Ohne die Umkehrung der Sinne bleibt Tantra ein angenehmes Prickeln – aber kein spiritueller Weg. Mit Beispielen von Goethe, spirituellen Schulen und magischer Disziplin wird erklärt, warum Vorlieben und Abneigungen überwunden werden müssen, um echte Transformation zu erreichen.
Im Tantra ist die „Umkehrung der Sinne“ eine zentrale Lehre. Das Buch über diesen Weg in Theorie und Praxis ist unser „Tantra und Sexualmagie„. Wenn man diese Lehre vergisst, hat man keine Chance, das Göttliche zu finden. Es bleibt ein wohliges Prickeln. Ohne die Umkehrung der Sinne erhält man das, was ein „Cosmic Ocean-Tantra“ Wochenendseminar auf Mallorca bietet: Etwas Lust, Exotik und Wohlfühlen.
Das ist das, was heute „Tantra“ genannt wird. Es hat aber mit dem spirituellen Weg nichts mehr zu tun. Michael D. Eschner hat die Umkehrung der Sinne seit den 80er Jahren ins Zentrum gerückt. Was ist davon zu halten?
„Umkehrung der Sinne“ gehört zur Persönlichkeitserweiterung
Es lässt sich leicht zeigen, dass die „Umkehrung der Sinne“ in jeder spirituellen Schule praktiziert wurde und wird. Der Grund ist einfach: Unsere Abneigungen und Vorlieben stehen dem spirituellen Fortschritt im Wege.
Wer nur sein eigenes kleines Ich bewacht, kann sich nicht den Göttern öffnen.
Unsere Abneigungen und Vorlieben stehen der Erleuchtung im Wege.
FAQ
Was ist die Umkehrung der Sinne im Tantra?
Die Umkehrung der Sinne ist eine spirituelle Methode, bei der Vorlieben, Abneigungen und automatische Gewohnheitsreaktionen bewusst überschritten werden. Ziel ist es, sich von unbewussten Mustern zu lösen und eine tiefere Wahrnehmung der Realität zu erreichen. Ziel ist: mehr Freiheit, weniger psychische Zwänge.
Warum ist die Umkehrung der Sinne im Tantra wichtig?
Ohne diese Praxis bleibt Tantra auf der Ebene von angenehmen erotischen Erfahrungen stehen. Erst durch das Überwinden innerer Widerstände kann echte Transformation stattfinden.
Bedeutet Umkehrung der Sinne, unangenehme Dinge zu tun?
Ja und nein: Es geht darum, die emotionale Abhängigkeit von „mag ich“ und „mag ich nicht“ zu überwinden. Dadurch entsteht innere Freiheit und größere Handlungsfähigkeit.
Wo kann man Tantra als echten spirituellen Weg lernen?
Ein strukturierter Zugang mit Theorie und praktischen Übungen wird im Buch „Tantra und Sexualmagie“ beschrieben, das den Transformationsprozess systematisch erklärt. Ein Buch allein genügt nicht, auch unseres nicht. Es gibt dir aber alles an die Hand, um den Weg kennenzulernen und zu prüfen, ob es dein Weg sein kann.
Gibt es ähnliche Methoden in anderen spirituellen Traditionen?
Ja. Viele spirituelle Schulen nutzen vergleichbare Prinzipien. Beispiele finden sich in buddhistischer Praxis, bei Loyola und im Ausbildungssystem des Ordens der Goldenen Dämmerung.
Warum wird modernes Tantra oft kritisiert?
Kritiker bemängeln, dass viele Angebote sich auf Wohlbefinden, Sinnlichkeit und Erlebnis konzentrieren, während Disziplin und innere Transformation in den Hintergrund treten.
Kann jeder die Umkehrung der Sinne lernen?
Grundsätzlich ja. Allerdings erfordert sie Bereitschaft zur Selbstbeobachtung, Disziplin und den Mut, gewohnte Komfortzonen zu verlassen.
Ein überraschendes Beispiel: Ein katholischer Heiliger erklärt Tantra-Prinzipien
Um dem Verdacht zu entgehen, thelemische Ideologie zu betreiben, lassen wir einen katholischen Heiligen die Sache erhellen, der nicht im Verdacht steht, thelemisches Tantra zu praktizieren: Phillip Neri (1515-1595).
Johann Wolfgang Goethe beschrieb sein Wirken so:
„Es ist bekannt, daß Hundeführen, Hundetragen im Mittelalter überhaupt und wahrscheinlich auch in Rom höchst schimpflich gewesen. In dieser Rücksicht pflegte der fromme Mann jenes Tier an einer Kette durch die Stadt zu führen, auch mußten seine Schüler dasselbe auf den Armen durch die Straßen tragen und sich auf diese Weise dem Gelächter und Spott der Menge preisgeben.
