Identität: Selbst-Bild, Ich-Ideal und Ich-Bild

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Internationale Sportereignisse müssen dafür herhalten, den Zuschauern die Frage zu beantworten: Wer sind wir? Und diese Art von Ersatzantwort kann nicht befriedigen. Was ist besser? Was bewährt sich im Leben?

Die Schar der fähigen Handwerker ...

Es war einmal vor langer, langer Zeit … eine kleine Schar von Handwerkern. Sie kamen aus allen Teilen des Landes, um sich mit den Besten der Welt zu messen. Denn ihr König hatte sie gerufen und so machten sie sich auf den Weg. Das Volk beäugte sie argwöhnisch oder übersah sie gänzlich. Wer waren schon diese Handwerker, daß sie sich dem Wettkampf stellten!

Alle Jahre wieder: 11 kicken, 11 Millionen gucken zu, wie WIR gewinnen

Der Wettkampf war die Fußball-Weltmeisterschaft. Und Handwerker nenne ich die Akteure auf dem Platz, weil mir ihre offiziellen Titel nicht passend scheinen.

Und das Besondere war, dass dieser spezielle Handwerkswettbewerb nicht nur den Meister der Welt krönte, sondern der Wettbewerb den Zuschauern die Frage beantwortete: Wer sind wir? Wo es keine Kriege und keine offen geführten nationalen Rivalitäten gibt, ist die Handwerkermesse der Fußballer die Ersatzantwort. Nation? Was ist das? Eine laue Idee, im 19. Jahrhundert schwenkten Leute mit der Fahne ... Ah, Fahnen, das geht heute beim Weltwettbewerb auch - gut!

Doch die angeblich Besten der Welt waren nicht so gut und unsere kleine Schar besser geschult, als man glaubte. Und so kam es, daß ihre Erfolge das ganze Land begeisterten, bis auch sie eines Tages ihren Meister fanden: In der Quali nach dem Endsieg, äh Endspiel. Man sollte wissen, wann man aufhört. Es ist lange her und die Handwerkermeister wurden ebenso schnell vergessen wie gekrönt.

Womit wir uns beschäftigen, was uns wichtig ist, sagt viel darüber aus, wer wir sind. »Du bist, was du tust«, könnte man es in der Kurzform beschreiben: Identität.

Doch was meint das? Wenn uns der Portier im Hotel oder die Vorzimmerschwester beim Arzt fragt, »Und Sie sind…?«, dann wollen sie einige bestimmte Daten wie Name, Adresse, Krankenkasse, usw. Sie wären (zu Recht) irritiert, wenn ich ihnen antworten würde: »Wie schön, daß Sie mich darauf ansprechen – diese Frage beschäftigt mich nämlich auch gerade. Als ich heute morgen aufstand …« Nein, das wäre unpassend. – Dennoch wissen wir, daß die für Alltagsgeschäfte zureichende Identifizierbarkeit die Frage, wer wir sind, im eigentlich menschlichen Sinne noch nicht berührt. Wer bin ich?

Im alten Äon suchte man die wahren, die entscheidenden Antworten auf diese Frage durch Rückzug von der sinnlichen Welt hin zur reinen inneren Schau. Kontemplation und Innenschau galten als die Königswege, um eine innere Wesenswahrheit aufzudecken. Auch in der heutigen Esoterikszene fällt leicht auf, daß sie auf diesen Grundlagen ansetzt - und nichts weniger als Selbsterkenntnis und neue Identität(sstiftung) verspricht. Ich denke, es ist an der Zeit, diese Vorstellungen zu prüfen, denn:

»Siehe! Die Rituale der alten Zeit sind schwarz.«

sagt uns das Liber Legis.

Wie finde ich mich? Wie gestalte ich meine Identität? Da Solipsismus nicht haltbar ist, müssen wir uns von dem Glauben lösen, dass ein Mensch monologisch, allein, diese Frage beantworten könnte. Der Mensch lebt nur als soziales Wesen und diese Tatsache muss auch in die Antwort nach Identität eingehen. Sonst wäre die Antwort nur leere laue Kopfgeburt.

"Man kann nicht sagen, was oder wie ein Mensch - objektiv - ist, sondern nur, wie er sich erlebt (Selbst-Bild), wie andere ihn erleben (Ich-Bild) - und wie er sein möchte (Ich-Ideal)." (MDE)

Massenmedien zeigen täglich tausende Menschen. Zeigen sie etwas vom Menschen?

Wenn man nicht sagen kann, was oder wie ein Mensch objektiv ist, was behandeln denn dann die Fernsehberichte, die Talkshows, die jeden Tag ausgestrahlt werden? Worum geht es im SPIEGEL, im Focus, im Stern usw.? Diese Massenmedien präsentieren tagtäglich allgemeingültige wahre Beschreibungen von Menschen und sozialen Gruppen/ Nationen.

Ich denke, der missveständliche und entscheidene Punkt ist: Wissenschaften und Statistik zeigen Vorkommnisse des homo sapiens, und das allen Reportagen zugrunde liegende Menschenbild wird nie thematisiert. Sie sagen etwas über Menschen, wenn Menschen kurzlebige, kranke, unzufriedene, kriminelle Passinhaber sind, deren Gut und Wehe am BIP hängt, an der Arbeitslosenquote, an Änderungen in der Umgebung. Kurz: die Massenmedien weichen der Frage, was der Mensch sei, aus. Sie stützen sich auf die Antworten von gestern, weil die als fraglos gelten. (Oder sie machen ein Fass auf, wenn ein neues Gen entdeckt wird). Sie zeigen nie einen Menschen.

