Ist Thelema nur für Intellektuelle?

Wozu ist es für spirituell Interessierte wichtig zu lesen? In "Das größte Missverständnis über Thelema" hatte ich die Frage auch schon (am Rande mit)beantwortet. Jetzt setzen wir einen drauf und es geht ganz direkt darum.

Collage: Ist Thelema nur für Intellektuelle?

Lesen kann die spirituelle Entwicklung fördern. Ein wesentlicher Aspekt ist als "Beobachtung 2. Ordnung" bekannt. Inwiefern lesen dazu beitragen kann, ist auch eine Frage des Lesestoffes. Dazu später mehr.

Vor einigen Jahren lief auf Radio ffn eine Comedy Sendung. Eine Szene ist unvergesslich geblieben. Der eine von den schrägen Saufbrüdern ist im Begriff, die Tür zur Stammkneipe aufzubrechen, denn die verflixte Tür ist verschlossen. In seinem Tran merkt er das nicht. Die Wirtin weist ihn verärgert auf das Schild "Geschlossen" an der Tür hin. Ernüchterung, kurze Pause, und dann die aufbrausende Antwort: "Muss man denn Literaturwissenschaft studiert haben, nur um sich in der Göpelhalle besaufen zu können?!" (1) Wir alle kennen diese Frage und haben täglich mit ihr zu tun.

Wir im Verlag auch: Wie viele Worte müssen wir über Spiritualität verlieren? Ist die Grundidee nicht ganz einfach? Vielleicht ja, vielleicht auch nein. Es geht darum, wie wir alle wachsen und sinnerfüllt leben. Glaubst du, dafür reicht eine Lebensregel, die aus einem Satz besteht? Ich glaube das nicht. Ich halte dagegen: Vielleicht gibt es ein Genie, das sich rein aus eigenem Vermögen in jeder Lebenslage zurechtfindet. Hut ab! Manch einer glaubt, er bräuchte nichts, aber könnte auch irren. Er braucht vielleicht deshalb keinen Rat, weil alles klar ist, solange er die gewohnte Maske (persona = Maske im alten Theater) für sein Wesen hält. Für den Rest von uns ist es ein Segen, von anderen lernen zu können. Uns mal tragen zu lassen. Uns inspirieren zu lassen. Antworten auf komische Fragen zu bekommen, die wir uns noch nie gestellt haben. Individualität, darum geht es im Liber Legis: "Jeder Mann und jede Frau ist ein Stern." Alteingesessene Kirchen können Menschen trivialisieren. Sie kennen & brauchen sie nur als Herde Gläubiger. Uns wär das zu blöd.

Ich möchte die Ausgangsfrage, Wie viel Buch braucht der Thelemit?,  zuspitzen: Ist Thelema nur für Intellektuelle?

"Ist Thelema nur für Intellektuelle?"
"Nein!"
"Muss ich Bücherwurm sein, um Thelemit zu sein?"
"Nein!"
"Brauche ich dann Bücher?"
"Ja!"
"Wieso?"
"Weil das Liber Legis (2) ein spiegelndes Mosaik ist. Jedes mal lesen zeigt eine andere Facette von dir. Du und der Text verändern sich. Dieses Kunstwerk ist kein Informationsbuch - wenn du es aufschlägst, setzt ihr euer Gespräch fort."
"Dann reicht das Liber Legis?"
"Jein. Alle MultiWelt Bücher sind Kommentare: Gesprächs-Anreger. Alle Bücher der Menschheit sind so gesehen Kommentare, das eine mehr, das andere leiser."
"Ist das alles oder gibt es noch einen Grund?"
"Ja eine Sache noch: Lesen ist astrales Survivaltraining. Wenn du aufmerksam liest, das Geschriebene prüfst und auf die Erfahrungen beziehst, trainierst du dich im selbst kontrollierten Zeichengebrauch."
"Und das soll mir in der Astralwelt helfen?"
"Genau. Überleg mal: Wo Gedanken sich veräußern, wo es keine Materie gibt, wo Energie und Bilder die Welt formen - wer soll dort auf deine Phantasie aufpassen? Wer deine Neurosen lindern? Wer deine Stimmungen zügeln? Wer, wenn nicht du selber?"

Darum lies! Übe dich darin, ständig zu lernen, dich zu konzentrieren und dein Denken zu kontrollieren. (3) Möchtest du eine Empfehlung?

3 Empfehlungen zum Lesen

Fang an mit dem Liber L vel Legis.

Oder vielleicht hast du das Buch bereits?

Es gibt ein Buch, das garantiert alles auf den Kopf stellt, was du bisher über Magie, fremde Welten und die Chancen des Neuen Zeitalters gehört hast: Die Thelema Fibel. Das Thelema-Lese-Lern-Buch. So großartig sie ist, ist sie auch (relativ) leicht zu lesen. Bestellen kannst du die Thelema Fibel hier.

Eine Empfehlung, die nicht um Spiritualität geht? Es gibt ein Buch, das dir die Tragweite von Umweltschutz, drohendem Kollaps, und wie wir den Gefahren entgegentreten, in ihrer ganzen Wucht zeigt: "Ökologische Kommunikation" von Niklas Luhmann. Es ist von 1986 und es ist unheimlich, wie aktuell und frisch es sich heute liest.

Soweit drei Empfehlungen für deine Weihnachtswunschliste. Es zeichnet  gute Bücher aus, dass sie nicht Saisonware sind, sondern in Dekaden oder Jahrhunderten bemessen werden.

