Die Verwechslung von Prä-Rationalität (Affekt) und Trans-Rationalität (Wille) - das größte Missverständnis über THELEMA

Was ist Thelema? oder: Probier' mal eine Kakaobohne!

Rohe Kakaobohnen

In einer kleinen vertrauten Runde reicht die Gastgeberin rohe Kakaobohnen. Kakao wird viel gerühmt für seine Inhaltsstoffe und seine herausragende gesundheitliche Wirkung. Dazu kommt: Viele glauben, Kakao und Schokolade zu kennen, denn sie sind in jedem Supermarkt zu finden. Doch weist die Gebende, während sie mit einem kleinen Glas von einem zum nächsten geht, darauf hin, dass diese rohen Bohnen und die Darreichungsform in den Geschäften nichts gemeinsam haben. Daher erwarte die Runde ein besonderes Geschmackserlebnis. Jedem gibt sie zwei rohe Kakaobohnen in die Hand. (*)

Was passiert? Die meisten stecken sich die Bohnen in den Mund, erst die eine, dann die andere. Sie kauen langsam. Einige versuchen, Nuancen zu erschmecken. So klein die Bohnen sind, haben sie doch eine erstaunliche Vielfalt. Eine ist dabei, die einen geradlinigen Weg wählt. Sie zerbeißt die erste Bohne, während sie die andere vorsorglich noch in der Hand hält. Im selben Moment verzieht sie das Gesicht so, wie wir es vom Kind kennen, das nicht mag, was es im Mund hat. Bittere Noten im Geschmack sind bekannt dafür, als eklig bezeichnet zu werden. Das Kind würde die herbe Bohne ausspucken. Die Erwachsene tut das nicht, aber viel scheint nicht zu fehlen. Sie schluckt mit vor Ekel verzerrtem Gesicht die eine Bohne herunter und schenkt die andere ihrem Nebenmann. "Für mich ist das nichts."

Das Selige des Kindes als Erwachsener neu zu gewinnen, ist ein Weg nach vorn, eine Integration der Persönlichkeit auf höherer Ebene.

Ist das Thelema? Der Weg, sich auf das kindlich geprägte Erleben und Urteilen zu besinnen und den Komplikationen des Erwachsenenlebens mit Bauchgefühl zu begegnen? Mir scheint, da wird Ursprünglichkeit mit Reduktion, Schwund gleichgesetzt. Das Ursprüngliche aus Kindertagen finden wir, indem wir alles später Gelernte abstreifen, vergessen, sein lassen. Einige glauben, sie kehren zurück in etwas, das die ganze Zeit wartete, wieder entdeckt, wieder belebt zu werden. Ich nehme jedoch an, dass diejenigen nur ihr Gepäck reduzieren, ihr Vermögen, den eigenen Horizont. Das Selige des Kindes als Erwachsener neu zu gewinnen, ist ein Weg nach vorn, eine Integration der Persönlichkeit auf höherer Ebene. Wir lesen bei Nietzsche von den Wandlungen vom Kamel zum Löwen und zum Kind. Wer sich auf dem Absatz umdreht und die Erinnerungen an seine Kindheit glorifiziert und vor dem, was er/ sie heute sein könnte, flieht, der/ die trivialisiert sich selbst.

Wenn jemand nach Anschauung für die Prä-Trans-Verwechslung sucht - hier ist ein unscheinbares Beispiel. Wenn jemand besorgt ob der Schlichtheit die Wahrheit der Schilderung prüft, sei er beruhigt - man kann es nicht eindeutig vor- und zurückrechnen wie eine Formel. Wer möchte, kann stets dagegen halten, dass ich spinne. Nur dies kann ich in die Waage legen: Die sich der herben Bohne entledigte, tat das im normalen alltäglichen Bewusstsein, das Normale, das Angemessene zu tun. So handeln wir zumeist im Leben, und vielleicht einmal am Tag oder nur einmal im Monat müssen wir innehalten und überlegen, abwägen. Doch entscheidend fürs Leben, schicksalwirkend sind die 90 Prozent der Handlungen in unfraglicher Gewissheit. Entscheidend ist, was wir zumeist tun und wie wir es tun. Es tut nichts, dass im Nachhinein, im Falle der besonderen Prüfung, jede Einzeltat als einzelne besondere erklärt werden kann. "Hätte mir jemand gesagt, dass es wichtig ist, hätte ich natürlich beide Bohnen gegessen."

Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ward: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Ich aber sage euch: Wenn ihr nicht endlich aufhört, zu sein wie die Kinder, werdet ihr nie das Reich des Menschen bauen.

