Die Frucht

Bunte Tomaten auf schwarzem Grund

Diese Teile sind immer rot, dachte ich. Aber so erscheinen sie nur auf den Hochglanzfotos der Kochbücher: saftig, zum Reinbeißen nicht nur einladend, sondern drängend, lassen diese Bilder ein außergewöhnliches Geschmackserlebnis erahnen. Man müsste, denke ich dann oft, eigentlich vorsichtig hineinbeißen und die Lippen saugend, schützend darüber schließen. Denn zuerst gibt die Schale etwas nach, spannt sich unter den Zähnen, bis sie unvermittelt aufplatzt und eine Flut des wässrigen Saftes herausströmt. Man müsste vorsichtig sein, aber eigentlich will ich das dann gar nicht, sondern gierig meine Zähne hineingraben und riskieren - wen stört´s! - dass der Fruchtinhalt mir über Kinn und Hals läuft oder auch an die Nase und auf Brust, Bauch oder Beine spritzt.

Ich würde gern den Geruch und den Geschmack der Frucht beschreiben und sie dafür zerfleischen... doch dieses Exemplar vor mir gehört zu einer anderen Art als die Bilderkochbuchfrüchte. In ihrer Sterilität ist sie kaum geeignet, meine Geruchs- und Geschmacksnerven zu beeinflussen. Aber genau dadurch wird sie für mich interessant.

Ich kaufte sie im Aldi. Der ist so billig, dass dort nur kaltes Neonlicht brennt statt des rötlichen Lichtes, unter dem die Früchte meist fotografiert werden und das sie so begehrenswert für das Auge macht. Im Regal sehen die Früchte rötlich mit einem Schatten von Graugrün aus. Die Früchte werden in Netzen angeboten und aus einem unerfindlichen Grund sind diese Netze röter als der Inhalt, sie leuchten nicht nur, sie knallen ins Auge, was die ungesunde Farbe der Frucht noch unterstreicht. Das Obst liegt hingeworfen im Regal, im Obst- Wühltisch und kommt Wochen ohne Kühlung aus. Das liegt, wie ich weiß, an einem Austauschgen, das den Reifungsprozess unterbindet oder an der Bestrahlung.

Deshalb: soll, kann ich dieses Etwas vor mir noch Frucht nennen, oder wäre nicht ein technischer, neutraler Begriff angemessener wie Produkt oder Erzeugnis; von mir aus, um den Schein noch zu wahren, landwirtschaftliches Produkt. Obwohl wesentlicher für den jetzigen Zustand die Mutation der Frucht im Labor ist. Die meist glatte Schale hat braune Druckstellen, und stumpf aussehende braunrote Punkte wie Narben. Dazu ist sie noch symmetrisch durch helle Linien in Viertel unterteilt - sind das Markierungslinien, um sie nach Maßgabe der Hersteller aufschneiden zu können? Das Gewächs ist ziemlich hart, obwohl es schon einen Riss hat.

Ich bin beruhigt, als es, nachdem ich es ein Dutzend mal auf den Tisch habe fallen lassen (essen will ich´s mittlerweile nicht mehr unbedingt) endlich etwas weiter aufplatzt und der Fruchtsaft herausläuft - bei dem stimmt wenigstens noch die Farbe mit der der Gewächse aus dem Garten meiner Großeltern überein.

Vielleicht lasse ich die Frucht liegen und ermittle die Halbwertszeit der bestrahlten Tomate.

Nachtrag und Ausblick

Dieser Text ist aus einer Beschäftigung mit Fragen der Ästhetik entstanden, und er selbst will nicht als Kunst verstanden sein. Er ist ein Beispiel, wie der Weg dorthin aussehen kann. Aufbrechen von Gewohnheit, Verfremden, Abstand gewinnen - wenn "Künstler" da stehen bleiben, wird es unangenehm, aber das muss man erst einmal schaffen. Für mich war und ist es eine wichtige Vorübung. In "Kunst als Erschaffen der Zukunft: Lebenskunst" hatte ich skizziert, was Kunst kann.

Zum anderen fragt sich mancher, ob die sterile Tomate als Frucht bezeichnet wird. Die Antwort gemäß Definition: Die Frucht einer Pflanze ist die Gesamtheit der Organe, die aus einer Blüte hervorgehen, und die die Samen bis zu deren Reife umschließen. Früchte bilden prinzipiell nur die Bedecktsamer, das sind Pflanzen, die einen geschlossenen Fruchtknoten besitzen. -- Darüber hinaus ist es die Frage, mit welchen Unterscheidungen du leben willst; mit welchen Unterscheidungen jemand die Welt unterscheidet und verbindet.

Bunte Tomaten auf schwarzem Grund

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Über den Autor

Interessen: Thelema, Kunst, Gesellschaft. Ich will eine Welt, auf die ich mich freue, wenn ich mir vorstelle, dass ich sie später wieder betrete. Die jetzige taugt mir noch nicht. Der Blog ist ein Teil unserer groß angelegten MultiWelt Verschwörung:
Verführung, Ansteckung mit Phantasie, Austreibung von Stumpfsinn. Mehr darf ich noch nicht sagen :-)