Nietzsches "Schenkende Tugend" und das neue Äon von Thelema

Tue was Du willst!, ist unser Gesetz. Das können wir nicht im luftleeren Raum. Die Welt ist die Bühne und sie ist Teil des zu gestaltenden Werkes: Zum "Großen Werk" der Adepten gehört die Erschaffung des Horus Äons, eine andere Kultur, eine höhere Stufe der Evolution. Manch einer fragt sich bei einem so gewaltigen Vorhaben, wo er anfangen soll. Oder ob er überhaupt anfängt, denn der Weg scheint sooo weit. Aber zaudern und zögern ist auch keine Lösung.

Wo finden wir Rat? Bei Friedrich Nietzsche. Vom Neuen Zeitalter kündet sein prophetisches Buch "Also sprach Zarathustra". Er gibt dem Thelemiten eine Leitidee, wie er als Schaffender zur Welt steht. Diese Idee entwickelt er im Kapitel "Von der schenkenden Tugend". Darin zeigt Zarathustra seine Vision, sein Menschenbild.

Damit das greifbarer wird, will ich die Praxis der schenkenden Tugend beispielhaft auf ein reales Projekt beziehen, das Mitglieder der Thelema Society initiierten und gemeinsam mit tausenden spirituell Interessierten umsetzten. Damit sind wir bei der Entstehung einer Internet-Community am Anfang dieses Jahrtausends.

Im Jahr 2000 war das Internet ein Medium ungeahnter Kraft und Möglichkeiten, ein Zauberreich, in dem die physische Umwelt verwandelt und verzaubert werden könnte. Virtuelle Realität! Freie Software! Freies Wissen! Undwasnichtalles. Gerade noch waren die Parsimony Foren die wichtige Anlaufstelle, doch von ferne brodelte das Web2.0 heran. ... Einige Anmerkungen zur "Schenkenden Tugend" sind mir heute wichtig. Ich würde den Ursprungsartikel zergliedern, wenn ich sie dort einfügen würde. Darum nicht dort, sondern hier:

Schenkende Tugend: Geben aus der Überfülle

Sagt mir doch: wie kam Gold zum höchsten Werthe? Darum, dass es ungemein ist und unnützlich und leuchtend und mild im Glanze; es schenkt sich immer. Nur als Abbild der höchsten Tugend kam Gold zum höchsten Werthe. Goldgleich leuchtet der Blick dem Schenkenden. Goldes-Glanz schliesst Friede zwischen Mond und Sonne. Ungemein ist die höchste Tugend und unnützlich, leuchtend ist sie und mild im Glanze: eine schenkende Tugend ist die höchste Tugend. Wahrlich, ich errathe euch wohl, meine Jünger: ihr trachtet, gleich mir, nach der schenkenden Tugend. Was hättet ihr mit Katzen und Wölfen gemeinsam?

Das ist euer Durst, selber zu Opfern und Geschenken zu werden: und darum habt ihr den Durst, alle Reichthümer in euren Seelen zu häufen. Unersättlich trachtet eure Seele nach Schätzen und Kleinodien, weil eure Tugend unersättlich ist im Verschenken-Wollen. Ihr zwingt alle Dinge zu euch und in euch, dass sie aus eurem Borne zurückströmen sollen als die Gaben eurer Liebe.

Wahrlich, zum Räuber an allen Werthen muss solche schenkende Liebe werden; aber heil und heilig heisse ich diese Selbstsucht. -- Also sprach Zarathustra

Zeit des Schenkens, Zeit der Sammlung

Man schenkt aus der Überfülle und irgendwann ist der Kelch merkbar geleert, es gibt dafür keine Regel und keine festen Anzeichen. Was macht Zarathustra? Er geht wieder auf seinen Berg. Er verlässt die Stadt, bevor ihn die Menschen, derentwillen er herabstieg, auslutschen.

Das halte ich für essenziell, es beschreibt die Zeitlichkeit des Schenkens. Würde man erwarten, dass jedes Open Source Projekt auf Dauer gestellt wird und mit maschinenhafter Planbarkeit abgearbeitet - hätte man den Geist gebannt, der doch erst alles belebt. Open Source und andere Projekte, die Welt zu beschenken - ja, nur müssen wir auch damit leben, dass manches Geschenk knospt, blüht und verwelkt. Raymonds Schrift über Kathedrale und Basar spricht den Staffelwechsel an, der Ton aber suggeriert mir zu viel Leichtigkeit und Austauschbarkeit der Akteure.