(Der folgende Artikelteil ist ein Nachtrag. Mich beschäftigte noch etwas: Lesen ist doch nicht gleich lesen! Es macht einen Unterschied, was jemand liest. Der Anhang ist zwar etwas länger geworden, aber so ist es übersichtlicher, als wenn die Korrekturen und Ergänzungen nur verlinkt werden.)

Beobachtung 2. Ordnung

Ein Buch zu lesen ist beobachten, wie jemand anderes beobachtet. Wenn du liest, beobachtest du, wie jemand anderes beobachtet. Das kann der Protagonist einer Geschichte sein oder der Erzähler eines Reiseberichtes oder der Autor eines philosophischen Werkes. Beobachtung zu beobachten ist Beobachtung 2. Ordnung. Historisch kam sie mit den Romanen auf, ist also eine Entwicklung der Neuzeit.

Soweit so gut. Aber auf die Bestseller der heutigen Zeit trifft das nicht zu. Bzw., ich bin da nicht sicher. Vielleicht kann jemand dazu etwas beisteuern? Die Kommentare sind offen.

Beobachtung 2. Ordnung verstehe ich als eine Erweiterung, Verfeinerung und Vergrößerung der beobachtbaren Welt. Sie zeigt nicht quantitativ mehr, sondern qualitativ eine andere Stufe. Und das kann ich bei Büchern von Dan Brown u.a. nicht finden. Auf die gerade aktuellen Bestsellerautoren trifft das genau so zu. Mein Einwand: in vielen Bestsellern liegt der Schwerpunkt auf der Handlung, die Figuren haben aber kein "Innenleben". Da klafft ein Abgrund zu Victor Hugo, Goethe, Theodor Storm oder Theodor Fontane. Selbst zu Karl May. Jean Valjean ("Die Elenden") oder Effie Briest wären nicht mehr wiederzuerkennen als ein Wesen, das vom ersten Moment bis zum Ende nur in Bewegung ist ohne Pause. Sie hatten Zweifel, Sorgen, wurden überrascht, zögerten und machten danach weiter. Die glatten Protagonisten, die in den Bestsellern agieren, sind ein anderer Typ Mensch. Sie sind nicht nur bisschen anders, sondern eine andere Spezies. Die lassen kein anderes Beobachten zu, sondern dort liegt die ganze Story wie ein unpersönliches Set fertig da und es geht dann mehr um Effizienz in der Abarbeitung von ToDos. Nachdem ich das gelesen hatte, fühlte ich mich leerer als zuvor und das ist bei älteren Romanen oder bei fordernden Sachbüchern entschieden anders.

Und das betrifft nicht nur die Bestseller - und schon gar nicht geht es um Schundliteratur als Gegenpol zur hehren Klassik. Es geht um Beobachtung erster und zweiter Ordnung. Marcel Reich-Ranicki, der war ein Literatur-Papst im wahrsten Sinne des Wortes, weil er streng nach dem Schema wahr, falsch, also auf Beobachtung 1. Ordnung urteilte. Er hat Nachfolger gefunden. Ranicki kannte keine 'anderen Beobachtungen', sondern nur die richtige eigene und die falsche. Seinen Wahrheitsanspruch hat vielleicht nie, zumindest so selten offengelegt, dass das an mir vorbei ging. Er beobachtete den zu kritisierenden Autor/ das Werk als Ding, als so-ist-es, nicht als Beobachter.

Zusammengefasst: Wenn ich eingangs vom Lesen (ganz allgemein) sprach, war das zu vage. Ich kann das, was ich über geistiges Training, Konzentration und strukturiertes Denken sagte, nur vertreten, wenn ich die Unterhaltungsliteratur ausklammere. Wer U-Bücher liest, "liest" nicht im Sinne, seine Seele zu strukturieren (und darauf läuft es ansonsten letztlich hinaus). Fernsehen oder U-Literatur, das ist dasselbe.

Fußnoten

(1) aus dem Gedächtnis zitiert. Wenn jemand die Sendung kennt, melde dich. In unserer damaligen WG lief die Kassette mit der Aufzeichnung tagelang. Ich erinnere mich an Abwaschgespräche, die großteils aus Zitaten bestanden.
(2) Das Buch des Gesetzes von Thelema, 1904 von einer nichtmateriellen Intelligenz dem englischen Magier Aleister Crowley in die Feder diktiert. Die Titel variieren etwas: Ursprünglich "Liber L vel Legis", aus kabbalistischen und politischen Erwägungen änderte Crowley den Buchtitel später in "Liber Al vel Legis". Das Original als reine Textausgabe gibt's hier: Zum Liber L vel Legis.
(3) Die meisten können ungefähr steuern, wie sie ihre Glieder bewegen. Wenn es darum geht, einen Muskel isoliert zu bewegen oder eine Viertelstunde reglos zu verharren, ist Schicht. Und was sie wann denken, darauf haben die wenigsten Einfluss. Denken geschieht den meisten Menschen. Wenn du Magie ausüben willst, musst du das ändern.

Neuen Kommentar schreiben

knut's picture

Über den Autor

Interessen: Thelema, Kunst, Gesellschaft. Ich will eine Welt, auf die ich mich freue, wenn ich mir vorstelle, dass ich sie später wieder betrete. Die jetzige taugt mir noch nicht. Der Blog ist ein Teil unserer groß angelegten MultiWelt Verschwörung:
Verführung, Ansteckung mit Phantasie, Austreibung von Stumpfsinn. Mehr darf ich noch nicht sagen :-)