Frühlingsgruß

Frühling lässt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
...

(Eduard Mörike)

In diesen Tagen wird viel über die Gesellschaft und deren Zusammenwirken und Zusammenhalt gesprochen. Ich will das Thema aufgreifen. Es sind bislang nur einige Ansätze, ob mehr daraus wird, mal sehen.

Unsere Gesellschaft ist, mit einer Bezeichnung Niklas Luhmanns, eine funktional differenzierte Gesellschaft. Das ist eine in autonome Teilsysteme organisierte Gesellschaft, die keine zentrale Lenkungs- oder Kontrollinstanz hat und keine übergeordneten Werte.

Wenn man sie so beschreibt, dann sieht man etwas, das man nicht sähe, wenn man andere Unterscheidungen wählte. Zum Beispiel die nie gekannte (und früher nicht mögliche) Leistungsfähigkeit der Gegenwartsgesellschaft wird so verständlicher. Allerdings auch die Schwierigkeiten, diese Teilbereiche zu koordinieren bzw., deren Ergebnisse für andere Bereiche zu interpretieren. Ich will hier nicht in Medienschelte verfallen (z.B. wegen Skandalisierung virologischer Einzeldaten unter Vernachlässigung von Relationen) oder die Politiker kritisieren (z.B. wegen diktatorischem Machtwahn angesichts von Risiken), noch die Uneinsichtigkeit mancher Mitmenschen ("Verantwortungslosigkeit") geißeln, die sich nicht an die Anordnungen zur Gefahrenabwehr halten. Das sind alles Friktionen, mit denen man rechnen muss; schöner wäre es vermutlich, wenn das alles anders, besser liefe - aber wo bitte leben wir denn.

Ich muss einfügen, dass mir derzeit die Einschnitte ins Alltagsleben zu drastisch vorkommen. Was ich gelesen habe, würde für weniger Dramatik sprechen und mehr Zurückhaltung nahelegen. Aber ich verfolge die Berichte nur sporadisch. Von der Idee, mich auf die Schnelle zum Virenexperten zu bilden, war ich schnell wieder runter.

Auffällig ist, wie sich die Besorgnisse bei jeder Informationsweitergabe potenzieren. Dem Statistiker, dem Virenforscher, dem einzelnen Arzt sind vermutlich die Grenzen des eigenen Wissens und Prognostizierens bewusst. Aber wenn sie massenmedial verbreitet werden, dann wächst sich die Haltung "Lieber vorsichtig sein, als Schaden verursachen" zu etwas aus, das keiner beabsichtigt hat.

Luhmann würde hier vielleicht bemerken, dass all sowas gerade so sei, weil es keine zentrale Steuerstelle der Gesellschaft gibt und weil es keine Position gibt, von der aus die Gesamtgesellschaft überschaut werden könnte. Wir kommen später noch dazu, ob das eine Schwäche oder Stärke ist. Jedenfalls erwächst aus dem nicht-vorhandenen Zentrum (Mittelpunkt, Zentrale) auch der Wunsch, in einer Notlage doch genau so etwas herzustellen. Und wie geht das? (Es geht nicht! Aber es wird immer wieder probiert) Es soll gehen, indem die gerade drängenden Fragen moralisiert werden. Durch Moralisieren werden Zweifel und Einwände unterdrückt und man kommt, so hofft man, schneller zum Tun. Händewaschen wird zur moralischen Pflicht (Kant würde sich im Grab umdrehen, was heute Pflicht heißt) und Ladenschließungen können nicht verhandelt werden, weil das utilitaristische Kalkül sie als Risikominderung = gut ausrechnet. Und diejenigen, die sich nicht an die Verbote halten, werden vorgeführt und verurteilt und die anderen halten zusammen. Und doch zeigen auch die drastischen Versuche, die Gesellschaft zu einen, nur dies: dass es so nicht geht.

Die Ruhe trügt, denn für Ärzte und Pflegepersonal, Polizei, Politiker, Hilfsorganisationen gelten andere Regeln als "bleib zuhause". Die Anordnungen werden einserseits mit Drohungen abgesichert (in einem Balkanland bis 15 Jahre Gefängnis), andererseits wird die Zustimmung dazu mit Geld erkauft. Hunderte Milliarden will die EZB rausreichen - und es gibt keine Obergrenze dieser "Hilfsgelder". Zuckerbrot und Peitsche.

Mal was anderes. Ist es schlimm, wenn die Gegenwartsgesellschaft "zusammenbricht", sprich, sich in eine Krise manövriert, ähnlich der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre? Das hängt davon ab, welche Alternative man hat. Die meisten, die meinen, sie hätten, haben keine. Die einzige, die ich kenne, ist Thelema.

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Über den Autor

Interessen: Thelema, Kunst, Gesellschaft. Ich will eine Welt, auf die ich mich freue, wenn ich mir vorstelle, dass ich sie später wieder betrete. Die jetzige taugt mir noch nicht. Der Blog ist ein Teil unserer groß angelegten MultiWelt Verschwörung:
Verführung, Ansteckung mit Phantasie, Austreibung von Stumpfsinn. Mehr darf ich noch nicht sagen :-)