Ein Beispiel für Zarathustras Schenkende Tugend: Die virtuelle Stadt New Aeon City

Ich war dabei, als im Jahr 2001 die Internet-Community „New Aeon City“ gegründet wurde. Ich war dort mehrere Jahre Admin. Am Anfang waren zwei Freunde mit einer Idee: eine virtuelle Stadt im Internet. Sie wollten eine Stadt erschaffen, in der Wissen so aufbereitet wird, dass es zugänglich ist, eine Stadt, in der Wissen lebendig wird. Der Schwerpunkt sollte auf spirituellen Themen liegen. Die Stadt war die Antwort auf die scheinbar unlösbaren Probleme des Wissensmanagements, damals als Knowledge Management benannt.

Wissens-Management und Bildungsprobleme

Es geht beim Wissensmanagement nicht um ein akademisches Problem, sondern um ein ganz praktisches. Lernen und Wissen konstituieren Kultur. Wie aktuell das Thema ist, veranschaulicht ein Zitat von Prof. Per Bylund. „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es unter jungen Eltern nichts Ungewöhnliches ist, den Lehrern vorzuwerfen, dass Hausaufgaben einen ‚unnötigen‘ Druck auf Kinder ausübten. Die Kinder haben ein Recht auf Wissen, aber sie sollen offenbar keiner Erziehung ausgesetzt werden, denn diese erfordert Mühe und Anstrengung. Die Rolle der Lehrer scheint zu sein, die Kinder mit Wissen zu versorgen, das diese unreflektiert und ohne nachdenken zu müssen (geschweige denn mühevoll zu lernen), konsumieren können. Etwas selbst tun zu müssen, ist ‚Unterdrückung‘. Jedes ‚Müssen‘, selbst als Folge von Naturgesetzen, ist ausgesprochen unfair und eine Verletzung des eigenen Rechts auf ein problemfreies Leben.“

Beispiel: Wissensmanagement im Traditionsbetrieb

Natürlich kamen die ersten Versuche, das Wissen der Mitarbeiter einer Firma zu erschließen, aus den Vereinigten Staaten. Der Chef einer Drahtzieherei wusste, dass alle Expertise, alles Können und alle Meisterschaft beim Vorarbeiter waren, der seit 40 Jahren in der Werkstatt steht und den Posten vom Vater übernahm. Über Drähte, Metalle, Lieferanten, den Einfluss des Wetters wusste der Vorarbeiter alles, soweit ist alles bestens. Aber jetzt kommt's: Wo soll dieser Meister seines Fachs anfangen, den Lehrling zu instruieren? Er war in seinen vierzig Berufsjahren niemals Lehrer und unruhige Lehrlingsgesellen interessieren ihn nicht. - Diese Situation klingt vertrackt und trotz aller Management-Versuche ist sie das bis heute geblieben.

Ich vermute sogar, die Manager haben die Idee des Wissensmanagements bald ad acta gelegt, weil der unerschöpfliche Quell nicht anzuzapfen war. Sicher, mit Hast und Erfolgsdruck misslingt das. Aber einer der im Ansatz aussichtsreichsten Versuche war der, dass jeder Mitarbeiter im Intranet einer Firma einen Workshop für seinen Arbeitsbereich anlegt und diesen mit seinem Wissen befüllt. Eigene Struktur im Kleinen, Anschluss nach außen.

Die Diskrepanz von "Wissen" und "Sein" bei Gurdijeff

Wenn wir G.I. Gurdijeff (1866 - 1949) folgen, ruht das Leben auf zwei Grundpfeilern, auf Wissen und Sein. "Es gibt zwei Linien, entlang deren die menschliche Entwicklung vonstatten geht, die Linie des Wissens und die Linie des Seins. (...)" Wenn die Linie des Wissens der des Seins zu weit voraus ist, spricht Gurdijeff vom "schwachen Yogi", der nicht lebt, was er weiß. Wo das Sein dem Wissens voraus ist, spricht er vom "dummen Heiligen", der Überdurchschnittliches vermag, aber keinen Schimmer hat, was er eigentlich tut. Wir verlassen hier Gurdijeff wieder; er sollte vorerst nur verdeutlichen, dass ein Gleichgewicht zwischen Sein und Wissen, bzw. zwischen Lebenspraxis und Wissen erreicht werden soll, weil ansonsten ein Mensch in eine lebensentscheidende Schieflage gerät. (Zitat nach P.D. Ouspensky 1999)

Wie organisieren wir unser Wissen? Diese Frage ist grundlegend wichtig und ein Schlüssel, um die Welt zu verstehen:

  1. in einer Gesellschaft, die sich  als „Wissensgesellschaft“ bezeichnet,
  2. weil der Zeitgeist (Kultur will ich‘s nicht nennen) reines Faktenwissen zum Fetisch macht und die Relationierung, reflexive Belebung der Fakten blind ignoriert. Es geht um Inhalte, Strukturen sind ausgeblendet.

