Der Weg der Befreiung - Überwindung der Agonie

Mike hat in den "Techniken der Bewusstseinserweiterung" (TBE) die fünf Hemmungen als Strategien der Agonie unterschieden und charakterisiert. Ungeprüfte Überzeugungen und Erwartungen der Menschen, mit denen wir zu tun haben, vereinigen sich zu einem Sog der Agonie, den es zu überwinden gilt.

Ist es nicht besser, einen drauf zu machen, solange man noch kann, statt zu meditieren? In solche und ähnliche Fragen kleidet sich die Agonie.

"Die 5 Hemmungen hemmen Bewusstheit und Meditation. Sie bewirken, dass Entwicklung aufhört oder verlangsamt wird, und machen auch das alltägliche Handeln ineffektiv" (M.D. Eschner, TBE). Die erste Hemmung ist das Verlangen nach Sinnenswahrnehmungen. Wir sind weiter beim Thema.

Die 1. Hemmung: Verlangen nach Sinneswahrnehmung

"Das Verlangen nach Sinneswahrnehmungen, nach Stimuli zerstreut, wenn ihm nachgegeben wird, die Aufmerksamkeit an die vielfältigen Perzeptionen und macht Meditation, Bewusstheit und Wissensklarheit unmöglich" - man kann weder beim Objekt der Meditation verharren, noch einen Gedankengang ohne Störung zu Ende denken. Das gelingt nicht, weil man ständig "Ablenkung" sucht.

"Das Verlangen nach Sinneswahrnehmungen meint jede Form des Verlangens nach Zerstreuung und Unterhaltung. Z.B. Disco, Kneipe, Radio hören, Fernsehen, Schmökern, Primatengeschnatter usw., allen sogenannten "Zeitvertreib" der von Larvalen "Entspannung" genannt wird, aber nur Flucht in die Dumpfheit ist".

Die anderen Hemmungen

Die anderen Hemmungen sind Bosheit, Tamas, Rajas, Zweifel.

  • Bosheit: jede Form von Ablehnung wie Bösartigkeit, Gemeinheit, Gehässigkeit, Schadenfreude, Rachsucht ...
  • Tamas, Energielosigkeit: Müdigkeit, Mattigkeit und Starrheit
  • Rajas: Unruhe, Erregung und Aufgeregtheit
  • Zweifel: das unschlüssige Schwanken ohne Ziel, Grübeln

Bosheit

Jede Form von Ablehnung ist Bosheit. Das ist so weitreichend, das muss man sich mal klarmachen:

  • "Ich mag keine Bratkartoffeln."
  • "Heute morgen ist es schon viel zu warm."
  • "Schon wieder ein Auto draußen. Wenn der Fahrer doch wenigstens Techno hören würde statt Popmusik."
  • "Den 'Tatort' mit Schimanski guck ich, aber nicht den mit Franz Schlecht."
  • "Dieser Autor mag ja viele Ausezeichnungen bekommen haben, aber er ist ein Moslem. Die Bücher von so jemandem lese ich nicht."
  • "Körperpflege ok. Aber ich werde keinesfalls kalt duschen!"

Die Verfestigung und Abschottung des Ich

Abschottung: Eisenzaun

Bosheit ist so weit reichend, dass sie erstmal als selbstverständlich erscheint. Das Ich verteidigt sich gegen jede Möglichkeit, die Festung zu verlassen, Scheinsicherheit aufzugeben und sich zu wandeln. Das wurde in Philosophie und Psychologie behandelt und das Thema füllt Bibliotheken. Was hat es geändert? Demgegenüber wird die ganze Misere des unerleuchteten Menschen in den spirituellen Lehren auf einen Begriff zusammengetrieben: Bosheit. Bosheit ist jede Art von Ablehnung und Abgrenzung, jedes "Das bin ich nicht". Martin Heidegger spricht von dem uneigentlichen Modus des Daseins, von der Seinsvergessenheit des Man. Das Man ist das Jedermann. Jaques Derrida zeichnet Siedler und Nomaden als zwei diametral entgegengesetzte Lebensformen; der Siedler hat die Kultur des Abendlandes, die Kultur des Subjekt-Objekt-Denkens aufgebaut. Und wie steht die neue Spiritualität dazu? "Das Wort der Sünde ist Beschränkung" (Nuit, Liber Legis).