Auch mutete er seinen Schülern und Genossen andere unwürdige Äußerlichkeiten zu. Einem jungen römischen Fürsten, welcher der Ehre, für ein Ordensglied zu gelten, mitgenießen wollte, wurde angesonnen, er solle mit einem hinten angehefteten Fuchsschwanze durch Rom spazieren, und, als er dies zu leisten sich weigerte, die Aufnahme in den Orden versagt. Einen andern schickte er ohne Überkleid und wieder einen mit zerrißnen Ärmeln durch die Stadt. Dieses Letztern erbarmte sich ein Edelmann und bot ihm ein Paar neue Ärmel an, die der Jüngling ausschlug, nachher aber auf Befehl des Meisters dankbar abholen und tragen mußte. Beim Bau der neuen Kirche nötigte er die Seinen, gleich Taglöhnern die Materialien herbeizuschaffen und sie den Arbeitern zur Hand zu langen.
Gleichermaßen wußte er auch jedes geistige Behagen, das der Mensch an sich empfinden mochte, zu stören und zu vernichten. Wenn die Predigt eines jungen Mannes wohl zu gelingen und der Redner sich darin selbst zu gefallen schien, unterbrach er ihn in der Mitte des Worts, um an seiner Stelle weiterzusprechen, befahl auch wohl weniger fähigen Schülern, ungesäumt hinaufzutreten und zu beginnen, welche denn, so unerwartet angeregt, sich aus dem Stegreife besser als je zu erweisen das Glück hatten.
Man versetze sich in die zweite Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts und den wüsten Zustand, in welchem Rom unter verschiedenen Päpsten wie ein aufgeregtes Element erschien, und man wird eher begreifen, daß ein solches Verfahren wirksam und mächtig sein mußte, indem es durch Neigung und Furcht, durch Ergebenheit und Gehorsam dem innersten Wollen des Menschen die große Gewalt verlieh, trotz allem Äußern sich zu erhalten, um allem, was sich ereignen konnte, zu widerstehen, da es befähigt, selbst dem Vernünftigen und Verständigen, dem Herkömmlichen und Schicklichen unbedingt zu entsagen.“ (aus: J.W. Goethe; „Italienische Reise“)
Der aufmerksame Leser wird die Praktiken Neris übereinstimmend finden mit den in „Tantra und Sexualmagie“ beschriebenen Übungen und überhaupt mit dem Geist, der das Buch durchweht. Dass Transzendierung der Sexualität ein noch sensibleres Gebiet ist als das, was Goethe von Neri schilderte, und dass sich daraus Unterschiede und Akzentverschiebungen ergeben, muss hier nicht weiter behandelt werden.
Die Umkehrung der Sinne verleiht „durch Neigung und Furcht, durch Ergebenheit und Gehorsam dem innersten Wollen des Menschen die große Gewalt (…) trotz allem Äußern sich zu erhalten, um allem, was sich ereignen konnte, zu widerstehen“. Denn dadurch ist der Wille des Menschen „befähigt, selbst dem Vernünftigen und Verständigen, dem Herkömmlichen und Schicklichen unbedingt zu entsagen.“(zit. nach Goethe, Italienische Reise)
Austin Osman Spare, Crowley und die Schulung gegen Gewohnheit
Nun noch ein anderes Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit:
Der Magier Austin Osman Spare war eine Zeitlang Mitglied in Crowleys Orden A.A. Spare soll es schwergefallen sein, die in der A.A. geforderte Disziplin zu akzeptieren. Aleister Crowley sagte über Spare, dass der letztlich seiner eigentlich mächtigen Magie nicht entsprechen konnte. Wie passt das zu unserem Thema?
„Die in der A.A. geforderte Disziplin wird zum Zweck der Umkehrung der Sinne, bzw. der Lösung von den Roboterprogrammen eingesetzt. Diese Art von Schulung bedeutet nichts anderes, als die Dinge, die den Programmen zuwiderlaufen, die Ekel, Abneigung usw. auslösen, zu tun und sie den freudigen Dingen gleichwertig zu machen. Dies erfordert natürlich Disziplin wie alles, was der Gewohnheit zuwiderläuft.“ (MDE)
Und die düstere Alternative ist, die „Roboter-Trivialität zum höchsten Ziel zu erheben.“
Mach es besser. Nutze die Gelegenheit, übe und verfeinere!
Entdecke jetzt „Tantra und Sexualmagie“ von Michael D. Eschner!
Autor: Knut Gierdahl
