Das Zeitalter des Nihilismus und das Neue Äon (2/2)

Im ersten Teil ging es um den Zeithorizont, den jeder Mensch hat, um den Nihilismus und um Friedrich Nietzsche. Ich habe dabei versucht, den Nihilismus an Alltäglichkeiten zu zeigen. Wäre er ein rein akademisches Problem, bräuchten wir nicht darüber zu reden. Die Nichtigkeit der Welt ist ein Übergangsphänomen. Wir müssen es verstehen, um eine andere Welt jenseits der alten Paradigmen zu errichten. Jedes Kleinkind weiß, dass es den Turm von gestern einreißen muss, um Bausteine für ein neues Spiel zu haben.

"Die Wüste wächst: weh dem, der Wüsten birgt!"

Friedrich Nietzsche fasste diesen Gedanken zusammen in einem Satz. "Die Wüste wächst." Es ist der Titel eines Liedes im 4. Teil von "Also sprach Zarathustra." Nietzsche dichtete dieses Lied, als er "am fernsten vom wolkigen feuchten schwermütigen Alt-Europa" war. Die Wüste ist der Nihilismus. Sie ist Vorbereitung des neuen Zeitalters. Sie ist Zeichen, dass das Alte Zeitalter vorüber ist. Und darum leben wir sowohl im Neuen Äon von Thelema wie auch in der nichtigen Übergangsperiode des Nihilismus. Es ist an jedem, der das Gesetz von Thelema für sich angenommen hat, diese Übergangsphase möglichst kurz währen zu lassen, sprich: durch eine bessere Zeit abzulösen. Sprich: Ein neues Zeitalter zu erschaffen.

Wovon redet Nietzsche mit dem Satz, dass die Wüste wächst? Er redet davon, dass sich die Verwüstung ausbreitet. "Verwüstung ist mehr als Zerstörung. Verwüstung ist unheimlicher als Vernichtung. Die Zerstörung beseitigt nur das bisher Gewachsene und Gebaute; die Verwüstung aber unterbindet künftiges Wachstum und verwehrt jedes Bauen. ... Die Verwüstung der Erde kann mit der Erzielung eines höchsten Lebensstandards des Menschen ebenso zusammengehen wie mit der Organisation eines gleichförmigen Glückszustandes aller Menschen." (Martin Heidegger, in: Was heißt Denken?) Für mich klingen diese Worte nach der düsteren Prophezeiung eines alles regelnden Sozialstaates. Nach einer Jeder-muss-gleich-glücklich-sein Diktatur. Jeder bekommt ein bissel für sein kleines Glück, keiner soll nichts haben und keiner darf zu viel haben - in dieser Durchschnittssuppe verödet alles im Mittelmaß.

Die Wüste wächst? Der Satz wird gern zitiert. Dem kommt das so betitelte Gedicht (im Zarathustra; wer will, möge dort nachlesen) scheinbar entgegen. Wer will, kann Wüstenromantik, erhabene Wilde und ein seltsames Changieren des Europäers mittendrin aus den Zeilen lesen. Es steckt aber weit mehr darin. Der Europäer kann seine Geschichte, seine Kultur nicht einfach abstreifen und vom 'zweifelsüchtigen Europa' kann er sich zwar distanzieren, doch wird er es damit nicht los. Die Frage ist heute genau so aktuell:

  • Philosophen und Soziologen fragen sich, wie sie mit der alteuropäischen Geistesgeschichte fertig werden.
  • Naturverbundene Spiritualität, neues Heidentum versuchen, mit der alteuropäischen Religiosität fertig zu werden.

Die einen wollen Theorie ohne schmutzige Praxis, die anderen Praxis ohne lästige Theorie. Beides ist zu einseitig. Nur den kann Nietzsches / Zarathustras Prognose ein Ansporn sein, der selbst denkt, wo es angemessen ist und handelt, wann es angemessen ist. Kurz und schmerzlos: Nur der Thelemit kann das. (Nicht, weil Thelemiten perfekt sind, sondern weil Thelema vor allem Verantwortung für sich selbst heißt und aus dieser Verantwortung erwächst Selbstkontrolle - Wille! - und nur mit selbstkontrolliertem Handeln gelingt der Spagat zwischen Theorie und Praxis. Wo Beruf oder Tradition die Regel dafür diktieren, geht es schief.)

Die Wüste wächst. Und im gleichen Atemzug ruft Nietzsche, Weh dem, der Wüsten birgt! Was soll das? Wer Wüsten birgt, der weiß um die Nähe von Verwüstung außen und im Inneren. Verwüstung der Welt findet nicht nur draußen statt, sondern die geht (auch) im Menschen vor sich. Denn der Mensch-Entwurf des Alten Äons ist gestorben. Nicht nur andere stehen vor dem Nichts, sondern jeder Einzelne steht davor oder genauer: schwebt mittendrin. Nur wem die Nichtigkeit (Wüste) des eigenen Ich zum Problem wurde, der wird bereit, den Abyss zu überqueren. In diesen Ausdrücken fasst es die magische Tradition und ich denke, man wird in dieser Interpretation Nietzsche eher erfassen als mit (z.B.) politischen Programmen oder mit praxisferner Reflexion.