Struktur und Inhalt. Vom Wissens-Workshop zur virtuellen Stadt

Wen wundert es, dass der menschliche Geist verödet, wo er jahrelang nach dem Vorbild von Computerfestplatten sterilisiert wird? Die prinzipielle Gleichrangigkeit von Inhalt und Struktur betont Michael D. Eschner, wenn er schreibt: „Wir unterscheiden zwischen dem Wissen eines Systems und der Art und Weise wie es dieses Wissen verknüpft, zwischen Wissenselementen und Wissensrelationen. Das Faktenwissen eines Systems, d.h. die Abbildung von Modellelementen auf Prototypelementen, bezeichnen wir als Wissensinhalt. Die Organisation des Wissens, d.h. die Relationierung der Elemente, bezeichnen wir als Wissensstruktur.“ (M.D. Eschner in "Komplexitätsstufen") Hier ist nicht der Ort, das Thema zu vertiefen, darum soll es bei der Klärung der Grundbegriffe bleiben. Die Idee blitzt hoffentlich durch, die zum Entwurf der virtuellen Stadt führte. Mehr geht hier nicht.

Aus der Idee der Wissens-Workshops entwickelten wir mit Mike die Idee einer Stadt. Sie sollte Stadtviertel mit Straßen und Häusern haben. Was in der physischen Stadt die Häuser sind, sollen in unserer virtuellen Stadt die Workshops sein. Interessierte können sich registrieren und einen Workshop anlegen zu dem Thema, das sie interessiert. Um den Workshop öffentlich (für Besucher und Suchmaschinen) zugänglich zu machen, sucht der Workshop-Inhaber eine thematisch passende Straße und verhandelt mit deren Administrator. Damit es eine lebendige Straße wird, achtet der Straßenadmin auf die Einhaltung von Mindeststandards bei Inhalt und Umfang, außerdem hilft er bei technischen Problemen. - Soweit in Grundzügen die Idee.

Strukturen nach erfahrbaren Umwelten: Eine Stadt

Auf jeder Ebene gibt es wie gesagt Admins. Sie achten auf den guten Ton und einige Formalien. Im Wesentlichen ist jeder in seinem Bereich ein kleiner König. Die geplante Struktur und Verwaltung unserer virtuellen Stadt war auch vielversprechend, als wir sie mit der Organisation großer Archive verglichen. Große zentral gegliederte Wissensarchive sind hinsichtlich der Organisation und Sortierung mit ernsten Problemen konfrontiert. Wie baut man eine Bibliothek auf? Wie gliedert man Themengebiete in Ober- und Unterthemen? Die Sachliteratur auf diese Frage füllt Räume. Die Mitarbeiterin einer Bibliothek, eines Museumsarchivs oder eines Verlagsarchivs wurde eingearbeitet, um dann Jahrzehnte in diesem Reich zu arbeiten - die Einarbeitung war auch Einweihung. So weit, so gut, doch wie würde sich jemand zurechtfinden, der nicht zum Personal zählt? Gar nicht. Das ist ein weiteres Problem, auf das das Knowledge Management stieß. Dagegen versprach die bekannte Struktur einer Stadt eine überschaubare Ordnung mit schneller Orientierung, was viel besser ist, als eine akademische Lösung. Im Internet sind wir meist als Laien unterwegs, selten als Fachkollegen.

Zurück zur Internet-Stadt NewAeon. Jeder Workshop (das virtuelle „Haus“) verfügte über ein Set von Modulen: Einzelseite, Forum, FAQ, Bibliothek. Texte konnten kommentiert werden. Das Forum war wichtig, um Gespräche und Austausch zu fördern. Wir wollten keine Museumsstadt, sondern die Betreiber, die Workshop-Macher, die Menschen hinter den Texten gehörten zum Prozess dazu. Das gilt für Besucher, Leser, wie für die Macher: Man trifft sich, statt sich nur nachzulesen.

Das Kind lernt laufen ...

Monatelange Programmierarbeit „from scratch“, Feature-Entwicklung und deren Tests weitgehend „on the fly“ - halt!, das klingt sehr chaotisch, ich muss darum korrigieren: Die inkrementelle Arbeitsweise ist in der agilen Softwareentwicklung üblich.

