Thelema Glückstraining Teil 2: Die Bedrohung des Gewohnten - Glück und Lust - Erfolg ist dein Beweis

Nachthimmel
Andere Realität erfahren, alternative Wirklichkeiten - Wunschtraum vieler Menschen, Thema von Romanen, Fantasy und SciFi - und wie das eigentlich geht, wie du so etwas erfarhen kannst, darum geht es in diesen Artikeln.

Der zweite Teil zum Thelema Glückstraining. So unzeitgemäß, dass die Presse es in Ekeltraining verdrehte. Das klang zotig, verrucht, skandalträchtig: es klang nach perversem Treiben und Michael D. Eschner hatte en passant die ihm zugedachte Rolle bekommen: "böser Guru". Das ist der Aufreißer (Pardon: Aufmacher, neudeutsch: Teaser), um in Sekunden ein Zerrbild von etwas zu zeichnen, das fremd war. 6000 Fuß jenseits von Ku'damm und RIAS Gebäude und doch mitten in Berlin: die Thelema Abbey.

Der erste Teil - Das Thelema Glückstraining: begann mit dem Beispiel "Ich mag keinen Fisch essen" - Wie ändere ich das? Es ging um Wilhelm Reich und was die Lockerung des Muskelpanzers mit De-Konditionierung (Freiheitsgewinn) zu tun hat. Inwiefern fängt Ausbildung dort an, wo die Aufklärung endete?, und andere spannende Fragen.

Der Ausbilder als Bedrohung

Besteht nicht bei jeder De-Konditionierung die Gefahr, dass der verinnerlichte Sklavenhalter besiegt und durch den äußeren ersetzt wird? Das hört sich vielleicht theoretisch oder misstrauisch an, aber zum einen ist Misstrauen nicht per se schlecht, zum anderen ist das die oft wiederholte Sorge der Warner. Der Auszubildende gibt die Sicherheit seines bisherigen Weltbildes auf, er hat nicht sofort Ersatz/ Alternativen parat, sondern er begibt sich in eine Leere und sucht neue - hoffentlich bessere - Antworten. Können in der sensiblen Phase neue Abhängigkeiten entstehen? Grundsätzlich ja.

Was für ein Bewusstseinszustand gehört dazu, um menschliche Beziehungen durch Machtstrukturen zu beschreiben? Es klingt trivial: Dazu gehört ein Bewusstsein, die Welt in Macht und Ohnmacht, in Herrschaft und Unterdrückung zu gliedern. Und zwar unabhängig von Thelema: immer und überall. Der eigene Chef, die Ehefrau, die Nachbarn, andere Autofahrer im Straßenverkehr usw. usf. ... Wem das fraglos normal ist, der wendet diese Art des Denkens in Herrscher-Beherrschten-Verhältnissen auch auf spirituelle Entwicklung an. Was kommt da raus? Spiritualität ist Scharlatanerie, da gehts nur um Geld und Sex und eben: um Macht. Wer dir helfen will, verarscht dich nur! (Wer andere Differenzen als die von Macht/ Ohnmacht lebt, erfasst natürlich auch spirituelle Fragen in einer anderen Dimension).

Was für eine Beziehung wird geschaffen, wenn die Interaktionen durch die Machtmetapher beschrieben werden? Es wird eine Beziehung sein, in der immer beide Seiten gebunden sind! Der Herr bedarf des Knechtes und der Knecht des Herren. Auch die herrschende Partei (Ausbilder/ Chef/ Therapeut) kann nicht aus der Bindung raus, wenn Macht eine Beziehung konstituiert. Mike führt in der taz zur Frage nach der Macht des Befreiers aus, [falls] " ... nicht de-konditioniert würde, sondern auf eine bestimmte Person neu-konditioniert würde, wären beide gleichzeitig gebunden." Man ist hier vielleicht geneigt zu fragen, wie man das ausschließen könne. Gar nicht. Man kann das "... sicherlich nie ausschließen - aber das setzt jemanden voraus, der kein Interesse an der eigenen Weiterentwicklung hat." So jemanden nennt Aleister Crowley einen Schwarzen Bruder; in "Der Weg der Befreiung" habe ich den näher beschrieben. Jemand, der Mike nicht selbst kannte, braucht sich ja nur seine Bücher und Artikel anzusehen, und Mikes vielfältige Interessen und unbändige Neugier wird ihm ins Auge springen. Von der "Suche nach der Lebensform", schrieb Mike in seiner Vita, war er auf die "Lebensform der Suche" gekommen.

