Das Zeitalter des Nihilismus und das Neue Äon (1/2)

Von der Nichtigkeit der Welt und der Freude des Erschaffens

Dieser Artikel ist der Auftakt einer Serie. In ihr werde ich Aspekte der Übergangszeit beleuchten. Der Beginn eines neuen Zeitalters und das Verenden des alten überlagern sich zeitlich. Ich möchte einen Beitrag leisten zum besseren Verständnis dieser Vorgänge.

Zeithorizont: die Zeit, die wir ermessen & Zeit, die uns erfüllt

In welcher Zeit leben wir? Wir können uns in der Welt umsehen, welche Antwort die Massenmedien geben. Katastrophen, Sensationen, Skandale, unfassbare Gefahren - die Welt, so scheint es, ist ein Tollhaus voller Irrer, Psychopathen und Idioten. Die Zeit könnte kaum schlimmer sein. Wäre es angenehmer, in einer Diktatur des 20. Jahrhunderts zu leben oder in der Gegenwart mit Terrorismus, unbezahlbaren Schulden, Terrorismusgefahr? Wenn ich die hypothetische Frage so stelle, scheint mir wichtiger als die Antwort der gewählte Vergleichsmaßstab. Es ist nämlich plausibler, die Gegenwart mit den angeblich grausamsten Sozialordnungen zu vergleichen, die die Geschichte kennt, statt mit der Zeit der Aufklärung (Ende des 18. Jahrhunderts) oder mit der Renaissance. Ich denke, das liegt daran, dass diese Epochen nur den wenigsten Menschen gegenwärtig sind - der Zeithorizont der meisten Menschen ist viel kürzer. Wenn das zutrifft, dann wäre nebenbei ein interessanter Aspekt gefunden, was mit "der Gegenwart" nicht stimmt. Kein (oder nur ein sehr grobes) Geschichtsverständnis zu haben, wird sich als ein Hauptgrund zeigen, dass der Nihilismus so um sich greift. Der andere Hauptgrund ist die fehlende Vision einer anderen Welt. Wie ein einzelnes dünnes Würzelchen, das nur fünf Zentimeter in den Boden reicht, keinen Baum ernähren kann, so reicht auch ein einziges Blättchen nicht, damit er sich in den Himmel recken kann. Wer das Bild nicht versteht:

  • die Wurzeln sind das, worauf sich der Baum stützt. Übertragen auf den Menschen: die Geschichte, Gedächtnis, Erinnerung, Kultur.
  • die Äste und Blätter sind die Arme, mit denen der Baum sich in den Himmel reckt und der Sonne annähert. Übertragen auf den Menschen: Zukünftiges, Vision dessen, was sein soll und möglich ist, Ziele und darauf gerichteter Wille.

Es geht hier aber nicht um lineare Zeiterfassung. Dass "es nicht darum geht", soll heißen, dass in diesem Zeitverständnis etwas Wichtiges außen vor bleibt. Die lineare Zeit vergeht von sich aus, wir verfolgen es beim Blick auf die Uhr und am Kalender. So wird aber Zeit eine von uns unabhängige Konstante. Wenn nun eine Epoche die Epoche des Nihilismus ist, dann ist das eben so. Schade vielleicht, aber nicht zu ändern. Denn über den Wechsel von Tag und Nacht beschwert sich auch niemand. Wenn eine andere Epoche ein Goldenes Zeitalter ist - dann haben die Menschen dieser Zeit eben großes Glück gehabt. Hier wie dort, im Schlechten wie im Guten: Schicksal! Oder?

Nein, es ist kein Schicksal! Sicher wechselt der Kalender ohne unser Zutun. Doch ob die Zeit, die er bemisst, eine gute oder schlechte ist, das liegt an jedem Einzelnen und an dem, was Menschen in kleinen Verbänden machen. (Über die Gesellschaft im Ganzen spreche ich nicht, denn die lässt sich nur indirekt beeinflussen).

Nihilismus oder Neues Äon? Die Frage ist keine Informationsfrage, sondern eine, die zu einer Entscheidung drängt. Die Entscheidung ist offen und es geht im Folgenden um den jederzeit möglichen Übergang ins Neue Äon.

Was ist Nihilismus?

