Die Sprache unserer Zeit

Wie spricht unsere Gesellschaft? Was sind wichtige Begriffe in politischen Diskussionen? Was sind die keywords? Wer sie kennt und versteht, versteht unsere Zeit besser. Manche der folgenden Begriffe lesen und hören wir tagtäglich, andere fast nie. Doch auch die verschwiegenen Begriffe enthalten einen Teil des Gencodes unserer Gesellschaft.

Ich habe die Begriffe so genau erläutert, wie es mir sinnvoll schien. Auch Kontexte und Besonderheiten bei der Verwendung habe ich herangezogen. Aus beidem ergibt sich, dass Lücken und Leerstellen bleiben. Lies die Erläuterungen als Deutungsvorschläge: Ergänze, korrigiere oder verwirf Teile davon. Das liegt ganz bei dir. Letztlich muss jeder mit seinen Interpretationen leben. Und vielleicht nicht nur "mit" ihnen, sondern in ihnen. Will sagen: sie machen einen entscheidenden Teil der Lebenswelt aus.

Ansprüche

Der Sozialstaat hilft Menschen, die seine Angebote benötigen. Zunächst müssen sie ermutigt werden, staatliche Hilfen in Notlagen in Anspruch zu nehmen. Stolz, Scham, Streben nach Unabhängigkeit stehen dem entgegen und müssen abgebaut werden. Die Vertreter des Sozialstaates in Politik und Verwaltung arbeiten seit Bestehen der Bundesrepublik an der entsprechenden Theorie. Im Kern ging und geht es darum, die Ursache der persönlichen Notlage der "Gesellschaft" anzulasten. Wer ist "die Gesellschaft"? Das variierte im Lauf der Jahre immer wieder. Mal waren die Feindbilder drastisch klar ("die Manager"), mal vage ("die angespannte Wirtschaftslage"). Wichtig ist: nur wenn die Gesellschaft die Probleme verursacht hat, dann muss die Gesellschaft die Notlage auch beheben. Das ist die Ideologie der Staatsvertreter. Denn wer die Gesellschaft ist und ob sie die Notlagen beheben kann, das bleiben strittige Fragen. Jedenfalls wird mit dieser Ideologie ein Anspruch auf Wiedergutmachung begründet. Jetzt haben wir ihn, den Anspruch. "Die Generalhypothese, dass bis zum Beweis des Gegenteils wohl die Gesellschaft schuld sein werde, macht einen größeren Teil der früheren sozialen Forschung entbehrlich" (Aichinger, 1958).

Arm zu sein sollte keine Schande mehr sein und Staatshilfe wird zum guten Recht. Schon in der Weimarer Republik ging das los. Im Dritten Reich wurde die Staatshilfe forciert wurde und nach dem 2. Weltkrieg nochmals erweitert. 1924 wurden aus den "Armen" die "Hilfebedürftigen". Das Bundessozialhilfegesetz von 1961 kennt nur noch "Hilfesuchende" und "Hilfeempfänger". Heute gibt es unterschiedslos Leistungsempfänger (*). Vielleicht sollen wir vergessen, dass Geld vom Staat eine Hilfe ist bzw. sein sollte, jedenfalls nicht der Normalfall eines unselbständigen Lebens.

"Sozialhilfe ist kein Almosen. Wer früher in Not geriet, war auf das Wohlwollen seiner Mitbürger oder des Staates angewiesen. Er musste sich mit dem begnügen, was man ihm freiwillig gab. Armenpflege nannte man das, später Fürsorge. Heute haben wir ein Bundessozialhilfegesetz, das denen einen Anspruch auf Hilfe gibt, die in Not geraten sind. Sozialhilfe soll vor allem Hilfe zur Selbsthilfe sein ..." So liest sich das in einer Broschüre der Bundesregierung von 1987.