Zugleich mit der Programmierung waren die Regeln für die Stadt und die öffentlichen Orte auf Stadtebene aufzustellen (während jedes Viertel, jede Straße sich selbst Regeln gab) und einzuüben. Ich halte das im Rückblick für die beste Wieder-holung der Polis aus dem Reich der Ideale ins irdische Reich des Internet seit dem Ende der Antike. Jeder Denker, jeder Dichter bleibt im Reich des Geistes, aber hier mussten Vater und Mutter zupacken, wenn sich das geliebte Kind in die Windeln machte. Dieses Einüben kann man nicht überschätzen. Regel aufzuschreiben und an die Wand zu hängen, ist eines. Für ihre Einhaltung zu sorgen und selbst daran gemessen zu werden, ist etwas ganz anderes.

Das Kind lernt sprechen ...

Eine meiner ersten Aufgaben beim NewAeon City Projekt war, als eine Art Schreibtrainer meinen thelemischen Freunden internettaugliche Schreibe beizubringen, während ich mich selbst darin übte. Schreib in kurzen Sätzen. Verzichte auf Nebensätze. Sprich verständliches Deutsch ohne Fremdworte, usw. Wir waren monatelang in Internetforen unterwegs, um die dort gesprochenen Sprachen zu lernen. Diese Lernaufgabe betraf jeden, auch Mike. Er war sogar einer der Ersten, der die heilsame Wirkung virtueller Kontakte mit ansonsten fremden Menschen begrüßte. Die in der EGT (die Thelema Society nannte sich früher: Ethos Gemeinschaft Thelema, EGT) gewohnte Sprech- und Schriftsprache hatte einen Grad an Präzision, dass die Ohren Außenstehender befremdet abknickten. Und mit dieser Sprache lebte eine Sozialordnung, eine magische Insel im Meer der Ewigkeit, die für die Vorgänge außerhalb der Insel wenig Interesse und Raum bot. Ich war glücklich auf dieser Insel, doch um eine Internet-Community zu gründen, reichte das nicht. Übrigens war es Mike, der diese vorbereitenden und flankierenden Maßnahmen und „Exkursionen“ forcierte. Ich erwähne das, weil sich immer mal ein ganz Schlauer (ein Experte) meldet, der nichts aus eigener Erfahrung weiß und ihn als autoritären Guru stempelt. Autorität hatte er, das ist sogar zutreffend, doch muss man, um das zu verstehen, deontische von epistemischer Autorität unterscheiden.

Ein Fernsehsender, der zu der Zeit die EGT aufsuchte, konnte nicht umhin, in einem auf Skandal getrimmten Beitrag New Aeon City als „professionellste Okkult-Community Deutschlands“ vorzustellen. Mir gefiel das so gut, dass ich es als Eingangs-Slogan wünschte. Mit Freude wurde es aufgenommen.

... und ging schließlich eigene Wege

Um das Jahr 2004 herum wurde vieles um die Community Routine, und für die Verbreitung des Neuen Aeons hätte es wichtiger Änderungen bedurft. Und wenn man es außer Acht lässt, hat man einen esoterischen Stammtisch. Der Kelch hatte sich geleert und im Geschäft von Tag zu Tag war er nicht wieder zu füllen. Also packten wir nach und nach unsere Sachen und verließen die Stadt. Ihren Betrieb übernahm ein Verein. Um einen Schlussstrich zu ziehen, muss man den rechten Zeitpunkt finden. Nur wenige können das ...

Über diesen Artikel

Dieser Blogartikel stammt ursprünglich aus "netzfänge: Internet und Neues Zeitalter". Für den Blog überarbeitete und erweiterte Fassung. Vor Jahren schrieb ich einen Artikel über die schenkende Tugend für  "AHA - Magazin des Neuen Aeons". Dieser Artikel ist mir immer noch wichtig, darum hat er seinen Weg in die "netzfänge" (MultiWelt, 2016) gefunden. Ich mag diese mit Schwung geschriebenen Zeilen unter anderem deshalb, weil sie Aufbruchgeist und Optimismus verbreiten. Ist immer wieder schön zu lesen :)

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Über den Autor

Interessen: Thelema, Kunst, Gesellschaft. Ich will eine Welt, auf die ich mich freue, wenn ich mir vorstelle, dass ich sie später wieder betrete. Die jetzige taugt mir noch nicht. Der Blog ist ein Teil unserer groß angelegten MultiWelt Verschwörung:
Verführung, Ansteckung mit Phantasie, Austreibung von Stumpfsinn. Mehr darf ich noch nicht sagen :-)