Zwischenspiel: Glückstraining & Dekonditionierung als superkurze Bildgeschichte

Spannung: Muskelanstrengung beim Body Building

entspannte Katzen
Der Bodybuilder und die dösende Katzen bringen das Thema auf den Punkt. Spannung und Lockerung sind beide gleich wichtig und gleichermaßen gut (oder schlecht - es kommt auf die Situation an). Je besser wir die Muskeln willentlich anspannen und entspannen können, desto feiner können wir auch feinere Energien lenken (Gedanken, Stimmungen) Übel ist, und darum schreibe ich hier überhaupt zu dem Thema, wenn ein Automatismus Spannung und Entspannung regelt und die freie Wahl verstellt. Und das ist der Normalfall, die meisten können gar nicht anders. Um das zu ändern, wurde das Thelema Glückstraining entwickelt.

3. Glück, Lust

Zum Begriff "Glück" erläutert das Lexikon: "Als Erfüllung menschlichen Wünschens und Strebens ist Glück ein sehr vielschichtiger Begriff, der Empfindungen vom momentanen bis zu anhaltendem, vom friedvollen bis zu ekstatischem Glücksgefühl einschließt, der uns aber auch in Bezug auf ein äußeres Geschehen begegnen kann, zum Beispiel in der Bedeutung eines glücklichen Zufalls ..." Ekstatisches Glücksgefühl - darauf basiert das Glückstraining der Abtei Thelema. Glückliche Zufälle gibt es auch, manchmal, sie können einem passieren - oder sie können ausbleiben, darum war die Ausbildung darauf angelegt, den Prozess selbst in die Hand zu bekommen. Seines eigenen Glückes Schmied zu werden, nicht auf die Zufälle zu hoffen.

Das Wort "Glück“ stammt vom alten Wort lucke (lucke - lucky im Englischen) und mittelhochdeutsch gelücke/lücke ab. Es bedeutete die "Art, wie etwas endet/ gut ausgeht". Glück war also schon damals nicht der kurze Moment, sondern der günstige Ausgang eines Ereignisses. Was passt denn besser in das Konzept der Gottwerdung des Menschen von Thelema als Glück? Da geht es immer um die langfristige Entwicklung, um die Lebensperspektive auf lange Sicht. Und ich meine wirklich: lange Sicht; Einzelheiten über den Weg zur Unsterblichkeit.

Lust und Freude hängen in der Philosophiegeschichte schon immer eng zusammen. Bei den Griechen bedeutete Lust "die durch den Geschmack vermittelte angenehme Empfindung"; die Römer übersetzten es mit 'voluptas' [zit. n. Hist. Wörterbuch d. Philosophie]. Bei Platon steht das Verhältnis von Lust zum Guten im Vordergrund. Als Grundlage der Eudämonie (des Glücks) ist nur ein aus Vernunft und Lust gemischtes Leben denkbar und geeignet. Über die Ausbildungsschwerpunkte Logik, Argumentationstraining, Programmieren kann ich hier nicht eingehen, es würde den Rahmen sprengen. Ich halte nur fest, dass das Glückstraining, die Steigerung von Glück und Lockerung des Muskelpanzers niemals der alleinige Schwerpunkt waren. Sondern die Ausbildung war jeher umfassend auf den ganzen Menschen abgestimmt.

4. Über die "Umkehrung der Sinne"

In "Tantra und Sexualmagie" ist ein zentrales Konzept die Umkehrung der Sinne. Wenn man das übergeht, erhält man das, was ein Tantra Wochenendseminar bietet. Man kann da etwas Lust, Exotik und Wohlfühlen bekommen. Das ist das, was heute unter Tantra bekannt ist, hat aber mit dem spirituellen Weg nichts zu tun. Man könnte hier meinen, es ginge um die Entscheidung zwischen rechtshändigem und linkshändigem Tantra. Aber diese Meinung würde etwas Wichtiges übersehen: Die traditionellen zwei Wege im Tantra, der rechte und der linke Pfad, erfordern beide Ernsthaftigkeit und Ausdauer und Disziplin in hohem Maß. Sie fordern beide von den Adepten Hingabe und Selbstüberwindung, denn das Ziel ist die Gottheit. Ein Wochenendseminar kann das nicht leisten. Niemals.