Wichtig ist hier auch die Umkehrung der Sinne, die im Tantra eine der wichtigsten Entwicklungsstufen ist - oder vielleicht die wichtigste überhaupt. Siehe Tantra-Buch. Siehe auch Goethe, um zu verstehen, dass die spirituelle Entwicklung immer die Überwindung der Bosheit in obigem Sinne beinhaltet. Und wo sie es nicht tut, ist nichts mehr mit Spiritualität und Weiterentwicklung. Was die Sektenjäger, die Presse und die Politik an Thelema gescholten haben, ist, dass es ein Weg ist aus der Bosheit der Ich-Abgrenzung heraus in die Güte des freien Menschen, a.k.a. Thelemit. Da kann ich rückblickend auf die letzten 35 Jahre nur sagen: Ok, Einwand notiert.

Mike charakterisiert Bosheit: "Bosheit folgt aus internalisierter Binärcodierung, denn dieser ist der Entscheidungszwang 'Ich oder der Andere' inhärent". Internalisierte Binärcodierung ist verinnerlichtes Schwarz-Weiß-Denken. Das ist tödlich! Um den falschen Anschein zu nehmen, Bosheit sei etwas normales und also darum eine Lappalie, um die du dich später kümmern kannst, ist Mikes sperrige Formulierung die bessere, weil schwerer verständliche: internalisierte Binärcodierung. Wer es liest, muss innehalten und überlegen. In den paar Sekunden ist es möglich, dass man mehr versteht. Ich habe Jahre dafür gebraucht. Es ist so fatal einfach: Ein Wort, eine kurze Charakterisierung, insgesamt nicht mehr als 10 Sätze. Und ich habe es nicht für voll genommen.

Wer die Welt zwanghaft in Gegensätzen konstruiert, die sich ausschließen, der kann sich (das Ich) nur erhalten, wenn er sich gegen die Welt stellt und abgrenzt. Am Beispiel: Da ich ein Mann bin, sei ja nichts Weibliches an mir, denn dann wäre ich kein richtiger Mann mehr. Da ein Mann stark ist, zeige ich niemals Schwäche, denn ansonsten wäre ich kein Mann und kein Mensch mehr. Da ich ein Mann bin, ist Fußball wichtiger als Malerei ... und ein richtiger Mann ist ein weißer Mann ... usw.

Mike schreibt weiter: "Jede Entscheidung für den Ich-Pol ist Bosheit sich selbst gegenüber, denn sie perpetuiert die Binärcodierung." Der Mensch, der auf seiner Scheinautonomie beharrt, auf der Selbstdurchsichtigkeit des Ich und der eigenen Motive, wer 'es besser weiß', wer Feindbilder pflegt, der mindert die vorher schon kleine Chance, aus dem Gefängnis des Ich zu entkommen. Der ist gegen sich selbst böse, und gerade dann, wenn er es der Welt mal wieder gezeigt hat.

"Bosheit trennt automatisch-dumpf, sie verdunkelt und verkrampft das Bewußtsein. Die Aufmerksamkeit wird immer wieder durch Gedanken an das Objekt der Bosheit durchbrochen. Ein Merkmal von Bosheit ist es, an anderen Bosheit zu entdecken." (TBE)

Wie kann ich die Bosheit überwinden? Sie hat bis hierher Dimensionen erreicht, die gewaltig über die alltägliche Bedeutung von Bosheit hinausgehen, wenn ich sage, jemand 'ist böse' oder wenn ein Kind getadelt wird, 'du bist wieder böse gewesen'. Bosheit ist die Abschottung des Ich, eine Lebensform, schicksalswirkend. Ich kann böse sein und hunderte Euro für Hilfsprojekte spenden und eine Jugendmannschaft trainieren usw. usf. Bosheit, die Verweigerung, das Ich zu verlassen und Selbst werden zu können ist nicht mit den gängigen Maßstäben für gut und böse zu erfassen.

Was dann? Bosheit ist die Weigerung, sich weiter zu entwickeln. Die Weigerung gegen Erleuchtung, sei es aus Angst oder Bequemlichkeit oder etwas anderem - die "Gründe" mögen wie auch immer lauten, sie ändern am Zustand des Verharrens und der Isolation und an der strikteren Grenzziehung der Welt (Binärcodierung) nichts.

Ich ertappe mich, dass ich die Neigung habe, Bosheit in überzogenen Situationen zu schildern, wo jemand schon als unnormal auffällt und die Marotte durchkommt (obwohl ich es doch eigentlich besser weiß). Situationen, wo sich z.B. zeigt: überzogene Pendaterie, harter Dogmatismus hinter oberflächlicher Weichheit, dumm klingende Stereotypen und so etwas. Das ist eine Art, die Bosheit von mir fernzuhalten, sie außen zu verorten, sie so zu verorten, dass ich sie sicher ausmachen kann. Haha, gewonnen!, kann ich mir dann sagen. Bleibe ich so auch in dem Raster drin?