Und im Jahr 2017 geht es darum: Arbeitslosengeld II "soll Leistungsberechtigten ermöglichen, ein Leben zu führen, das der Würde des Menschen entspricht. Allerdings kann es durch zulässige Sanktionsmechanismen im Extremfall vollständig gestrichen werden, die Sicherung eines Existenzminimums gilt demnach nicht bedingungslos." (Wikipedia)

Antifaschismus

Mancher schüttelt vielleicht den Kopf bei dem Wort Antifaschismus. 'Das ist aus der Mottenkiste, so redet keiner heute!' Udo Lindenberg ist seit Jahren stolz darauf, 'gegen Rassismus und gegen Rechts' zu sein, und andere mit ihm. Woher kommt es, dass Anti-Rassismus gegenüber Rassismus bevorzugt wird? Wieso ist kulturelle Vielfalt ein Wert? Wenn sich jemand gegen politisch rechte Ansichten stellt, woher weiß der, was er stattdessen will? Wenn man beim Wort Antifaschismus anfängt, sieht man die Gegenwart mit anderen Augen.

Die Kommunistische Internationale übertrug um 1925 den Faschismusbegriff von der Partito Nazionale Fascista auf Parteien außerhalb Italiens. So wurde aus einer einzelnen Partei ein Parteientyp. Die kommunistischen Linken schufen damit einen kompakten Feindbegriff, denn welche Partei "faschistisch" war, legten sie fest. Zugleich konnten jetzt die politischen Konkurrenten als Antifaschisten vereinheitlicht werden. Jede Partei, die sich gegen eine als faschistisch ausgemachte Partei positionierte, war nun als taktischer Bündnispartner anderer Antifaschisten adressierbar. Die Kommunisten wollten mit dieser ideologischen Front ihren Einfluss stärken. Übrigens: Auch die Sozialdemokraten wurden als Faschisten ausgemacht, die These vom "Sozialfaschismus" war geboren. Die Sozialdemokratie galt als der „linke Flügel des Faschismus“ und sollte vorrangig bekämpft werden. Erst 1933, nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten, vergaßen die Kommunisten ihre These vom Sozialfaschismus und suchten das Bündnis gegen Hitler.

Antifaschismus wurde die Hauptsäule der Staatsideologie der DDR. Wenn Sozialismus erklärungsbedürftig wurde, dann wurde er in "Antifaschismus" übersetzt und fand darin seine Legitimation. Sozialismus und Antifaschismus wurden identifiziert. Abweichend davon schlage ich vor, den nationalen Sozialismus und den internationalen Sozialismus als zwei (konkurrierende) Brüder zu verstehen. Das Buch zum Thema trägt den Titel "Wir Erben Adolf Hitlers".

Nach der Wiedervereinigung kam der alte Kampfbegriff zu neuer Blüte. Er schwingt in den NPD Verbotsverfahren mit und in den Berichten über eine Verbindung namens NSU etc.pp. Meines Erachtens sagen diese teils absurd anmutenden Versuche der Stigmatisierung nichts über die verteufelte Sache. Sondern sie sagen meist nur: Es gibt Zeitgenossen, die die Einheit der Gesellschaft in einem Feindbild suchen, das so extrem gezeichnet wird, dass die Zustimmungswahrscheinlichkeit maximiert wird. Im Mittelalter hätte man sagen können: die Leute malen den Teufel an die Wand, um dann kreischend mit erhobenem Zeigefinger drauf zu zeigen, sich darüber erschrecken und erwarten, dass alle anderen auch weglaufen.

Drohung

Wie uns die Massenmedien informieren, bedrohen uns Dinge, Staaten und Organisationen. Von Drohungen wird normalerweise gesprochen, wenn eine Handlung nur angekündigt wird, statt sie auszuführen, um den Adressaten zu beeinflussen. Das heißt, dass eine Drohung von einem Handelnden ausgesprochen wird. Es gibt immer eine Person (mindestens Rechtsperson), die dahintersteht. Doch mittlerweile meint in den Medien "Drohung" viel mehr. Heute drohen Wetterwechsel, Sturmtiefs, das Ausbleiben von Stürmen, eine abnehmende Singvogelpopulation oder Demonstranten. Selbst der ganz normale Normalbetrieb kann, in der Inszenierung der Medien, zur Drohung werden. "Wenn X passiert, droht alles zu bleiben wie bisher", hören wir in den Nachrichten.

Dem medialen Verschleiß des Wortes "drohen" gegenüber erklärt das Lexikon: "Eine Drohung ist die glaubhafte Ankündigung einer unangenehmen Maßnahme gegen jemanden, um ihn in seiner zukünftigen Handlungsweise zu beeinflussen". Das setzt bei dem, der droht, eine Absicht voraus. Und bei dem Adressaten (demjenigen, dem die Drohung gilt) verschiedene Verhaltensmöglichkeiten. Ich kann dem Erpresser folgen, oder mich widersetzen -  was bedeutet das? Wenn ich dem Drohenden nicht folge, dann läuft es manchmal auf eine bestimmte Handlung hinaus, oft aber gibt es ein Spektrum an Handlungsmöglichkeiten.

