Die große Lüge gegen das Selbst

Die große Lüge gegen das Selbst geht so: Jemand behauptet, 'es gab zu einer bestimmten Zeit mindestens 6 Millionen Tote', legt einen Gedenkkranz aus diesem Anlass nieder, dreht sich um und macht dann weiter wie bisher.

"Die Zurschaustellung der Unschuld ist eine Lüge", (Liber Legis), sagen die Götter des Neuen Äons. Warum ist das eine Lüge? Weil da zwei Sachen vermischt werden, die man trennen muss, wenn man glücklich leben will: Das eigene Gewissen und die Reputation im sozialen Umfeld. Es ist eine Sache, was man anderen schuldet. Es ist eine Sache, wie ich Geben und Nehmen in Einklang bringe. Und es ist etwas Anderes, wie das auf andere Menschen wirkt. Es ist was Anderes, das eigene Leben auszustellen, vielleicht gar: es zur Schau zu stellen.

Jemand mag danach streben, mehr zu geben als zu nehmen (Schenkende Tugend nennt es Zarathustra). Ein anderer mag abgreifen, was geht und ein dritter liegt vielleicht irgendwo dazwischen. Wer seine Unschuld zur Schau stellt, der maßt sich an, besser als andere zu wägen, der will der Welt nicht das Urteil lassen, ob er die Welt beschenkt oder benutzt. So jemand möchte es anderen abnehmen, das Verhältnis von geben und nehmen zu ermitteln, der greift ihnen vor. Es geht dann um den Effekt, nicht um Feedback.

Das Liber Legis nennt es "eine Lüge" und eine "Narrheit gegen das Selbst". Ehrlich ist, dem eigenen Gewissen (Hadit) zu folgen und anderen ihr Gewissen zu lassen.

Um an das extreme Ausgangsbeispiel anzuknüpfen, könnte ich fragen: Was ist der Sinn der Geschichte? Die zur Schau gestellte Betroffenheit gibt ja vor, eine Lehre aus der Vergangenheit gezogen zu haben. Da ich diese Konzeption für fragwürdig halte, muss ich die Frage anders angehen. Und mein Vorschlag ist: Der Sinn der Geschichte ist das je eigene Leben. 'Mein Sinn' der Geschichte, also eine für mich sinnvolle Weltgeschichte ist mein eigenes Leben. Dein Sinn der Geschichte kann nur dein eigenes Leben sein, weil sich nur darin Sinn oder Unsinn zeigen und formen lassen. Das gilt für jeden Menschen. So aufgefasster Sinn ist nie fertig, ist nie als Ausstellungsexponat geeignet, er ist mein bzw. dein Kompass.

Kleiner Einschub: Ich spreche vom Sinn der Geschichte. Wo fängt die an und hört sie auf? Ich orientiere mich da erst einmal an der Menschheitsgeschichte, aber es gibt auch Lücken und Schwerpunkte, weil mich nicht alles gleichermaßen betrifft. Mir geht es hierbei nicht um abstrakte Vollständigkeit. Mich betreffen z.B. afrikanische Geschichte oder die Geschichte Südamerikas kaum und die europäische mehr als die asiatische ... Das ist aber kein Widerspruch; mit diesen Korrekturen kann ich dennoch vom Sinn "der" Geschichte sprechen: Geschichte ist immer Selektion. Nun zurück zum Thema, eigener gelebter Sinn ist niemals fertig.

Das geht noch weiter. Wenn ich der Welt Sinnlosigkeit unterstelle, wenn ich der Geschichte Sinnlosigkeit attestiere, dann ist es unterderhand die eigene Sinnleere, der für mich problematische Nihilismus, unerfüllte Möglichkeiten. Thelemit sein heißt für mich, in so einer Situation nicht aufzugeben, sondern den Stein zu nehmen und den Berg hochzurollen. (Und dann nicht wieder rollen lassen, eher vielleicht eine Burg oder einen Tempel bauen :)

Ich will es an einem Beispiel ausprobieren. Was ist der Sinn des Dreißigjährigen Krieges? Vorschlag: Dieser Krieg brachte Andreas Gryphius hervor. Dieser Dichter, sein Leben und Werk, war sein Sinn.

Über wahre Beständigkeit

Beständigkeit wird stehn! Will gleich der Freund betrigen!
Pocht gleich der tolle Feind! Ihr wird kein Glimpff obsigen.
Sie acht kein gläntzend Schwerd/ sie schätzt kein Ehren-Kron.
Kein Arbeit macht sie matt/ sie fragt nach keinem Hohn.
Nichts gilt der Worte Pracht/ nicht wilder Lewen Rachen:
Drew ihr mit Raad und Spiß/ laß Glutt und Flammen krachen!
Erläng ihr Lebens Zill! Heiß sie in Angst vergehn!
Ja wirff den Himmel ein! Ists sie/ so wird sie stehn.

