Gibt es im Internet Leser?

Das alte Paradigma der Gutenberg-Ära: Autor und Leser, zusammengebraucht durch Verleger. Was ist das neue Paradigma? User, Publisher und Marketer vielleicht - spielen wir es mal durch. Außerdem stelle ich zwei Suchmaschinen vor, die anders sind als Google.

Das Internet wird durch Bookmarks, Empfehlungen auf den Sozialseiten und durch Suchmaschinen erschlossen. Ich beginne mit dem, was Suchmaschinen heute bieten. Sie bieten für Suchende diese Möglichkeiten: Google, Google+, Facebook, Youtube, Amazon - und wieder von vorn. Google, Google+, ... Ein Hamsterrad für den, der sich sorgt, ohne die etwas Wichtiges zu verpassen. Dabei ist das Gegenteil der Fall, du verpasst dich selbst, wenn du dort zu lange unkritisch verweilst. Wie kannst du damit umgehen?

1. Duckduckgo - eine Suchmaschine fern von Google

Sie liefert deutlich nicht-googleartige Suchergebnisse. Anfangs eine Erleichterung, mal wieder zu sehen, dass das Internet nicht normiert wie eine Gummizelle ist. Duckduckgo ist oft erweiternd, inspirierend, und manchmal haben sie viele Ausfälle, wie z.B. zwei Bildschirmseiten mit Fehlerseiten als Suchergebnis.

Diese Erfahrung macht ich mit der Suche auf Deutsch; ob es auf Englisch anders ist, habe ich nicht probiert.

Probier es aus: https://duckduckgo.com/

2. Lass ab vom Internet

Lass die Finger davon, klinke dich aus dem Netz raus. Vergegenwärtige dir die Zeit des Zarathustra in Nietzsches prophetischer Schrift. Wenn er leer ist, ist es Zeit, wieder auf den Berg zu gehen. Was ich anspreche, geht über Internetnutzung weit hinaus: Kein Radio, kein Fernsehen, keine Zeitung. Keine Zerstreuungen. Kein Primatengeschnatter! Wenn du alle äußeren Stimuli abgestellt hast, den Sog runter gedreht, der dich ständig von dir weg zieht, dann fällt die innere Unruhe und Leere erst richtig auf. Dann wird das verinnerlichte Geschnatter hörbar.

Und was jetzt? Sensorische Deprivation, Einkehr, fasten, meditieren.

3. AbraHadAbra.de

Diese Websuche erfasst einen kleinen leisen Teil des Internet abseits der lärmenden Plätze und Boulevards. Sie eröffnet Suchenden relevante Onlineangebote.

Ersetzt das eine gute Bibliothek? Zum Teil, nein, eher nicht. Dafür zeigt sie einzelne Texte, Perlen von einzigartiger Pracht, die es gedruckt nicht gibt. Und es besteht die Möglichkeit, diese Perlen in den wabernden Textkörper der Menschheit, in die Datenströme des Internet einzuspeisen. Die basisdemokratische Einfluss-Struktur, die das Internet heute hat (immer noch, auch durch die Sozialseiten und die darauf getrimmten Algorithmen) wird viel zu wenig bewusst genutzt. Nun, letzten Endes werden wir alle mit unseren Unterlassungen leben müssen.

Probier es aus: http://www.abrahadabra.de/

Vom Autor zum Publisher. Vom Leser zum User.

netzfänge oder fangnetze?

Das Internet ist nicht nur eine Notlösung, ein Plan B statt der guten Bücher. Es eröffnet neue Möglichkeiten. Wir sind im Netz in einem anderen Reich als in den Büchern, wo Autor und Leser sich treffen. Internet: Jeder wechselt die Rollen von Publisher (der kein Autor alten Zuschnitts ist) und Rezipient = User.

