Thelema Glückstraining Teil 1: Igitt Fisch!? - Muskelpanzer und Blockaden - Wilhelm Reich - Ausbildung und Aufklärung

Hier ist der lange versprochene Artikel zum Thelema Glückstraining. So unzeitgemäß, dass die Presse es in Ekeltraining verdrehte. Das klang zotig, verrucht, skandalträchtig: es klang nach perversem Treiben und Michael D. Eschner hatte en passant die ihm zugedachte Rolle bekommen: "böser Guru". Das ist der Aufreißer (Pardon: Aufmacher, neudeutsch: Teaser), um in Sekunden ein Zerrbild von etwas zu zeichnen, das fremd war. 6000 Fuß jenseits von Ku'damm und RIAS Gebäude und doch mitten in Berlin: die Thelema Abbey.

Weil das Thema sich ausgewachsen hat, gibt es einen Teil zwei: Das Thelema Glückstraining: Der Ausbilder als Bedrohung - Die Umkehrung der Sinne - "Erfolg ist dein Beweis!" Als erstes ein paar Begriffsklärungen; sie sind für das Weitere unvermeidlich.

Begriffsklärung

Begriff Charakterisierung Konnotation
Glückstraining De-Konditionierung (s. Wilhelm Reich, Timothy Leary) also Auflösen von Reiz-Reaktions-Verhalten mit dem Ergebnis von mehr Handlungsmöglichkeiten = mehr Freiheit; jemand bemerkt seine Beschränkungen, die Schranken werden besprochen, Wege gesucht, um die Begrenzungen zu überwinden. Das Ergebnis = die Bestätigung ist eine gefühlte Energiewelle, Ekstase, Glück - daher der Name. Betonung auf dem Ergebnis der De-Konditionierung, auf dem Zugewinn an Möglichkeiten zu handeln, zu fühlen, zu denken.
Ekeltraining Jeder mag irgendetwas nicht. Gerade das, wovor es einen Menschen ekelt, darauf wird er/ sie gestoßen. Die Auseinandersetzung als psychische Belastung, das Konzept wird moralisch abgeurteilt. Betonung auf der Konfrontation, der Infragestellung des Gewohnten/ Normalen. Es ist eine Zumutung an die menschliche Natur, Verstoß gegen die guten Sitten.
Umkehrung der Sinne s. Glückstraining; im Tantra wird auf die energetischen Aspekte psychischer Blockaden großer Wert gelegt, Ziel ist die Überwindung der Blockaden. Vom Großteil der psychologischen Schulen unterscheidet es sich durch diesen Schwerpunkt. Nach verbreiteter Auffassung ist rechtshändiges Tantra die wahre Lehre und moralisch wie spirituell rein; der linkshändige Weg, wo nicht symbolisiert und allegorisch überhöht wird, wo Reinigung eine ebenso große Rolle spielt, gilt als anrüchig.

1. Ein Beispiel: "Ich mag keinen Fisch".

Spaghetti mit Garnelen auf einem Teller lecker angerichtet

Wenn du keinen Fisch magst, wie kannst du anfangen und diese Abneigung überwinden? "Fischstäbchen" ist die falsche Antwort, das ist kein Fisch. Also was dann. Du könntest z.B. Spaghetti (falls du gerne Spaghetti isst) kochen und auf einem Teller lecker anrichten, sagen wir, mit ein paar Garnelen.

Auf dem Bild sind es vielleicht ein paar zu viele für den Anfang, aber nach einiger Zeit könnte es so aussehen. Garnelen sind geschmacksneutral, die Kräuter und etwas Zitrone geben jedenfalls einen nicht-fischigen Geschmack. Iss mit Bedacht, schmecke genau hin. Später kannst du zu anderen Meeresfrüchten übergehen oder den Fischanteil erhöhen. Das Prinzip ist verständlich? Gut. Später kannst du z.B. so etwas probieren:

Kaviar auf Brot

Das ist Kaviar auf Brot. Am Anfang vielleicht zuviel, jetzt nicht mehr. Kaviar ist eine Delikatesse. Bei dem einfachen Rezept kommt er richtig zur Geltung. Und das Foto zeigt, wie etwas einfach und gut und ansprechend fürs Auge sein kann.