 

Das ist meine Antwort; für einen anderen mag der Dreißigjährige Krieg etwas ganz anderes erzeugt haben, was wichtig ist. Auf die Weise meidet man zwei viel versuchte Sackgassen: 1. Die Ansicht, Kriege seien alle sinnlos, Gewalt darf es nicht geben. 2. Die Ansicht, Sinn werde gefunden statt erfunden. Einzig valide sei darum eine deterministische Weltsicht, denn nur so erspart man sich die Probleme der Theodizee.

Für mich seit einiger Zeit jedenfalls ist es Gryphius. Sein Werk ist wie die Suche des Ertrinkenden nach dem sprichwörtlichen Strohhalm - und dann hat er einen gefasst, ist er nicht mit dem dürftigen Stengel zufrieden, sondern er knüpft daraus ein mächtiges Tau zum Göttlichen. In der Umwelt kann er keinen Halt finden - aber im Spirituellen! Natürlich kann man heute nicht mehr Christ sein; wo er von Gott oder Jesus spricht, sind das Anzeiger, und mir geht es nicht um Religionskritik o.ä., sondern um die Einpunktigkeit und Willensstärke, mit der er immer wieder auf sein Höchstes zu sprechen kommt und die Welt daran ausrichtet. Davon kann auch jeder heutige Magier Entscheidendes lernen.

"Sein Leben war geprägt von den Leiden und Erfahrungen seiner Zeit, speziell dem frühen Verlust seiner Eltern, der Zerstörung Glogaus im Dreißigjährigen Krieg und den damit verbundenen Religionsverfolgungen." (Wikipedia) Das ist ein Aspekt. Ein anderer ist, dass er unerschütterlich das Beständige jenseits der epochalen Krisen und Katastrophen suchte. Wem das Leben hart zusetzt und wer sich verzweifelt fragt: Wie kann ich nur meinen eigenen Kurs halten inmitten dieser Turbulenzen und fremden Mächte?, der kann sich einem Dichter anvertrauen. Gryphius wäre eine gute Wahl, gerade in einer Welt, wo einige ihre Lust darin finden, anderen ständig die Scherben der Vergangenheit hervorzukehren.

Gryphius gibt in seinen Gedichten eine sinnvolle Antwort auf den Dreißigjährigen Krieg, so meine experimentelle These. Vielleicht kann diese ungewöhnliche Antwort mehr befriedigen als die kalte Rechnung, wo die Zahl der getöteten Menschen als Grund genommen wird, dass das Leben insgesamt sinnleer sei. Was soll Arithmetik, wo man doch nicht rechnen kann. Wer will ein Menschenleben gegen ...zig andere rechnen? Der müsste sagen können, wie die Rechnung aufgeht. Die mathematische Gleichung, wo die linke Seite die rechte determiniert, ist grundfalsch. Sondern es gibt Brüche. Und alle Geschichte kulminiert im eigenen Leben.

Die Wahrheit des Selbst

Bisher ging es um die Lüge gegen das Selbst. Worin könnte eine Wahrheit für das Selbst bestehen?

Wenn man Geschichte so auffasst, dass sie in Gänze die eigene (kulturelle) Vorgeschichte ist, dann kulminiert Geschichte im eigenen Leben. Alles Bisherige wird dann zur Ouvertüre des eigenen Lebenswerkes. Insofern sind wir alle das Resultat und die Frage (nach künftigem Sinn) und das Zünglein an der Waage; jeder entscheidet über Sinn/ Nichtsinn der Welt. Das ist immer der eigene Sinn oder Unsinn.

Thelema ist die Antwort auf die Geschichte. Thelema ist die Antwort auf alle Geschichte. Darum kann, ja muss man logischerweise feststellen, dass das Alte Äon im Horus Äon aufgehoben wird. Das Horus Äon ist also auch der Anspruch, Menschheitsgeschichte als sinnvoll zu erfüllen und weiter zu schreiben. Ob "es sich lohnt" und ob wir diesen Anspruch erfüllen, das hängt davon ab, was Thelemiten tun. Es bleibt offen, denn jede Antwort ist eine Antwort bis jetzt.

"In a few hundred years, when the history of our time will be written from a long-term perspective, it is likely that the most important event historians will see is not technology, not the Internet, not e-commerce. It is the unprecedented change in the human condition. For the first time - literally - substantial and rapidly growing numbers of people have choices. For the first time, they will have to manage themselves. And society is totally unprepared for it". Peter F. Drucker

 
Tags: 

Neuen Kommentar schreiben

knut's picture

Über den Autor

Interessen: Thelema, Kunst, Gesellschaft. Ich will eine Welt, auf die ich mich freue, wenn ich mir vorstelle, dass ich sie später wieder betrete. Die jetzige taugt mir noch nicht. Der Blog ist ein Teil unserer groß angelegten MultiWelt Verschwörung:
Verführung, Ansteckung mit Phantasie, Austreibung von Stumpfsinn. Mehr darf ich noch nicht sagen :-)