Ist der Unterschied zuerst im Medium zu suchen, zwischen Buch oder Festplatte? Oder in dem Fakt, dass ein Buch Eigentum ist, das vor dem Lesen gekauft wurde? Für ein Buch wurde vorab gezahlt (vom Verleger, vom Käufer). Im Netz bezahlt (fast) niemand für das Schreiben von Text; die Experimente mit "Paywalls" sind selten. Die Nutzer glauben, sie sparen dadurch. Aber sie verlieren auch alles, was Bücher ihnen gaben.

Früher waren Autor und Leser so etwas wie Konstanten. Der Autor war eine reale Person, die Leser auch, sie standen sich zu Zeiten Luthers und Goethes persönlich gegenüber. Noch ein väterlicher Freund des jungen Goethe war dagegen, dass Gedichte je gedruckt werden. Was tat er? Er schrieb sie mit der Hand ab und verteilte sie an ausgesuchte Empfänger. Bekannterweise übernahm Goethe diesen Rat nicht - was er tat, war ein Novum. Goethe war unter anderem der Erste, der ein Urheberrecht durchsetzte und Autoren im anonymen Druckgewerbe eine Rechtsposition schuf.

Ernst Jünger hielt es für erwähnenswert, dass er als Autor auch immer Leser war. Fast liest sich das wie ein Geständnis. Ein Eingeständnis zumindest :)

Im Netz gibt es Publisher und User. Publisher produzieren (*würg*!) Content, User konsumieren den Content, vermute ich. Ich weiß nicht genau, wie das gehen soll. Die Studien über die Verheerungen durch "digitales Lesen" sind jedenfalls umfangreich und inhaltlich alarmierend. Womit wir wieder bei obigem Tipp No.2 sind: Verschwinde.

Immer noch da? Na gut, ich beeile mich auch, dann kannst du gehen. Zwischen Publisher und User fungiert als Scharnier der Marketer. Im Deutschen lieber Vermarkter als Verkäufer; eigentlich sind diese drei Rollen Fuzzymengen. Jeder Publisher ist auch User. User sind nicht produktiv, aber sie bezahlen den Spaß, so hoffen zumindest die marketer und ggf. die Risikokapitalgeber. Sie bezahlen den Spaß, ohne Texte, Bilder oder für Videos zu bezahlen. Wie? Sie bezahlen ihren ISP, sie kaufen Smartphones und Klamotten im Internet, sie buchen ihre Urlaube online. Und sie geben Daten, mit denen die Global Player es auch zukünftig schaffen, dass Frau Schulz ihr neues Handy bei Amazon kauft oder bei Otto, je nachdem, wer seine Anzeigen besser platziert. Vielleicht ist das Internet doch einfacher, als viele glauben: Frau Schulz kauft lieber Zuhause im sitzen ein als in der Kreisstadt.

Wo war ich stehen geblieben? Ach so, bei den Vermarktern. Die Rollen wechseln. Wo das Niveau nach unten grenzenlos ist und Masse zählt, da mag durch einen Kommentar aus fünf Smileys und drei Worten ein User zum Publisher werden.

Die Bibliotheken waren [früher] wirkliche Schatzkammern, anstatt dass man sie jetzt, bei dem schnellen Fortschreiten der Wissenschaften, bei dem zweckmäßigen und zwecklosen Anhäufen der Druckschriften, mehr als nützliche Vorratskammern und zugleich als unnütze Gerümpelkammern anzusehen hat. - Johann Wolfgang Goethe

Fazit

Es gibt im Internet keine Leser mehr. Mir ist das jetzt erst oder immerhin aufgefallen. Vielleicht liegt die Kunst darin, selbst den Ausgleich zu schaffen zwischen Verkaufen und Verschenken? Wie gehe ich damit um?

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Über den Autor

Interessen: Thelema, Kunst, Gesellschaft. Ich will eine Welt, auf die ich mich freue, wenn ich mir vorstelle, dass ich sie später wieder betrete. Die jetzige taugt mir noch nicht. Der Blog ist ein Teil unserer groß angelegten MultiWelt Verschwörung:
Verführung, Ansteckung mit Phantasie, Austreibung von Stumpfsinn. Mehr darf ich noch nicht sagen :-)