Zuerst die Definition. "Mit dem Begriff Nihilismus (lateinisch nihil, „nichts“) wird allgemein eine Weltsicht bezeichnet, die die Möglichkeit jeglicher objektiven Seins-, Erkenntnis-, Wert- und Gesellschaftsordnung verneint. Er wurde auch polemisch verwendet, so etwa für Kritiker von Kirche und Religion oder politischer Ordnungen (Anarchismus). Umgangssprachlich bedeutet Nihilismus die Verneinung aller positiven (seltener auch der negativen) Ansätze. Durch die gedankliche Orientierung am Nichts beinhaltet der Nihilismus einen absoluten Vorrang des Individuums, das allein seinen Trieben und Neigungen folgt und dem alles erlaubt ist." (wikipedia)

Nihilismus ist die Überzeugung, dass das Leben Nichts ist - es fing im Nichts an, es endet dort - wer dazwischen seinen Spaß hat, hat das Beste draus gemacht. Nihilismus ist nicht etwas, das Philosophen oder besorgte Sonntagsredner angeht. Sondern wir lassen jetzt mal das Etikett weg und fragen, worin sich die geglaubte Nichtigkeit des Lebens, der Welt, der Menschen zeigt/ zeigen könnte und wer solche Auffassungen vertritt.

  • Wer mit immer neuen Vorschriften und Gesetzen jedes Detail des Lebens reglementiert, der behandelt erwachsene Menschen wie Kleinkinder. Was der Einzelne möchte, wofür er Zeit und Geld aufwenden möchte, zählt nicht - der Gesetzgeber weiß es ja besser.
  • Jeder Tag, den unsere Gesellschaft besteht, besteht aus Milliarden von Interaktionen und Kommunikationen. 99 Prozent davon sind für Unbeteiligte nicht im Detail wichtig oder  interessant. Sie sind jedoch im Ergebnis wichtig: Alles was die Gesellschaft tut, trägt zu ihrem Fortbestand bei. Wenn ich in eine Zeitung sehe, Radio höre oder die Nachrichten sehe, dann finde ich eine Auswahl aus dem verbleibenden einen Prozent. Eine Auswahl, die danach bemisst, was einen Sensationswert hat. Und einen Tag später ist alles vergessen. Was Menschen Großartiges tun, was ich wissen sollte, um meine Zukunft besser planen zu können, zählt nicht, es zählt nur die Quote - die Journaille weiß es besser.
  • Mode ist nicht nur die Mitteilung, dass etwas neu ist. Sondern Moden orientieren Verhalten. Wo etwas Modisches beworben wird, gilt als ausgemacht, dass der Mode zu folgen mit Achtungsgewinn verbunden ist. "Nicht mitzumachen", eine Mode zu ignorieren, wird mit Achtungsverlust bestraft. Die Werbung ist voll davon. Es sind insofern Vorschläge zur sozialen Organisation. Doch je mehr Menschen ihnen folgen, werden leicht aus Vorschlägen Imperative: Du gehörst nicht dazu, wenn du nicht XY hast. Moden befeuern den Konsum, sie haben nichts zu tun mit Fortschritt und Innovation. Mode ist die Möhre, die dem Esel vors Maul gehalten wird, auf dass er läuft und läuft und niemals zur Ruhe kommt. Mode ist der Versuch, soziale Achtung/ Nichtachtung zu verteilen.

Warum ist Mode so wichtig? Es gibt eine unüberschaubar große Warenmenge. Was soll man kaufen? Wie soll man aus den vielen alternativen Angeboten das beste wählen? Wo der Preis nicht als Kriterium reicht, setzt die Mode an mit der Formel: Dieses Produkt ist besser als andere, weil es neuer ist. (Natürlich kann man auch, wie Manufactum es tut, den Spieß umdrehen: Dieses Produkt ist besser als andere, weil es älter ist bzw., weil es nach einem alten seltenen Verfahren hergestellt wird o.ä.).

Überbordende Gesetzesflut, Sensationen und Moden sind drei Formen des Nihilismus. Ich wollte mit ihnen verdeutlichen: Die Nichtigkeit des Lebens ist ein greifbares reales Phänomen, kein Spezialfall für philosophische Theorien. Nichtigkeit, Missachtung anderer, Desinteresse - das geht Hand in Hand.

Bis hierher könnte jemand einwenden, dass ich nur wiederhole, was jeder Bedenkenträger tut. Aber da ist ein großer Unterschied: Ich nehme den Nihilismus als einen Ausgangspunkt, um eine grund-legende Änderung des Lebens vorzuschlagen. Thelema ist die radikalste mir bekannte Alternative zu allen anderen Ansätzen. Alles andere klingt vielleicht bequemer, ist aber Kosmetik oder/ und ein Griff in die Mottenkiste, der nicht weit taugt. Nihilismus ist ein Übergangsphänomen und wer glaubt, die Abkürzung zu finden und sich in die heile Welt von Gestern zu retten, der kann keinen Erfolg haben.