Wenn der Duden schon Verwarnung und Drohung bedeutungsgleich setzt ... Da droht uns kaltes Grausen!

Generationenvertrag

Die Grundlagen der staatlichen Rentenversicherung werden mit dem Begriff des Generationenvertrages legitimiert. Haben hier Generationen einen Vertrag miteinander geschlossen, der die Vertragspartner nun bindet? Nein. Es gibt weder vertraglich gebundene Partner noch ein Dokument, das Rechte und Pflichten beider Seiten festlegt - das ist alles nur Fiktion. Mit Ungeborenen können keine Verträge geschlossen werden. Und auch die Generation der heute Erwachsenen ist nicht gefragt worden, ob sie sich auf eine staatliche Rentenversicherung einlassen will. Die Versicherten haben über diese Versicherung nie abgestimmt, Otto von Bismarck führte sie ein. Der "Generationenvertrag" ist eine sozialpolitische Fiktion.

Konsumgesellschaft

Die Gesellschaft ist auf Verbrauch gestellt, sie konsumiert. Der wertende Ausdruck "Konsumgesellschaft" bedeutet, dass die Gesellschaft ihren vorher angesammelten Wohlstand aufzehrt. Hemmungsloser Verbrauch ist notwendig der Weg in die Pleite. Hier muss geholfen werden. Und wer hilft? Der Sozialstaat. Er hilft allen hilfsbedürftigen Konsumenten. Was übrigens sollen sie anderes sein als Konsumenten? Wir leben ja schließlich in dieser "Konsum-Gesellschaft", da gibt es, will der Begriff uns glauben lassen, keine Alternative. Übersehen wird dann aber, dass die Gegenwartsgesellschaft keinen Stellenplan für alle Menschen hat. In einer stratifikatorische gegliederten Gesellschaft hatte jeder seinen Platz. In der funktional differenzierten Gesellschaft hat die Heterarchie die Hierarchie abgelöst.

Hat die Gesellschaft ein Hauptmerkmal?

Vielleicht fällt auf, wie die Rede von der Konsumgesellschaft dem für alle Eventualitäten einspringenden, bevormundenden Staat in die Hände spielt. Man könnte Gesellschaft auch anders bezeichnen, z. B. als funktional differenzierte Gesellschaft. Die Bezeichnung ist jeweils dazu da, das Besondere zu benennen, ein Hauptmerkmal. "Konsumgesellschaft" sieht den Konsum als das Besondere an. Es ist eine Gesellschaft, die "in ihrem ganzen Lebensstil vorwiegend auf die Sicherung und Steigerung des Konsums" ausgerichtet ist (Zitat: Duden, Hervorhebung von mir).

Konsumiert wurde schon immer, neu ist jedoch die Sorge, es sei nicht genug da, bald sei der Vorrat verbraucht. Die Sorge könnte daher kommen, dass keiner den genauen Überblick hat, was die Gesellschaft braucht und verbraucht. Wenn alle Vorräte aufgebraucht sind, ist das Ende des Konsums erreicht, es sei denn, der Wohlfahrtsstaat übernimmt. Wer die funktionale Differenzierung der Gesellschaft betont, drückt aus, dass das Besondere die Struktur der Gesellschaft sei. Jahrtausendelang war sie hierarchisch gegliedert, im primitiven Stamm, im japanischen Kaiserreich und in den Monarchien Europas. Gliederung nicht nach Status und Hierarchie, sondern in die Breite (heterarchisch) nach Funktionen ist etwas noch nie da Gewesenes.

Monster

Der Begriff Monster leitet sich von lateinisch monstrum („Mahnzeichen“) ab. Außerdem ist er verwandt mit monstrare („zeigen“) und monere („mahnen, warnen“). Oft bezeichnet er ein ungestaltetes Wesen. Durch Gegenüberstellung mit einem ideal gebildeten Menschen werden beide Pole geschärft. Wir kennen die Kurzformel: Die Schöne und das Biest. In der Antike war ein Monster das Gegenteil des Idealmenschen. Man kannte und nutzte Monstren zur Anschauung des Ideals, zum Verstehen. Die Griechen folgten der Einsicht, dass, um zu wissen, was etwas ist, man auch wissen muss, was es nicht ist.