Äonen sind keine Tatsachenbeschreibungen in der Art der Nennung der Amtszeit eines Bundeskanzlers.

Was ändert das Neue Äon?

Das neue Äon ist die Möglichkeit, die sich aus der Wüstenei nach dem Zerfall des Alten Äons ergibt. Und es ist der einzige mir bekannte Weg, den Nihilismus der Wüstenwelt zu überwinden. Als spirituellen Kern des Neuen Zeitalters sehe ich Thelema. In anderer Hinsicht vermute ich, dass auch Technik (die technische Manipulierbarkeit der Welt) und die Gefahren dazugehören, die mit den Gestaltungsmöglichkeiten einhergehen, die oftmals Allmachtsgedanken auslösen. Es könnte sein, dass gerade der Balanceakt der Weg der weiteren Evolution ist: Ohne äußere Grenzen scheint alles machbar, alles möglich - also was tut jemand? Wie geben sich Menschen selbst Gesetz und Regel?

Eben sagte ich, dass ich als spirituellen Kern des Neuen Zeitalters Thelema sehe. Zur Erläuterung: Ich meine nicht, dass die Mehrheit der Menschen bekennende Thelemiten werden. Es geht ja nicht um Vereinsregister oder eine neuäonisch reformierte Kirche. Sondern darum: Wer etwas zum Gedeihen, zum Wohlergehen der Mitmenschen beitragen will, wird zumindest den folgenden Kernaussagen des Liber L vel Legis handelnd zustimmen:

"Jeder Mann und jede Frau ist ein Stern."
"Tu was du willst, sei das ganze Gesetz"
"Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen."
"Der Tod, o Mensch, ist dir verboten."

Das folgende stammt aus einem Interview, dass der "Golem" mit M.D. Eschner führte. Auf die Frage des Interviewers, woher MDE Gewissheit über den Wechsel der Zeitalter bezieht, antwortet der: "Nirgends! Äonen sind keine Tatsachenbeschreibungen in der Art der Nennung der Amtszeit eines Bundeskanzlers. Äonen sind interpretierende Oberbegriffe für eine zeitlich abgrenzbare Menge geschichtlicher Tatsachen ..."

Und was ist das Reizvolle am Neuen Äon? Antwort: "Sind wir nicht alle Weltverbesserer? Der Mensch wird nur durch Menschen zum Menschen, deshalb hat jeder Mensch Pflichten gegenüber der Menschheit. Er kann durch sein Handeln zum Ganzen beitragen oder ein Schmarotzer werden. (...) Was macht das Neue Äon für mich reizvoll? Was macht es für Eltern reizvoll, Kinder großzuziehen? Das Neue Äon ist das Zeitalter des verborgenen Gottes, des Menschen." (MDE, ebenda)

Im Interstitium der Gesellschaft

Ich habe einige male gesagt, dass wir schon im Neuen Äon leben, Spuren des Neuen gibt es überall. Sonst wäre unsere Zeit keine Übergangszeit. Und nihilistische (lebensfeindliche) Tendenzen gibt es überall. Sonst wäre diese Zeit keine Übergangszeit. Wenden wir den Befund, dass das Nichtige etwas zeigt, das fehlt, einmal um, dann zeigt das Nichtige, dass etwas frei, offen und nicht festgelegt ist. Das eröffnet Möglichkeiten.

Was ist interstitiell?

Interstitiell bedeutet medizinisch im Interstitium (Zwischengewebe) liegend. Es handelt sich in anatomischer Hinsicht zumeist um Binde- und Stützgewebe. Auf soziale Ereignisse bezogen, können wir also sagen, interstitiell bedeutet, dass es etwas zwischen den Institutionen der Gesellschaft gibt. Eine Institution ist eine auf Dauer gestellte soziale Einrichtung - das kann eine Organisation, ein soziales Ritual oder auch eine einzelne Verhaltensgewohnheit sein. Interstitiell meint also die Aspekte des Lebens, die für die herrschenden Institutionen marginal sind, von ihnen nicht oder nur unzureichend erfasst werden.

Um dem erdrückenden Übergewicht einer toten Vergangenheit zu entkommen, brauchen wir ein anderes Denken. Das ist notwendig, doch nicht hinreichend. Denken alleine (ohne gemeinsames Umsetzen im Handeln) reicht nicht, um eine andere Kultur zu bilden. Um eine andere Kultur zu erschaffen, ist ein Gespür für die Augenblicke wichtig, wo wir etwas Anderes als normal tun können.

Das Wichtigste der folgenden Ausführungen in Kurzform: Schau dich um, wo du Freiräume findest! Überlege, wo du dir Freiräume schaffen kannst!

  • Du musst nicht alles essen, was der Supermarkt anbietet. Wähle sorgsam aus, kauf weniger als üblich. So eine Diät tut körperlich und geistig gut.
  • Faste ein paar Tage, eine Woche.
  • Schalte dein Handy aus, lege es weg. Lass es eine Woche dort liegen.
  • Kräuter selbst anzupflanzen, ist auf dem Balkon/ auf der Fensterbank möglich, wenn man keinen Garten hat.
  • Beim nächsten Duschen sing das Lied, das dir gerade einfällt. Wenn du nicht singen kannst, pfeif die Melodie.