Was ist Thelema? Bleiben wir in der Runde, in der die Kakaobohnen gereicht wurden. Thelema ist, ohne Ansage/ Vorgabe/ Hinweis auf eine gustatorische Attraktion die Kakaobohnen zu essen. Thelema bedeutet, sie zu erschmecken AND (logisches 'und') sie so zu kosten, dass sie einem schmecken. Aus Neugier und der Grundhaltung, sich verfeinern, bereichern zu wollen. Oder mindestens, wenn die anderen und die Gastgeberin einem wichtig sind. Wer weder neugierig ist noch Rangunterschiede anerkennt - "dem ist nicht zu helfen. / Über den kurzen Weg nicht / und nicht über den langen." (Ingeborg Bachmann)

Ich hatte einen Lehrer, der mahnte etwas, woran ich jetzt wieder denken muss. "Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt ward: Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht ins Himmelreich kommen. Ich aber sage euch: Wenn ihr nicht endlich aufhört, zu sein wie die Kinder, werdet ihr nie das Reich des Menschen bauen." Gustav Wyneken, geboren im selben Jahr wie Crowley. Ihm ist eine Skizze von Thelema gelungen.

Was ist die Prä-Trans-Verwechslung?

Prä-Trans-Verwechslung ist der Oberbegriff für alle Verwechslungen des prärationalen Bewusstseins mit transrationalem Bewusstsein. Es ist die Verwechslung von Affekt und Wille. Im Überblick:

  • Es gibt das vor-rationale Bewusstsein des Kindes. Vorrational, weil es den Verstand (Ratio) noch nicht so entwickelt hat, wie unsere Kultur es ermöglicht und fordert.
  • Es gibt das rationale Bewusstsein. Wer die Schule hinter sich hat, mindestens 18 Jahre ist, Englisch sprechen und eine E-Mail schreiben kann, ist durchschnittlich gebildet, gilt als mündig, gilt als normal verständig. So jemand kommt selbst zurecht, kann sein Leben leben.
  • Es gibt das transrationale Bewusstsein. Wen die Frage angeht, ob Familie, Karriere und Rentenanspruch alles sind, oder ob da mehr sei, der bekommt eine Ahnung. (Ich gehe gleich mehr auf diese Stufe ein.)

Rationales Denken, einmal gelernt, macht die Welt klar und einfach. Der Verstand fragt: Wie erklärst du das?, Warum ist das so?, Was ist der Grund dafür?, Woher weißt du ...? - Rationales Denken befreit von Aberglauben und entzaubert die Welt. Es hat aber auch Schwächen, denn die Welt ist nun mal nicht überall logisch. Dem nüchternen Verstand gilt das Tao Te King als Spinnerei (Trans- für Prärational). Oder das Kleinkind tobt mit Stiften übers Malpapier und Papa denkt sich, 'Mensch, da unten noch'n Fuß ran und es ist ein Picasso!' (Prä- für Transrational)

Prärationale Stufe: Affekte, rationale Stufe und transrationale Stufe: Wille

Wie unterscheide ich diese Stufen?

Ist dir schon aufgefallen, dass die transrationale Stufe das Neue Äon ist? Wir reden die ganze Zeit über den Übermenschen, "der Mensch ist ein Ende und ein Abgrund" (Nietzsche). Wusstest du auch. Gut!  Transrationalität ist vor allem ein Abenteuer. Einem Kind, einem Erwachsenen und den "Children", zu denen Nuit spricht, muss man es verschieden zeigen.

Wie sage ichs dem Kind?

Vor einem Jahr hast du noch mit deinen Puppen gesprochen. Nein, ich hab nicht gelauscht, sie habens mir erzählt *zwinker*. Jetzt lernst du in der Schule schreiben und still sitzen ohne zu singen. Wenn du groß bist, kannst du mit den Puppen immer noch reden, die sind sehr geduldig, die können lange warten, weißt du. Du hast dann vielleicht eine Brille mit einem Chip im Glas, die musst du dazu nicht abnehmen, oder ein Smartphone in der Tasche, das musst du nicht ausschalten.

Wie sage ichs dem Erwachsenen?

Die Philosophie ist am Ende. Die Demokratie ist am Ende. Beide geben sich ihren Putzneurosen hin, um davon abzulenken. Sie suchen Feinde, Rechtfertigungen, und was sie finden, verbraucht sich innerhalb einer Saison. Du fragst dich, du hoffst, dass das nicht alles sein kann. Du hast vieles und was du nicht hast, das kriegst du auf Kredit - aber was fehlt dir?

Wie sage ichs dem Großen Kind, dem Kind von Nuit? (*)

Transrationalität zeigt sich als Intuition. Instinkt hat jedes Tier. Intuitive Lösungen fallen dir ein, wenn du dich einpunktig mit einer Sache beschäftigst. Sie muss dich angehen, dich in der Seele betreffen. Wo du mit dem Verstand nicht mehr hinkommst, wenn dir übel wird und die Beine weich werden - bleib dran! Dann geschehen Zeichen und Wunder, sprechen Träume, raunt dir ein Geist ins Ohr oder der Müllmann erleuchtet dich. Aber ein Rezept kriegst du nie und eine Erklärung auch nicht.

Wie kommt es zur Prä-Trans-Verwechslung?