Wozu ist ein Monster da? In der Antike war die Antwort: Es verweist, weil es im Kontrast dazu steht, auf Harmonie und Maß - auf das Ideal in körperlicher wie ideeller Hinsicht. Und später? "Vor allem im Umkreis des theologischen Denkens der Kirchenväter und des Mittelalters ist das Monstrum ein Mahnzeichen, das die Gläubigen auf die Gefahren und Folgen eines Abweichens vom rechten Glauben hinweisen soll, das also bewusst von Gott gesetzt ist. Monster in diesem Bildbereich konnten Tiere, mythologische Mischwesen, aber durchaus auch menschliche Wesen sein." (Wikipedia) Der Begriff des Monsters ist also ein früher Ansatz, die Welt dialektisch durch Position und Negation zu begreifen. Auch Hitler und das Dritte Reich ließen sich in solcher Dialektik verstehen.

Opfer und Täter

Dem Zeitgeist entspricht, dass der ohnmächtige Mensch zum Ideal erhoben ist. Der Sozialstaat füttert dieses Ideal: "Ihr hilflosen Menschlein, der starke Staat besorgt euer Leben!" Wer etwas nicht kann, nicht weiß, der hatte in den Zeiten vor dem Sozialstaat etwas zu lernen. Das änderte sich mit der Zeit, heute ist es kein Makel, etwas nicht zu können, und in vielen Fällen fördert der Sozialstaat sogar, Defizite als Ansprüche zu reformulieren. Demütigend war es, um Geld zu bitten - das war früher einmal. Heute füllt der Leistungsempfänger (nicht mehr: Hilfsbedürftiger) einen Antrag für was-auch-immer aus und soll dies als sein gutes Recht verstehen. Das Sozialhilfegesetz forderte ihn ausdrücklich dazu auf.

Hinter Begriffen wie "Leistungsempfänger", "Leistungsbezug", "Anspruch", "Bedarfsprüfung" wird die Opfermentalität als eine zeitgemäße Lebensform versteckt. Es gibt kein Halten mehr, was staatlich anerkannte Opfer von ihren Mitmenschen verlangen dürfen, denn die sind es, die all die "Leistungen" ungefragt bezahlten. Und im Gegenzug wird der Mensch der Tat geschmäht, er ist anrüchig. Wer sich heute selbstständig macht, der wird notwendig kriminell, da die staatlichen Zwänge nicht zu erfüllen sind.

Es gibt noch eine andere Dimension von Opfern und Tätern. Die Täter bilde(te)n zusammen das Tätervolk. Das waren die Deutschen 1945, und das sind sie je nach Bedarf der Pharisäer heute auch. "Tätervolk" wurde zwar durch die pauschale Stigmatisierung der Einwohner der Bundesrepublik zum Unwort des Jahres 2003 gewählt. Aber mei, wer auf die Verurteilung der "Täter" verzichtet, wie soll der die Gemeinde der Guten als "Opfer" ausmachen? Als der BND seine Zentrale in Pullach räumt und nach Berlin umzieht, fragt die taz im Jahr 2014, "Was wird aus diesem Täterort?"

Pflicht

Sozialpolitiker sind bestrebt, "das Zwangsmäßige ihrer Handlungen mit Begriffen zu verschleiern, die der moralischen Sphäre entnommen sind", so Gerd Habermann ("Der Wohlfahrtsstaat"). Das kommt, so Habermann, in der gängigen Ersetzung des Ausdrucks "Zwang" durch "Pflicht" zum Ausdruck - "etwa Sozialversicherungs'pflicht', Beitrags'pflicht'. Das Wort 'Pflicht' ist der moralischen Sphäre entlehnt. Es setzt persönliche Entscheidungsfreiheit voraus; diese ist jedoch beseitigt, wenn der Wohlfahrtsstaat zum Beitritt in seine Versorgungsanstalten zwingt oder den progressiven Steuerbeitrag eintreibt."

Im Duden lese ich gerade, dass ein Synonym für "Pflicht" "Zwang" sei! Da sage noch jemand, George Orwells "Neusprech" aus dem Roman "1984" sei Fiktion geblieben.