So weit alles klar? Jetzt will ich dir noch zeigen, wie du auf gar keinen Fall anfangen solltest.

FischköpfeDas sind abgeschnittene Fischköpfe vom großen Fischmarkt in Barcelona. Die kommen nicht in die Auslage, sondern in die Kiste unterm Tisch. Der Händler wurde sehr ungehalten, als ich das Foto geschossen hatte.

Und diese Art von Bild ist es, worauf die Sensation um das Ekeltraining aus ist. Das was jemand nicht mag/ leiden kann/ aushalten kann, darauf wird scharfgestellt. So in der Art: "Die müssen da Sachen machen, die kein normaler Mensch tut!" Skandal! Wer ist eigentlich ein normaler Mensch und wer ist es nicht? Wer die Empörung nicht teilt, ahnt immerhin, dass er auch ein Perverser ist ... Wenn wir das nüchtern betrachten, geht es um Außenansicht und Innenansicht zum Glückstraining.

2. Außenansicht und Innenansicht

Da prallen zwei Welten aufeinander, selten findet man das so klar wie im taz-Interview von 1988. Der taz-Reporter gibt die gängige Sichtweise prägnant wieder, und er stellt es sachlich fest, er skandalisiert nichts. Mike stellt eine andere Perspektive gegenüber. Er zeigt die Entwicklungsdynamik, so gut das verbal möglich ist.

  • Außenansicht: Jemand hat eine Hemmung/ Abneigung und konfrontiert sich damit - das aktualisiert verdrängte Ängste, manchmal etwas Bedrohliches.
  • Innenansicht: Jemand hat eine Hemmung/ Abneigung und überwindet sie - das ist befreiend, beglückend.

Die taz nennt drei Ausbildungsschwerpunkte,

  1. "den Körper zu lockern, um die Energie fließen zu lassen"
  2. Vorbereitungsübungen auf magische Praxis, das sind wesentlich "Übungen wie Imaginations- und Konzentrationsfähigkeiten"
  3. "das Brechen der Konditionierung, auch bekannt geworden als Ekeltraining" - hier haben wir das Glückstraining.

MDE korrigiert sofort, "Glückstraining." Und die taz fährt fort, als wäre nichts gesagt worden: "Nun, das Ekeltrainung hat den Thelemiten doch die freundliche Beschäftigung durch die Presse beschert." Als ich das schreibe, muss ich feststellen, dass sogar mein Wörterbuch beim Wort Ekeltraining streikt. Ich bin gespannt, was es stattdessen vorschlägt. Änderungsvorschlag ist: „Zirkeltraining“ - weit daneben!

Aber geht es nicht darum, das Ich zu brechen? Brechen ist der falsche Ausdruck für den Vorgang. Er ist unpassend, weil zu martialisch, die Persönlichkeit wird dualistisch konzipiert. Die Schlange, die die Haut erneuert, das Ei, das von innen (!) aufgeschlagen wird - das sind Metaphern für Verwandlungen. Das sind keine exakten Beschreibungen! - Ach so ... Ich dachte, das ist das, was Sie in der Abtei praktizieren ...

Erinnerungen sind kein Datenbackup...

Der Psychologe Wilhelm Reich... und der menschliche Leib ist keine Maschine. Noch einmal von vorn: Wilhelm Reich und verschiedene andere psychologische Theorien sprechen vom Panzer des (traumatisierten) Ich. Der Muskelpanzer hat frühe Erfahrungen im Körper sowohl gespeichert wie auch verstaut. Weggepackt und vergessen, doch wer die Muskelverspannungen löst, erinnert sich auch an etwas. Woran? Manche stellen sich vor, dass eine Erinnerung wie ein archiviertes Beweisdokument bei Gericht aufbewahrt wird - noch eine viel zu statische Meinung.

Es können sich Bilder, Gefühle, erlebte Szenen sehr real wieder zeigen; es kann auch anders sein. Erinnerungen sind etwas anderes als digital gespeicherte Daten, sind keine Backups sondern sind hergestellt im Moment des Erinnerns. Erinnerungen sind keine Re-Konstruktion von dem was mal war - sondern Konstruktion. Sie sind keine Tatsachen, sondern formbar wie alles Gedankliche.

