Leben, Stil und Geist oder maschinelle Verödung

"Die Sprache ist das Haus des Seins. In ihrer Behausung wohnt der Mensch. Die Denkenden und Dichtenden sind die Wächter dieser Behausung." (Martin Heidegger)

Wenn ich in den letzten Jahren die sprachlichen Ergüsse von Hinz und Kunz lese, was man halt so aufschnappt, wenn man nichts Böses ahnend eine Suchanfrage stellt oder Post bekommt o.ä., - dann fehlt mir öfter als Gegengewicht die Sprache normaler Menschen. Wie Hinz und Kunz so sprechen, klingt unsensibel, stereotyp, tot und oft schrill.

Wie hat sich die Sprache in den zurückliegenden Jahren gewandelt? Ich behandle nur einen Ausschnitt (mein Antrag auf ein eigenes Forschungsinstitut liegt immer noch auf Eis, vielleicht will man meine verhalten geschätzten 200 Planstellen noch runterhandeln); zumindest geht es jedoch um einen aus meiner Sicht wichtigen Teil einer Veränderung, die alle betrifft.

In Kürze: Die Leute, die web-konform schreiben, denken mit der Zeit auch so. Die Sprache ist weniger stilvolle Sprache und mehr die suchmaschinentaugliche Sprache der Informationsübermittlung geworden. Das geht weit über Texte im Internet hinaus, wo man die Anpassung ans Maschinelle erwarten könnte. Nicht nur in Texten, die fürs Internet geschrieben werden, sondern auch in gedruckter Literatur, in Werbebroschüren, gedruckten Zeitungen, im staatlichen Fernsehen, in Verlautbarungen der Regierung. Es ist, als habe der Zeitgeist vor der Maschine kapituliert und man versucht, sich ihr anzudienen.

Was ist stilvolle Sprache?

Peter Bieri schreibt: "Literarische Erzählungen kann man so definieren: In ihnen wird ein Teil des Inhalt durch die Form ausgedrückt. Zur Form gehört neben der Perspektive und der besonderen Art von Spannung die Wahl der Worte, also der Stil." Bitte übergeh das nicht gleich in der Annahme, hier ginge es nur um Fragen für Romanciers - mir geht es um die Sprache als Haus des Seins, von mir aus auch: um unsere Sprache, da mit ihr die Welt / die Realität gesagt wird.

Ein Teil des Inhalts wird durch die Form ausgedrückt. Uns fällt auf, dass das nicht nur auf Texte zutrifft, bei allen gesprochenen Mitteilungen ist das nämlich auch so. Das klingt fast banal, aber ist es nicht, es ist lediglich essentiell. Darum ist es manchem nicht bewusst.

Bieri weiter: "Wer ein Sachbuch schreibt - über Bergbau etwa oder die Entstehung des Universums -, kann das sprachlich holprig oder flüssig tun, umständlich oder elegant, und wir werden das eine lieber lesen als das andere. Aber die Worte und Sätze sind nur Medium der Mitteilung und nicht selbst Thema. Man könnte sagen: Die stilistischen Fakten sind nicht Teil der mitgeteilten Fakten, sie sind ihnen äußerlich, und wenn sie gegen andere ausgetauscht würden, änderte sich an der Sache, von der das Sachbuch handelt, nichts. Die Worte sind kein Teil der Sache. Ganz anders bei einem literarischen Text."

Bis hierher also: Stilvolle Sprache ist Sprache, die die Form achtet. Stilvoll spricht, wer seinen Ausdruck willentlich gestaltet und sensibel den Kontext berücksichtigt. Da spielen z.B. die Stimmung, der Anlass einer Mitteilung, die Zuhörerschaft usw. eine Rolle. Weit davon entfernt sind heute viele Sprachäußerungen: erst wurden die Sprecher zu Schreibenden, als Schreibende zu suchmaschinengerecht Schreibenden, und dann ist es Gewohnheit, die auch die mündliche Rede prägt.

Internettauglich schreiben

  • Kurze Sätze, kurze Wörter
  • keywords!
  • keine Fremdwörter
  • Mehrsilbige Wörter trenne mit Bindestrichen
  • Teasertext: Das Wichtigste zuerst (Dabei ist "das Wichtigste" nicht mehr durch die journalistischen W-Fragen abgedeckt, sondern es geht um Aufmerksamkeit)

Flaubert schrieb einst über sein Romanprojekt: "Was mir schön erscheint und was ich machen möchte, ist ein Buch über nichts, ein Buch ohne Bindung an Äußeres, das sich selbst durch die innere Kraft seines Stils trägt ..." Ohne Bindung an Äußeres, das ist die Freiheit des Erzählens, ein Spiel mit Möglichkeiten. Die innere Kraft des Stils, lese ich als: es kommt nur auf den Zusammenhalt des Werkes an, auf seine innere Stimmigkeit. (Was ich oben sagte, 'sensibel den Kontext berücksichtigen', ist kein Rezept, sondern strotzt vor Vagheiten. Es kann gelingen oder man kann danebenhauen). Das ganze wäre wie ein Tanz, und dem Sachbuch entspräche eine Navigations-App, die dich auf schnellstem Weg von A nach B bringt. Für die App spielt es keine Rolle, ob jemand sich zu bewegen weiß, oder humpelt oder kriecht. Für den Tanz aber durchaus.

Ist Stil Attitüde? Nein! Ich rede nicht davon, sich versnobbt und verschwurbelt auszudrücken. Sondern Stil im besten Fall, will sagen: eigentlich, ist Ausdruck seelischer Harmonie. Hm, wer es schlichter mag: Stil kommt von innen, wenn er echt ist, und das Äußern des Inneren ist Selbstausdruck, so weit und so gut ein Mensch seinen Verrichtungen seinen Stempel aufzudrücken weiß.

Fortsetzung folgt.

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Über den Autor

Interessen: Thelema, Kunst, Gesellschaft. Ich will eine Welt, auf die ich mich freue, wenn ich mir vorstelle, dass ich sie später wieder betrete. Die jetzige taugt mir noch nicht. Der Blog ist ein Teil unserer groß angelegten MultiWelt Verschwörung:
Verführung, Ansteckung mit Phantasie, Austreibung von Stumpfsinn. Mehr darf ich noch nicht sagen :-)