Fingerabdruck
Bild: In der Welt von gestern ist der Fingerabdruck ein Sinnbild für unverwechselbare Identität. Jede/r wird vermessen, biometrisch gerastert, gescannt, gewogen, ausgezählt - Jede/r ist eine Nummer. In der Welt von morgen braucht ein Mensch keinen Automaten, um seine Identität zu bestätigen, sondern andere Menschen.

Massenmedien zeigen nie einen Menschen. Sondern nur Abziehbilder, quotenträchtige Versatzstücke, Masken, die andere zum Zugucken reizen. Dass das Milliardengeschäft der Massenmedien nichtig ist, erleben manche Menschen erst in einer Lebenskrise.

Kurz noch mal zu dem Zitat von oben: "Man kann nicht sagen, was oder wie ein Mensch - objektiv - ist, sondern nur, ..." Der SPIEGEL behauptet, er könne es doch. Und letztlich machen er und seine Print- und Medienkollegen nur heiße Luft.

Wichtig sind Selbst-Bild, Ich-Bild und Ich-Ideal.

  • Selbst-Bild: Wie ich mich selbst erlebe: Wie ich meine, daß ich bin, genauer: wie ich das Verhalten, welches ich, vermittelt durch andere, als mein Verhalten erlebe, interpretiere.
  • Ich-Ideal: Wie ich sein möchte: Wie ich meine, daß ‹man› und deshalb auch ich, sein sollte.
  • Ich-Bild: Wie andere mich erleben: Welches Verhalten anderer Menschen ich wie als Aussage über mich interpretiere.

Das Prinzip der bekundeten Präferenzen

Ich-Bild, Ich-Ideal und Selbst-Bild können wir nur mit menschlicher Genauigkeit sagen, nicht bis zur vierten Nachkommastelle. Das Äußerste an Genauigkeit eines Ich- oder Selbst-Bildes erreichen wir, wenn wir das Prinzip der bekundeten Präferenzen anwenden. Es besagt:

Man achtet nicht auf Worte, sondern auf Verhalten. In seinen Worten sagt ein Mensch, was er will (Präferenzen), in seinem Verhalten zeigt (bekundet) er es.

Wir können uns selbst nicht unmittelbar erleben, wir erleben uns nur mittelbar, d.h. durch andere Menschen.

Menschen erleben und handeln. Erleben liegt vor, wenn die Ursache für ein Geschehen der Umwelt zugeordnet wird, handeln, wenn man sich selbst als Ursache eines Geschehens identifiziert.

Wim Wenders: »Aufzeichnungen zu Kleidern und Städten«

»Identität« einer Person, eines Dinges, eines Ortes.
»Identität« Bei dem Wort allein wird es mir schon warm ums Herz:
es hat einen Geschmack von Ruhe, Zufriedenheit, Gelassenheit
… Was ist das, Identität?
Zu wissen, wo man hingehört, seine Mitte kennen, seinen Eigenwert?
Zu wissen, wer man ist?
Woran erkennt man eine Identität?
Wir machen uns ein Bild von uns selbst,
wir versuchen, diesem Bild ähnlich zu sehen …
Ist es das?
Der Einklang zwischen dem Bild,
das wir uns von uns machen und …
ja, uns selbst? Wer ist das, »wir selbst«?

Wir leben in den Städten,
die Städte leben in uns …
die Zeit vergeht.
Wir ziehen von einer Stadt in die andere,
von einem Land in ein anderes,
wir wechseln die Sprache,
wir wechseln Gewohnheiten,
wir wechseln Meinungen,
wir wechseln die Kleidung,
wir verändern uns.

***

Identität soll jetzt aber nicht so (miss)verstanden werden, als sei es ein Endergebnis eines Erkenntnisprozesses. Statisch und dinghaft kannst du dich nur verfehlen, lebendig sein hat etwas mit Veränderungen zu tun, die du selbst vornimmst. Weiter oben hatte ich Selbst-Bild, Ich-Bild und Ich-Ideal angerissen. Der aktive part kommt da noch nicht so klar heraus.

Identität durch Selbstüberwindung

Sich selbst gestalten oder ein Leben als Copy - darauf läuft es hinaus. Tue was Du willst!, ist die Aufforderung, Macht zu erlangen und zu steigern. Wie sollte ich meinen Willen tun ohne Macht. Wer sich nicht selbst überwindet, kann sich keinen Kurs geben und nur zufällig auf andere Menschen wirken. Wer sich nicht selbst überwindet, erlangt keine Macht, sondern kann höchstens Gewalt einsetzen. Gewalt gegen andere, letztlich auch gegen sich selbst. "Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen" - das kann nur dann so sein, wenn du mit Wille anfängst, dich selbst zu überwinden. Dornröschen wartet.

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Über den Autor

Interessen: Thelema, Kunst, Gesellschaft. Ich will eine Welt, auf die ich mich freue, wenn ich mir vorstelle, dass ich sie später wieder betrete. Die jetzige taugt mir noch nicht. Der Blog ist ein Teil unserer groß angelegten MultiWelt Verschwörung:
Verführung, Ansteckung mit Phantasie, Austreibung von Stumpfsinn. Mehr darf ich noch nicht sagen :-)