Political Correctness (Abk.: PC)

Manche halten die politische Korrektheit für Heuchelei. Sie gilt als Maß für Zustimmungsfähigkeit von Aussagen und Handlungen. Wer die Mehrheitsfähigkeit als Norm annimmt, sie aber nicht einfach verwendet, sondern sie als "political correctness" bezeichnet und damit kritisiert (die Correctness als die Einheitsmeinung, die keine Alternativen zulässt), meldet damit Widerspruch an und eröffnet eine politische Diskussion oder versucht das zumindest. Eine Aussage als politisch korrekt zu bezeichnen, erlaubt es dem Sprecher, damit zu operieren und sich insofern damit zu identifizieren, zugleich aber distanziert er sich von der Aussage. Die gleichzeitige Inanspruchnahme und Zurückweisung einer Ansicht nennt man gemeinhin Heuchelei.

Der Zusatz "politisch" zeigt an, dass hier nicht Korrektheit als Sittlichkeit und Benimm gemeint ist - das wäre nicht weiter zu erklären. Weil das nämlich jeder versteht: Wer sich nicht benehmen kann, wer schlecht über Abwesende spricht, wer betrügt, um den macht man einen Bogen, mit so jemandem will man sich nicht einlassen. Die politische Korrektheit ist anders, weil nicht Werte im unmittelbaren Lebensumfeld thematisiert werden, sondern alle möglichen Mitteilungen kritisiert werden. Wenn man möchte, kann man aus jedem Wort, aus jeder Geste die eigenen Werte herauslesen (oder ihr Fehlen feststellen) und sich über deren Missachtung beklagen. Wieso die eigenen Werte für den anderen gelten sollten? Und ob die auf den Lippen geführten Begriffe wirklich das Leben leiten oder nur heiße Luft sind? Oft lohnt es nicht, diese Fragen zu klären.

Rationalität

Der Wandel des Begriffs von "Rationalität" gilt auch für die politische Diskussion und die Diskussion um verbindende und verbindliche Werte. Wer heute Rationalität auf gesellschaftlicher Ebene an der Tradition misst, geht irre. Wer als Maß für gute Politik mit Augenmaß z. B. die Reichsregierung zur Zeit Wilhelms II. nimmt, geht irre. Warum?

"Die Rationalitätsbegriffe der Tradition hatten von externen Sinnvorgaben gelebt - sei es, dass sie auf ein Copieren von Naturgesetzen, sei es, dass sie auf vorgegebene Zwecke oder auf vorgegebene Bewertungsgrundlagen für die Wahl von Zwecken abstellten. Mit der Säkularisierung der religiösen Weltsetzung und mit dem Verlust der Repräsentation einzigrichtiger Ausgangspunkte verlieren solche Vorgaben ihre Begründbarkeit. Urteile über Rationalität müssen deshalb von externen Sinnvorgaben abgelöst und umgestellt werden auf eine stets nur systemintern herstellbare Einheit von Selbstreferenz und Fremdreferenz." (Niklas Luhmann, "Beobachtungen der Moderne")

Solidarität

Wo Politiker von Solidarität sprechen, führen sie auch ihr Gegenteil vor. Es zeigt sich z.B. als Ablehnung und Missachtung gegen die Starken, Unabhängigen, Vermögenden. Der Begriff der Solidarität wird seit fast hundert Jahren als Kampfbegriff benutzt, heute meint man damit meistens Gleichheit. Anhänger politischer Gleichheit sprechen gern ablehnend von sozialem Darwinismus oder der "Ellenbogengesellschaft", wenn sie den Wettbewerb in der Gesellschaft meinen. Selten fordern sie die Solidarität der Benachteiligten untereinander - vorrangig aber die Solidarität der "Besserverdienenden" mit diesen "Schwächeren". Selten wird die Willkür dieser Grenzziehung gesehen, die erst die "Bessergestellten" und die "Schwachen" erzeugt.