Warum kann es überhaupt dazu kommen? Weil sich prärationale (Bewusstseins)-Ebene und transrationale Ebene in einem Punkt gleichen: Das Gemeinsame der prä- und transrationalen Ebene ist, dass beide nicht rational sind. Was erst wie ein hohles Wortspiel klingen kann, wird für den ganz wichtig, der im Leben Größeres vorhat, als zu fressen und sich zu entleeren.

Wo liegt die Gefahr der Prä-Trans-Verwechslung?

"Auch Vernunft ist eine Lüge, denn es gibt einen Faktor unendlich und unbekannt, und all ihre Worte sind schief." Liber L vel Legis, Kap. 2 Vers 32. Der Faktor "unendlich und unbekannt" ist der Wille. Rationales Denken funktioniert nur in einer statischen Welt, der Wille ist 'handgreiflich', er gestaltet um, was ihm nicht entspricht. Darum kann er sich verirren.

Alles eine Frage von Lernen und Verlernen

In unserer Gesellschaft lernen Kinder in der Schule, dann machen sie eine Ausbildung oder studieren. Jedes Kleinkind erfasst die Welt prärational. Wie sonst! Sprechen, Grammatik, Teil-Ganzes-Beziehungen, Mathematik und Logik haben wir alle erst mit der Zeit gelernt (oder verzweifeln heute noch dran:). Mal ehrlich - wer kann dreistellige Zahlen im Kopf multiplizieren und wer greift doch lieber zum Taschenrechner? Natürlich nur, um sicher zu gehen! Schon klar. - Halten wir fest: Diese Vermögen werden keinem in die Wiege gelegt, sondern die lernen wir manchmal schon früh und richtig verbindlich dann in der Schule. Danach geht es weiter:  normale Anforderung an Erwachsene ist das Erreichen der rationalen Stufe. Man könnte von einem Bildungskanon sprechen. Wenn nun Kinder die Welt (und sich selbst und andere Kinder und Erwachsene) prärational erfassen würden und mit der Zeit immer mehr Rationalität erwerben würden, bis sie als Große rational denkenden Menschen sind - wenn es so geradlinig wäre, wäre alles sehr einfach :-) Nein, nein, meine Herren und Damen, die Dinge liegen anders!

Wenn wir die Vermögen nicht nutzen, verlernen wir wieder, was wir mal konnten. Sei es Kopfrechnen, rückwärts sprechen, Grammatik (Was ist ein Dativ?) oder Logik (Was ist das tertium non datur und wieso ist das wichtig?) Was dazu kommt, ist: Wenn ich wütend bin auf den Chef, mich über Handwerkerpfusch ärgere oder der blöde Computer nicht tut, was er soll, dann sind die Auslassungen zum Thema nie rational, sondern emotional eingefärbt, das heißt unterm Strich: oft prärational.

Das "größte Missverständnis über Thelema"? Warum?

Warum ist die Prä-/ Trans Verwechslung "das größte Missverständnis über Thelema"? Weil manch einer Thelemit ist, die Naturvölker verehrt oder die tibetischen Meister, oder die Weisheit des Liber Leigs mit einem Joint inhaliert. Und? Dann bleibt er leicht auf der prärationalen Stufe stehen und lebt im Isis Äon. Das ist eine vertane Chance. Satt das Tor in eine ungewisse Zukunft aufzustoßen, bleibt alles beim Alten. Seine Seligkeit kann man vielleicht so finden. Aber "frisches Fieber von den Himmeln" zu holen, ist etwas anderes.

Das Thema wird fortgesetzt in Teil 2: Beispiele für die Verwechslung von Affekten und Wille. Ich könnte auch sagen: Beispiele für die Verwechslung von Instinkt und Erleuchtung. Wir treffen die großen Psychologen Sigmund Freud und Car Gustav Jung, reden über Sex und besuchen einen Stamm von edlen Wilden. Interessiert? Hier entlang, bitte!

Fußnoten

* Der geneigte Leser wird darauf hingewiesen, dass es sich hier um das gefürchtete Thelema Ekeltraining handelt. Ich behandle das Thema demnächst in aller Ausführlichkeit; Ungeduldige lesen vorerst hier weiter.
*In Nuit, Vers 5 spricht sie: "Help me, o warrior lord of Thebes, in my unveiling before the Children of men." Children ist im Manuskript groß geschrieben. Große Kinder also, wer sollte das sein? Die Kinder der Sternengöttin Nuit. Die Suchenden sind also gemeint, die, für die das Liber Legis geschrieben wurde. Im gesamten ersten Kapitel des Liber Legis wird das Thema behandelt.

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Über den Autor

Interessen: Thelema, Kunst, Gesellschaft. Ich will eine Welt, auf die ich mich freue, wenn ich mir vorstelle, dass ich sie später wieder betrete. Die jetzige taugt mir noch nicht. Der Blog ist ein Teil unserer groß angelegten MultiWelt Verschwörung:
Verführung, Ansteckung mit Phantasie, Austreibung von Stumpfsinn. Mehr darf ich noch nicht sagen :-)