Wenn jemand einen verspannten Muskel lockert, kann sich eine frühkindliche Erinnerung einstellen, eine stressige Auseinandersetzung vom Vortag, ein freudiger euphorischer Gedanke an die Zukunft oder etwas anderes. Von Angst über Wohlbefinden bis Ekstase ist alles möglich. Vorhersagen kann niemand machen, es liegt an der Verfassung und Stimmung desjenigen, das Setting spielt auch eine Rolle.

Ich und Selbst und der Muskelpanzer

Zurück zu Wilhelm Reich. Der Muskelpanzer und die Verpanzerung des Ichs korrespondieren miteinander. Je verspannter ein Körper, desto fester die Ideenwelt und die Normen des Menschen. Und je lockerer ein Körper, desto lockerer im Kopf, offen für fremde Ideen und toleranter ist der Mensch. Die meisten Menschen sind zu verspannt, bemüht, ihre Traumata zu vergessen, leben sie mit angezogener Handbremse.

Es sollte deutlich werden, dass die generelle Richtung jeder Persönlichkeitsentwicklung heißt: Lockere dich! Bleibe kein Produkt der Sozialisation, sondern prüfe das gesellschaftstaugliche Ich, soweit du dich damit identifizierst, hast du nur eine austauschbare Funktion zur Arterhaltung, Reproduktion und als Rentenfinanzierer für den Staat. Individualität, Göttlichkeit? Einzig und unersetzlich wirst du nur, wenn du die Ich-Illusion überwindest und dein Selbst entwickelst.

Gegen die Gewohnheit handeln?!

Das verpanzerte Ich ist fremdbestimmt. Der Muskelpanzer stabilisiert die Psyche und die starre Psyche bildet Gewohnheiten, die den Körper immer wieder in die Bewegungs-, Haltungs-, und Verspannungsmuster dirigieren. Verspannungen sind ein Nebenprodukt von sozialen Rollenvorgaben - man lebt mit ihnen, wenn man diese Art zu vegetieren denn leben nennen möchte. Darum sagt Wilhelm Reich, dass der Muskelpanzer aufgebrochen werden soll. Er schätzte es so ein, dass Menschen das nicht von sich aus tun, darum ist es die Aufgabe des Therapeuten, ihnen dabei zu helfen.

Alles viel zu kompliziert, um es als "Story" zu verkaufen. Und es könnte unangenehme Selbstzweifel beim Leser anregen: Wie ist das denn bei mir? Doch unter dem Schlagwort vom "Ekeltraining" in der Abtei Thelema wurde es storytauglich: Die Prüfung bestehe darin zu tun, was den Thelemiten zuwiderläuft. Je größer die Hemmung, desto besser. Den weisen Begleiter (Therapeut) ersetze hier der Guru.

Mike antwortete darauf im taz-Interview, dass man "[a]uf den unteren Ebenen (...) versuchen muss, die verfestigten Strukturen aufzubrechen, während diese Prüfungen bei denen, die weiter sind, länger dabei sind, keinen Wert haben." Man muss es "versuchen", denn ohne solche Initiation glaubt das verpanzerte Ich nicht, dass es Lebenswege jenseits seiner fertigen Rolle geben könne. Und der Ausbilder kann es nur "versuchen", denn alles Locken oder Schocken kann nur ein Anfang sein, wenn der Andere es aufgreift. Freiheit kann nicht befohlen werden.

Ausbildung ist die Fortsetzung der Aufklärung

Sie kann nicht befohlen werden! Mike wusste das. Die Journaille musste es vergessen, damit eine Story daraus wurde. Also wurde die Ausbildung als Ping-Pong von Gehorchen und Bestrafen skandalisiert. Wer die Geschichte des Vorläufers der Abbey kennt, dem springt die Parallele ins Auge: Den Mönchsrittern des Ordens der Tempelritter wurde nachgesagt, dass sie zur Initiation auf das Kreuz pissen, dem Großmeister den Hintern küssen und Jesus verfluchen. Das war im Mittelalter die abscheulichste Teufelei, so wie heute die Infragestellung des autonomen, freien, sich selbst transparenten Ichs.