Die Wüste wächst: weh dem, der Wüsten birgt!

 

Friedrich Nietzsche

Der Denker und Sprachkünstler Friedrich Nietzsche dachte den Nihilismus am entschiedensten und tiefsten. Er konnte das und konnte diese Abgründe aushalten, weil er auch den Übermenschen dachte. "Der Übermensch ist der Sinn der Erde", so Nietzsche. Für einen gut situierten Akademiker seiner Zeit waren solche Gedanken noch viel abwegiger, als sie es heute wären. Sozusagen die Religion der Hauptschaffensperiode Nietzsches war der Fortschrittsglaube. Nietzsche erfasste, dass die Menschengeschichte noch nicht neu aufblühen kann, solange der Tod des Einen Gottes nicht bei den Menschen angekommen ist. Der besseren Verständlichkeit wegen erläutere ich Teile dieses Satzes:

  • Tod des Einen Gottes: der unhaltbar gewordene Monotheismus. Der allmächtige usw. Gott der Christen brauchte sein Jenseits. Der Philosoph Immanuel Kant hat es widerlegt (wenn man so will, hat er Gott getötet). Ohne Jenseits keine Trinität, kein Glaube, kein Himmelreich.
  • Bei den Menschen: Jede grundlegende Überzeugung, die eine Menschengruppe/ Gesellschaft teilt, drückt sich ihrer Kultur aus. Es geht nicht um Ideen und Sätze, die ein Einzelner schreibt oder sagt - das bleibt wirkungslos. Es geht um das, was die Gesellschaft in ihren Werten und Zielen lebt.
  • Ankommen: Was "angekommen" ist, zeigt sich in Bauwerken, Gedichten, Liedern, in Filmen und im Moralkodex, den die Kinder Zuhause lernen. Ideen, die Spezialisten behandeln, sind zu lebensfern. Ideen, die eine Szene, eine Subkultur, eine Clique teilt, sind zu speziell, um Kultur zu beeinflussen - aber es könnte ein Anfang sein, aus dem mehr erwächst :)

Also, Nietzsche erfasste, sagte ich eben, dass die Menschengeschichte noch nicht neu aufblühen kann, bis der "Tod Gottes" gesellschaftliche Realität ist. Die Gottesidee des Christentums prägte ein Zeitalter von 2000 Jahren. Dann stirbt dieser Gott. Mit ihm starb auch der Mensch! Der Tod Gottes war der Tod des Menschen, der als Geschöpf, als aus dem Paradies Ausgestoßener, Sünder im Jammertal lebte. Wie denn anders! Als die eine Seite der Weltformel gestrichen wurde, konnte die andere nicht ungerührt weitermachen wie bisher. Auch der alte Mensch ist tot. Schau dich um:

  • Der Mensch ist nicht ein göttliches Geschöpf, sondern eine Kombination der Gene. Und die Forscher-Techniker sind daran, den Gencode zu entschlüsseln, sind daran, die Blaupause für den Menschen nach Maß zu schreiben.
  • Der Mensch lebt nicht im Jammertal, sondern der Sozialstaat sorgt, gibt und nimmt jedem nach seinen Ansprüchen. Und jeder Hartz-IV Empfänger heute ist wohlhabender als ein Clanoberhaupt im alten Jerusalem.
  • Das Ende der Humanität wird immer wieder festgestellt. Die Menschlichkeit (Humanität) war an die humanitas geknüpft, die Auffassung der Menschheit, die eins war, wie ihr Schöpfer eins ist. Seien es die Gefangenen in Guantanamo, kriminelle Hacker, Wirtschaftsbosse oder jemand der die falsche Meinung hat - es ist heute leicht, jemanden zu stigmatisieren und aus dem Kreis der Menschen auszuschließen.

Im zweiten Teil geht es um den Satz "Die Wüste wächst." Denn es ist ein Kernsatz Friedrich Nietzsches, der den Nihilismus zeigt. Außerdem geht es ums Neue Äon, als die zukünftige Perspektive auf die Übergangszeit.

knut's picture

Über den Autor

Interessen: Thelema, Kunst, Gesellschaft. Ich will eine Welt, auf die ich mich freue, wenn ich mir vorstelle, dass ich sie später wieder betrete. Die jetzige taugt mir noch nicht. Der Blog ist ein Teil unserer groß angelegten MultiWelt Verschwörung:
Verführung, Ansteckung mit Phantasie, Austreibung von Stumpfsinn. Mehr darf ich noch nicht sagen :-)