Also noch einmal: Die Umkehrung der Sinne ist ein zentraler Gehalt tantrischer Operationen. Ich behaupte, sie spielt in rechtshändigen und linkshändigen Schulen die gleiche Rolle (insofern, als beide die Einheit von Mensch und Gott anstreben). Es sind die herben Lektionen, die gegen die Gewohnheit gehen und somit das Letzte, was ein Wochenendseminar in exotischer Umgebung bieten würde.

Mehr noch: Wer heute etwas über "Tantra" hört, liest oder sich als Video ansieht, der bekommt Varianten, die ihn heiliger machen, ohne etwas abzuverlangen -  hat mit einem spirituellen Weg (einerlei, ob rechts oder linkshändig) nichts zu tun. Ernsthaftigkeit, Ausdauer, die Grenzen des Ich übersteigen, machen den spirituellen Weg aus.

Ich hatte oben gesagt, dass die "Umkehrung der Sinne" (Teil des Glückstrainings) ein essentieller Bestandteil jeder Persönlichkeitsentwicklung sei, dass sie in beiden tantrischen Schulen berücksichtigt werde usw. Ich will diese These belegen, indem ich einen katholischen Heiligen und sein Wirken beleuchte.

Das Wirken Phillip Neris

Phillip Neri, Goethes LieblingsheiligerWenn jemand glaubte, ich verbreite hier nur eine Ideologie, die zu Thelema passt, weil sie zu Thelema passt, darf er jetzt zur Kenntnis nehmen, dass es sich anders verhält. Wenden wir uns einem Heiligen zu, der nicht im Verdacht stand, thelemisches Tantra zu praktizieren: Phillip Neri, katholischer Heiliger. Philip Romolo Neri (1515 – 1595), auch bekannt als der dritte Apostel von Rom (nach Petrus und Paulus). Er war eine herausragende Persönlichkeit der Gegenreformation im Rom; Gründer der "Kongregation des Oratoriums".

Im 16. Jahrhundert war Hundehaltung nur als notwendiges Übel bekannt, innige Kontakte, liebevoller Umgang  galten in Rom als schimpflicher Verstoß gegen die Sitte. Hunde waren unrein, verdächtigt, im Bund mit dem Teufel zu stehen. Neri pflegte seinen Hund an einer Kette durch die Stadt zu führen, seine Schüler mussten das Tier auf den Armen durch die Straßen tragen. Gelächter und Spott der Menge waren ihnen sicher, es war also ein Bruch der Konventionen, was Neri ihnen abverlangte.

"Auch mutete er seinen Schülern und Genossen andere unwürdige Äußerlichkeiten zu. Einem jungen römischen Fürsten, welcher der Ehre, für ein Ordensmitglied zu gelten, mitgenießen wollte, wurde angesonnen, er solle mit einem hinten angehefteten Fuchsschwanze durch Rom spazieren, und, als er dies zu leisten sich weigerte, die Aufnahme in den Orden versagt. Einen andern schickte er ohne Überkleid und wieder einen mit zerrissenen Ärmeln durch die Stadt. Dieses Letztern erbarmte sich ein Edelmann und bot ihm ein Paar neue Ärmel an, die der Jüngling ausschlug, nachher aber auf Befehl des Meisters dankbar abholen und tragen musste. Beim Bau der neuen Kirche nötigte er die Seinen, gleich Tagelöhnern die Materialien herbeizuschaffen und sie den Arbeitern zur Hand zu langen." (nach: Johann Wolfgang Goethe, Italienische Reise) Was Neri also immer wieder forciert, ist, die Standesschranken aufzubrechen. Das Kastensystem des christlichen Abendlandes war damals noch das einzige erlaubte Schema, wie Menschen als Gesellschaft zusammenleben. Die soziale Rolle (das sozialisierte Ich) derart zur Disposition zu stellen, wie Neri es tat, hieß, seinen Schülern die Gewissheit zu nehmen, dass sie noch in der Gesellschaft leben.

Dazu passt Goethes Bemerkung: "Gleichermaßen wusste er auch jedes geistige Behagen, das der Mensch an sich empfinden mochte, zu stören und zu vernichten. Wenn die Predigt [Also wieder: in der Öffentlichkeit!, und an exponierter Stelle] eines jungen Mannes wohl zu gelingen und der Redner sich darin selbst zu gefallen schien, unterbrach er ihn in der Mitte des Worts, um an seiner Stelle weiterzusprechen, befahl auch wohl weniger fähigen Schülern, ungesäumt hinaufzutreten und zu beginnen ..."