Selbstbefreiung aus den härtesten Zwängen, die es gibt: aus eigenen Vorlieben und Abneigungen, kann nicht befohlen werden! Die Überwindung des Bösen - Glückstraining kann nicht befohlen, nur selbstverursacht werden. Mike wusste das und schuf dementsprechend einen Rahmen, wo er auf Verbindlichkeit und Transparenz größten Wert legte. Denn so weit ein Anderer überhaupt helfen kann, dann dadurch. "Es wird immer von Bestrafen geredet, und dann werden auch die Daumenbisse angeführt. Die Daumenbisse haben innerhalb des Glückstrainings nur den einen Zweck, Bewusstheit zu schaffen ...", erläuterte er der taz. Er hatte anfangs in Berlin den radikalen Konstruktivismus als einzig valide Grundlage der Ausbildung angenommen; der Konstruktivismus ist die empirische Grundlage, um sowohl Sozialisation zu konstatieren wie zugleich auch Freiheit und Selbstbestimmung als irreduzible Basis des Menschen anzunehmen. Er hatte den Geist der 68er eingesogen. Er hatte Crowley, Gurdijeff und Leary studiert. Seine eigene magische Ausbildung war sexualmagisch ausgerichtet. - Was sollte denn aus diesen Wurzeln erwachsen? Symbolische Kaffeekränzchen? Es scheint niemandem aufzufallen: Die wilden Anfangsjahre der Abbey waren schon enorm diszipliniert durch Didaktik und verfeinerte Methodik. Sicher, die Ausbildung war unorthodox, setzte auf drastische Mittel und Methoden, war außerhalb der Konventionen, konsequent ohne die üblichen Hintertürchen, die Psychologen und Esoteriker in ihre Lehre einbauen.

"Er muss lehren, aber er darf die Prüfungen schwer machen", orientiert das Liber Legis den Propheten von Thelema. Er hat es ernst genommen. Das Glückstraining hört nicht bei der Konfrontation mit stupiden Vorurteilen auf - es fängt da erst an. Das weitere Training sind "... Entscheidungen, die innerhalb der Ausbildung hochkommen; es werden gewisse Schranken entdeckt, die werden besprochen, und dann überlegt man, wie man diese Begrenzungen angehen kann, und letztlich entscheidet dann der Betreffende, ob er es nun direkt tut oder ob er noch Zeit braucht." O-Ton MDE.

Ausbildung, schrieb Mike in dem Buch "Götterdämmerung", ist die Fortsetzung der Aufklärung. Fortsetzung heißt, dass man sich auch die Fehler der Aufklärer ansieht und den Mut hat, die Konsequenz zu ziehen, es nicht noch einmal so anzugehen - sondern anders. Die Aufklärer wollten Menschen zu Freiheit verhelfen und setzten zu sehr auf Einsicht und Rationalität.

Es ist kein primär kognitiver Prozess, Denken/ Überzeugungen und die leibliche Verfassung hängen eng zusammen. Womit wir wieder bei Wilhelm Reich, dem Muskelpanzer und dem Ausweg aus der sozialisierten Tunnelrealität sind. Ausbildung, wie Mike sie praktizierte, nahm eine weit verbreitete Sache sehr ernst: Oft ist es zweierlei, was ein Mensch sagt und was er tut. Der Ausbilder antizipiert kontrafaktisch, dass der Auszubildende frei sein will (sich vom Ich lösen will und zum Selbst gelangen will) und seine Begrenzungen überwinden will. Er übernimmt aufgrund dieser Antizipation die Rolle, die der Auszubildende nicht übernehmen kann, bis er es kann.

Webtipps

Wie sagte der fahrende Sänger, als der Polizist ihn wegen Störung der öffentlichen Ordnung aus der Stadt warf? "We are ugly, but we have the music." ... und ging seiner Wege.

Bildnachweis. Foto (Wilhelm Reich) von Robert Huffstutter

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Über den Autor

Interessen: Thelema, Kunst, Gesellschaft. Ich will eine Welt, auf die ich mich freue, wenn ich mir vorstelle, dass ich sie später wieder betrete. Die jetzige taugt mir noch nicht. Der Blog ist ein Teil unserer groß angelegten MultiWelt Verschwörung:
Verführung, Ansteckung mit Phantasie, Austreibung von Stumpfsinn. Mehr darf ich noch nicht sagen :-)