Was war und was wird

"Absolut notwendig und nicht zu verändern ist alles Vergangene." (Ernst Jünger)

Das hat er klar erkannt: was nicht verändert werden kann, ist notwendig so, wie es ist. Vergangenes kann nicht mehr verändert werden. Also ist dort Notwendigkeit.

Andererseits - was ist Zeit, was Vergangenheit? Vergangenheit, mit der, bzw. in der wir leben, ist die je gegenwärtige Vergangenheit. Vergangene Vergangenheit ist, was wir uns früher als unsere Geschichte, vielleicht die je eigene Biografie erzählten. Und wenn das akzeptiert wird, dann muss es auch künftige Vergangenheit geben (können), diejenige Vergangenheit nämlich, die wir uns erzählen werden - bzw. (er)finden werden - indem wir eine andere Zukunft erschaffen.

Nun gilt der eingangs zitierte Satz von Jünger nicht mehr absolut, sondern nur unter der Voraussetzung, dass der Zukunftsentwurf auch unverändert bleibt. Sich eine andere Zukunft erträumen, planen und entwerfen, ist eine Frage von Phantasie und Lebenslust. Oft wird in dem Zusammenhang von einem 'Mut zu träumen' gesprochen - was ich für ungenau, fast eine Platitüde, halte. Ja gut ... für manchen ist es schon mutig, ans Telefon zu gehen, wenn er die Nummer des Anrufers nicht kennt.

Wer seine Zukunft erschafft, schafft sich auch neue Vergangenheiten. Und so wird das Reich der Notwendigkeit immer aufs Neue vom Reich der Freiheit erobert.

Damit ist Jüngers Satz nicht widerlegt. Wo er schreibt "Alles Vergangene", geht es um etwas anderes als "die Vergangenheit"; so ließe sich auch die vergangene Vergangenheit zu allem Vergangenem dazuzählen, die gegenwärtige Vergangenheit aber erst, wenn sie durch eine veränderte gegenwärtige Zukunft zur vergangenen Vergangenheit wurde.

Was man von der Minute abgeschlagen,
Gibt keine Ewigkeit zurück.
(Friedrich Schiller)

Noch eine kurze Notiz. Es wird ja des Öfteren das Ende der Geschichte ausgerufen, manchmal das Ende des historischen Zeitalters. Vielleicht ist viel dran - und selbst dann wäre es nicht das Ende der Welt. Historische Epochen mit ihren Ordnung stiftenden Kalendern über Jahrhunderte setzen (unter anderem) voraus, dass der Mythos nicht mehr (zeit)bestimmend ist, dass der Mythos "erkaltet" ist, wie Ernst Jünger es ausdrückte. Wenn so eine Epoche zu Ende geht, kann das heißen, dass neue Mythen die Welt umordnen.

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Über den Autor

Interessen: Thelema, Kunst, Gesellschaft. Ich will eine Welt, auf die ich mich freue, wenn ich mir vorstelle, dass ich sie später wieder betrete. Die jetzige taugt mir noch nicht. Der Blog ist ein Teil unserer groß angelegten MultiWelt Verschwörung:
Verführung, Ansteckung mit Phantasie, Austreibung von Stumpfsinn. Mehr darf ich noch nicht sagen :-)