Die ungeregelten Zwischenbereiche des gesellschaftlichen Zusammenlebens sind eine Chance! Eine Chance für den, der sie zu nutzen, zu gestalten weiß. Nihilismus verödet die Welt und die Interstitien sind die Oasen einer anderen Kultur.

Es geht im Folgenden um die Ordnung des Zusammenlebens, die so genannte soziale Ordnung, und um den sozialen "Kleister", der die kollektive Ordnung erhält. Vieles ist im Leben durch Gesetze und Verordnungen vorgeschrieben, aber nie alles. Politiker  versuchen, wachsende Vielfalt und Unsicherheit durch mehr Gesetze zu kompensieren. Dieser Reflex ist alt, und hat noch nie die Ordnung gerettet. Aber aus irgendeinem Grund versuchen sie es immer wieder auf dieselbe Tour.

Wichtig für uns ist nun, dass jedes Gesetz, jeder neue Erlass neue Freiräume eröffnet. Klingt paradox? Überleg mal: Mit jeder weiteren Verordnung wächst die Chance von Widersprüchen zu bisherigen Gesetzestexten, denn niemand findet sich im Paragrafendschungel noch zurecht. Mit jedem neuen Gesetz steigt die Gleichgültigkeit gegen Gesetze, denn wer will und kann sich alles merken? Das wäre bei der Masse an Gesetzen schon ein rein quantitatives Problem. Doch es gibt einen strukturellen Grund, der noch viel mehr zählt: Unsere Gesellschaft hat keinen allgemeinen Höchstwert. Der Wegfall der verbindlichen Gesellschaftsorientierung auf einen Höchstwert lässt sich nachvollziehen an:

  • An der Ausformung der funktional differenzierten Gesellschaft.
  • Die Gliederung nach Funktionen schafft Frei- und Leerräume, denn was haben die Teilsysteme miteinander zu tun? Nur das, was "sie angeht", was zur Autopoiesis eines Systems beiträgt.
  • Es gibt keine Zentrale, die alles sieht, weiß und regelt.
  • Das Aufbrechen interstitieller Räume im Vakuum der Gesellschaft ist ein permanenter Prozess. Es ist nicht die Ausnahme!
  • Subkulturen und (Untergrund-)Szenen füllen die Leere, die früher „die Mehrheit“ der Bundesbürger füllte und die man immer seltener an einer Stelle/ bei einem Thema findet. Subkulturen leben nebeneinander, sie brauchen die anderen nicht, sie genügen sich selber.

Beispiele: Interstitielle Freiräume

Prinzipiell gibt es in jeder Gesellschaft interstitielle Momente des Erlebens und Handelns, weil es immer weite Bereiche des Erlebens und Handelns gibt, die nicht vorgegeben sind. Ein fiktives Szenario für den absurden Versuch, interstitielle Bereiche auszumerzen, ist George Orwells Roman "1984". Andererseits ist klar, dass ohne gemeinsame Wertstandards nicht nur keine Gesellschaft existiert, sondern auch erfolgreiche Interaktionen zwischen Einzelnen unwahrscheinlich werden. Darum versprechen die interstitiellen Zwischen-Räume mehr Möglichkeiten als es mit dem Ausrufen der totalen Anarchie wahrscheinlich wäre.

Ein Beispiel gesellschaftlicher Freiräume der letzten Jahrzehnte ist die Forderung nach homosexuellen Ehen und der Rückgang der Institution der Ehe zugunsten von Singles und freien Partnerschaften.

In Zeiten des sozialen Wandels wachsen die interstitiellen Bereiche einer Gesellschaft und immer größere Bereiche des Erlebens und Handelns können vom "Gewebe" der herrschenden Institutionen (um es nochmal anatomisch zu denken) nicht mehr erfasst werden. Man spricht dann gewöhnlich von einem Verfall der Sitten, von ethischen Problemen, Orientierungslosigkeit usw. Für die Bewahrer einer Gesellschaft sind diese Erscheinungen existenzielle Handicaps.

Die Probleme, welche Politiker und Gesetzgebung mit dem Internet haben, zeigen deutlich, dass das World Wide Web ein interstitieller Bereich ist. Übrigens scheinen mir gerade die routinierten Überwachungsversuche der NSA diese Behauptung zu bestätigen. Das ist der letzte verzweifelte Reflex überforderter Bürokraten: Man legt eine Akte an.

knut's picture

Über den Autor

Interessen: Thelema, Kunst, Gesellschaft. Ich will eine Welt, auf die ich mich freue, wenn ich mir vorstelle, dass ich sie später wieder betrete. Die jetzige taugt mir noch nicht. Der Blog ist ein Teil unserer groß angelegten MultiWelt Verschwörung:
Verführung, Ansteckung mit Phantasie, Austreibung von Stumpfsinn. Mehr darf ich noch nicht sagen :-)