Der Wirtschaftsphilosoph Gerd Habermann dazu: "Es wird verlangt, eine 'solidarische' Neuverteilung der Einkommen zu akzeptieren. Da dies freiwillig nicht im gewünschten Ausmaß geschieht, greift die Sozialpolitik zum Zwang (progressive Steuern und Sozialabgaben). Die soziale Sicherung stellt heute auch eine große Umverteilungsaktion dar - vielleicht ist dies sogar ihr gegenwärtig überwiegender Zweck." Dem gegenüber stellt er fest, dass es moralisch ohne Wert sei, "... gezwungenermaßen 'solidarisch' zu sein. Solidarität kann ihren sittlichen Wert nur in freien Gruppierungen, in echten Gemeinschaften behaupten. Wenn sie auf ein gesamtstaatliches Kollektiv von vielen Millionen sich unbekannter und gleichgültiger Menschen übertragen wird, muss das moralische Verpflichtungsgefühl verblassen." (Der Wohlfahrtsstaat)

Steuern

Ein Staat hat Geld durch Steuern, also Geld, das zuvor den Menschen abgenommen wurde. Die Diskussion um gute Gründe jeder Steuer liegt nahe - doch was, wenn die Gründe einer Steuer nur einige Menschen überzeugen und nicht alle, die abkassiert werden sollen? Um sich viel Mühe zu ersparen, werden Zwangsabgaben nicht so genannt.

Neu einzuführende Abgaben werden ungern als "Steuern" und nie als "Zwangsabgabe" bezeichnet, auch wenn das sachlich zutrifft. Lieber sprechen Politiker von einem "Beitrag" (z.B. in der Sozialversicherung), einer "Gebühr" (wie der Rundfunk"gebühr"), "Nothilfe". Oder sie verklären die Steuer zum Kleinstbetrag: eine Bagatelle, die nicht ins Gewicht fällt - so der "Kohlepfennig". Leider war dieser unwichtige Kleinbetrag verfassungswidrig, urteilte das BVG zwanzig Jahre nach Einführung dieser Steuer. Auch ein "Zuschlag" wie im "Solidaritätszuschlag" klingt harmloser als "Steuer".

Verbraucher

In meiner Schulzeit begegneten mir "Verbraucher" als Glühlampen und Widerstände im Physikunterricht. Sie verbrauchen Strom und wandeln elektrische Energie in Licht und Wärme um. Der Verbrauch war mit dem Messgerät zu ermitteln.

In seltsamer Analogie dazu steht es, wenn Menschen als "Verbraucher" bezeichnet werden, wie das heute gang und gäbe ist. Verbraucher meint hier: Wir verbrauchen erst unser Geld und dann die dafür gekauften Waren. Keine Rede davon, dass der Kauf ein Gewinn (für Käufer und Verkäufer) war. Keine Rede davon, dass mündige Menschen mit ihrem Geld tun und lassen können, was sie wollen. Sondern als "Verbraucher" müssen sie geschützt werden - da sie verbrauchen, haben sie mit der Zeit immer weniger und irgendwann gar nichts mehr. Das ist die implizite Rechtfertigung des Verbraucherschutzes. Den Schutz übernehmen Experten, die heißen Verbraucherschützer. Um der, Pardon, Idiotie die Krone aufzusetzen: Vorhin las ich einen furchtbar ernsthaften Beitrag der Religionswissenschaft, da war die Rede vom "religiösen Verbraucherschutz", den wir, du ahnst es schon, dringend stärken müssen!

Soweit einige Kernbegriffe des Zeitgeistes. Diese kleine Sammlung kann nicht vollständig sein. Sie kann nur Anregungen geben, wie du selber die Wurzeln der gesellschaftlichen Wirklichkeit erkundest und freilegst.

(Der Artikel ist entnommen aus: "Wir Erben Adolf Hitlers", MultiWelt 2013. Aktualisierte Fassung für MultiWelt Blog 2017)

Fußnoten

* "Leistungsempfänger" ist eine der seltsamsten Wortschöpfungen der letzten Jahre. Wer z.B. im Sport etwas leistet, der läuft in Bestzeit 1000 Meter. Der tut etwas. Was heißt es, eine Leistung zu empfangen? Es suggeriert, dass auch die Hand aufzuhalten, ein aktives Tun sei.

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Über den Autor

Interessen: Thelema, Kunst, Gesellschaft. Ich will eine Welt, auf die ich mich freue, wenn ich mir vorstelle, dass ich sie später wieder betrete. Die jetzige taugt mir noch nicht. Der Blog ist ein Teil unserer groß angelegten MultiWelt Verschwörung:
Verführung, Ansteckung mit Phantasie, Austreibung von Stumpfsinn. Mehr darf ich noch nicht sagen :-)