Lehre vergisst, hat man keine Chance, das Göttliche zu finden. Es bleibt ein wohliges Prickeln. Ohne die Umkehrung der Sinne erhält man das, was ein „Cosmic Ocean-Tantra“ Wochenendseminar auf Mallorca bietet: Etwas Lust, Exotik und Wohlfühlen.
Das ist das, was heute „Tantra“ genannt wird. Es hat aber mit dem spirituellen Weg nichts mehr zu tun. Michael D. Eschner hat die Umkehrung der Sinne seit den 80er Jahren ins Zentrum gerückt. Was ist davon zu halten?
„Umkehrung der Sinne“ gehört zur Persönlichkeitserweiterung
Es lässt sich leicht zeigen, dass die „Umkehrung der Sinne“ in jeder spirituellen Schule praktiziert wurde und wird. Der Grund ist einfach: Unsere Abneigungen und Vorlieben stehen dem spirituellen Fortschritt im Wege.
Wer nur sein eigenes kleines Ich bewacht, kann sich nicht den Göttern öffnen.
Unsere Abneigungen und Vorlieben stehen der Erleuchtung im Wege.
Um dem Verdacht zu entgehen, thelemische Ideologie zu betreiben, lassen wir einen katholischen Heiligen die Sache erhellen, der nicht im Verdacht steht, thelemisches Tantra zu praktizieren: Phillip Neri (1515-1595).
Johann Wolfgang Goethe beschrieb sein Wirken so:
„Es ist bekannt, daß Hundeführen, Hundetragen im Mittelalter überhaupt und wahrscheinlich auch in Rom höchst schimpflich gewesen. In dieser Rücksicht pflegte der fromme Mann jenes Tier an einer Kette durch die Stadt zu führen, auch mußten seine Schüler dasselbe auf den Armen durch die Straßen tragen und sich auf diese Weise dem Gelächter und Spott der Menge preisgeben.
Auch mutete er seinen Schülern und Genossen andere unwürdige Äußerlichkeiten zu. Einem jungen römischen Fürsten, welcher der Ehre, für ein Ordensglied zu gelten, mitgenießen wollte, wurde angesonnen, er solle mit einem hinten angehefteten Fuchsschwanze durch Rom spazieren, und, als er dies zu leisten sich weigerte, die Aufnahme in den Orden versagt. Einen andern schickte er ohne Überkleid und wieder einen mit zerrißnen Ärmeln durch die Stadt. Dieses Letztern erbarmte sich ein Edelmann und bot ihm ein Paar neue Ärmel an, die der Jüngling ausschlug, nachher aber auf Befehl des Meisters dankbar abholen und tragen mußte. Beim Bau der neuen Kirche nötigte er die Seinen, gleich Taglöhnern die Materialien herbeizuschaffen und sie den Arbeitern zur Hand zu langen.
Gleichermaßen wußte er auch jedes geistige Behagen, das der Mensch an sich empfinden mochte, zu stören und zu vernichten. Wenn die Predigt eines jungen Mannes wohl zu gelingen und der Redner sich darin selbst zu gefallen schien, unterbrach er ihn in der Mitte des Worts, um an seiner Stelle weiterzusprechen, befahl auch wohl weniger fähigen Schülern, ungesäumt hinaufzutreten und zu beginnen, welche denn, so unerwartet angeregt, sich aus dem Stegreife besser als je zu erweisen das Glück hatten.
Man versetze sich in die zweite Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts und den wüsten Zustand, in welchem Rom unter verschiedenen Päpsten wie ein aufgeregtes Element erschien, und man wird eher begreifen, daß ein solches Verfahren wirksam und mächtig sein mußte, indem es durch Neigung und Furcht, durch Ergebenheit und Gehorsam dem innersten Wollen des Menschen die große Gewalt verlieh, trotz allem Äußern sich zu erhalten, um allem, was sich ereignen konnte, zu widerstehen, da es befähigt, selbst dem Vernünftigen und Verständigen, dem Herkömmlichen und Schicklichen unbedingt zu entsagen.“ (aus: J.W. Goethe; „Italienische Reise“)
Der aufmerksame Leser wird die Praktiken Neris übereinstimmend finden mit den in „Tantra und Sexualmagie“ beschriebenen Übungen und überhaupt mit dem Geist, der das Buch durchweht. Dass Transzendierung der Sexualität ein noch sensibleres Gebiet ist als das, was Goethe von Neri schilderte, und dass sich daraus Unterschiede und Akzentverschiebungen ergeben, muss hier nicht weiter behandelt werden.
Autor: Knut Gierdahl