Goethe attestiert, dass diese Methoden "wirksam und mächtig" waren. Indem er sie aus ihrer Rolle hinauskatapultierte, mussten sie aus ihren gewohnten Bahnen raus. "(D)urch Neigung und Furcht, durch Ergebenheit und Gehorsam (verlieh Neri) dem innersten Wollen des Menschen die große Gewalt (...), trotz allem Äußern sich zu erhalten, um allem, was sich ereignen konnte, zu widerstehen, da es befähigt, selbst dem Vernünftigen und Verständigen, dem Herkömmlichen und Schicklichen unbedingt zu entsagen." (Goethe; Italienische Reise) Wie viele außer Goethe haben Neris Methode so scharf analysiert?

5. "Erfolg ist Dein Beweis!"

Ungefähr alle 2.000 Jahre beginnt ein neues Äon. Einerseits ist es die Aufhebung des vorigen. Zugleich lässt sich vermuten, dass es in den Anfängen einige Ähnlichkeiten gibt. Der Thelemit und der Urchrist haben mehr gemeinsam, als der Urchrist und der Calvinist.

"Einige Kinder spielten und kneteten Vögel aus Ton. Der kleine Jesus spielte mit. Jeder der kleinen Künstler lobte ausschließlich seine Arbeit. Jesus schwieg, als er seine Vögel aber fertig hatte, rief er in die Hände klatschend 'Fliegt“!', und sie flogen davon."

Die Passage stammt von Eliphas Levì, der Prä-Inkarnation von Aleister Crowley, bekannte Prä-Inkarnation von Michael D. Eschner. Er erzählt eine Geschichte aus den apokryphen Evangelien nach; dann kommt er darauf zu sprechen, dass Jesus von den Juden der Magie angeklagt wurde. Womit sie recht hatten, räumt Levì ein: Jesus wirkte Wunder, er heilte und lehrte und erleuchtete.

Die Juden hatten den Zugang zur Gottheit verloren, sie lebten in steriler Abgeschiedenheit, wie heute die christlichen Amtskirchen. Levì weiter: "Wenn sie Jesum als Neuerer anklagten, bekundeten sie damit nicht, dass sie ihre Vorfahren vergessen hatten?" Kurz darauf gibt er die entschiedene Antwort "Ein Vergleich der geheimnisvollen Lehren des Sepher Jezirah und Sohar mit der Apokalypse des hl. Johannes ergibt dies mit Sicherheit." Und was folgt daraus für den Abbè Constant? Er folgert, dass die Gemeinschaft um Jesus keine Ketzer (heute würde er sagen: keine Sektierer) waren, sondern er sieht sie als "wahre, orthodoxe Überlieferung des Judentums und die Pharisäer und Schriftgelehrten als Ketzer ..."

Wie wäre es mit einer Zeitreise ins Jahr 1983 nach Berlin? Adresse: A.A. Thelema. Du brauchst nur einige Akteure zu ersetzen und liest plötzlich eine hellsichtige Beschreibung des Kampfes um die Weltseele am Beginn des Wassermannzeitalters. Es ist alles schon mal da gewesen: die dunkle Magie, die Verteufelung der Menschen, die einen neuen Kult leben, statt dem Muff von tausend Jahren weiter zu folgen, das "Ekeltraining", wo Menschen das Wissen der Psychologen ernst nehmen.

Und warum erzähle ich das? Irgendwann geht es nicht nur um Geschichte(n) und alles das sind Probleme anderer Leute, sondern es kommt der Moment der Wahrheit, da bekommt jeder mit, dass er/ sie mit seinen/ ihren Wahrheiten lebt und vielleicht stirbt. Jeder erschafft die Welt, in der er lebt. Ich wünsche dir, Leser, dass dich diese Einsicht trifft, solange du noch handlungsfähig bist.

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Über den Autor

Interessen: Thelema, Kunst, Gesellschaft. Ich will eine Welt, auf die ich mich freue, wenn ich mir vorstelle, dass ich sie später wieder betrete. Die jetzige taugt mir noch nicht. Der Blog ist ein Teil unserer groß angelegten MultiWelt Verschwörung:
Verführung, Ansteckung mit Phantasie, Austreibung von Stumpfsinn. Mehr darf ich noch nicht sagen :-)