Keine Beispiele mehr. Ich überlege noch einmal, wie weit Bosheit reicht und was sie im Kern ist.

Der 'Schwarze Bruder' bei Crowley

Mir fällt Aleister Crowleys Beschreibung eines Schwarzen Bruders ein. Das ist der, der als Magister Templi den Eid leisten könnte, "jedes Phänomen als besondere Beschäftigung Gottes mit meiner Seele" an-zu-nehmen(!) - und sich dagegen sperrt, ein Kind des Abyss zu werden. Aleister Crowley drückt es in der Sprache der Kabbala und des Ordens der Goldenen Dämmerung aus, Mike in einer neutraleren Sprache. Beide sprechen über dieselbe Kernfrage: Wandle ich mich oder bleibe ich, wie ich bin? "Bosheit" geht jeden jetzt und jederzeit an, die "Weigerung, durch den Abyss zu gehen", scheint ein spezielles Problem Weniger zu sein. Hm, für wen scheint es so? Meines Erachtens trügt der Schein.

Was hilft gegen Bosheit?

Die Frage ist disfunktional, sie fixiert weiterhin auf das, was überwunden werden soll. Anders gefragt: Wie überwinde ich böses Verhalten? Womit ersetze ich es? Und nochmal anders gefragt:

Wie werde ich freier?

Wie werde ich vielfältiger? Wie gewinne ich mehr Verhaltensmöglichkeiten? Dreimal dieselbe Frage.

  • einen Logikkurs machen, um das Denken zu trainieren (s. Prä-Trans-Verwechslung)
  • Meditation
  • Tagebuch schreiben: meine Gedanken fixieren, um sie beobachten zu können. Das Gewohnte auffällig machen, denn nur dann kann ich es prüfen und ggfs. ändern.
  • körperliche Lockerung

Die Überwindung von Bosheit hat zu tun mit fließen, mehr Zwischenzustände und Abstufungen zulassen, mehr Vagheiten aushalten und damit umgehen können. Vielfältiger handeln können - statt Grenzen zu ziehen, die Welt annehmen. Achtung: Das ist keine inhaltliche Vorgabe. Das ist keine Moralfrage in dem üblichen Sinne, was 'gut' sei.

Um freier zu werden: Um Bosheit zu überwinden, reicht es nicht, anderen etwas Gutes zu tun. Obwohl Bhakti Yoga, der Weg des Dienens, ein gangbarer Weg hierfür ist. Die Dumpfheit im Denken, das schwerfällige Rastern nach binären Codes ist eine Frage des Komplexitätsniveaus. Das kann ich steigern, wenn ich denken trainiere.

Was ist das Entscheidende?

Das ist alles schön und gut, und für das Ausschlaggebende halte ich

  • den Willen zum Wachstum: "Übertriff! Übertriff!" Hadit im Liber Legis
  • die Liebe zu den Göttern: "Denn wir vermögen nur das, was wir mögen" Martin Heidegger (s: Überwindung des Nihilismus)
  • die Sehnsucht zu Nuit: "Aber mich zu lieben ist besser als alles. ..." Nuit im Liber Legis

Ich gehe das nicht weiter in Einzelheiten an, das wäre unpassend. Ich würde, davon bin ich überzeugt, niemandem helfen, wenn ich das weiter ausführe bis zu einem Programm, das die genannten Oberpunkte mit konkreten Handlungen und Übungen ausfüllt. Warum? Wer's wissen will, (er)findet Wege und Möglichkeiten. Wer hier auf seine ToDo Liste wartet, der hat vom Kernthema, von Gottwerdung oder Verrecken in der selbst angelegten Wüste, nichts verstanden.

Und nun will ich die Fragestellung nochmals aufgreifen und aus den "Techniken der Bewusstseinserweiterung" beantworten. Kapitel 5.8 behandelt die meditationsfördernden Dinge. Was die Meditation fördert, dient dazu, die Hemmungen (s.o.) zu überwinden, dient dazu, den Strom des Lebens zu stärken. Eine Hilfe kann Unterhaltung sein.

Unterhaltung, die zu Bewusstseinserweiterung beiträgt

Unterhaltung nennt Mike im TBE Gespräche, Lesen und Musik. Das geht er nun der Reihe nach durch.

Gespräche

Gespräche über welche Themen sind günstig für die Meditation?

  • Gespräche über Abgeschiedenheit,
  • Gespräche über die Vermeidung von Geselligkeit,
  • Gespräche über Ziele und Willen,
  • Gespräche über die Meditation selbst,
  • Gespräche über Selbstverwirklichung,
  • Gespräche über die Zusammenhänge der eigenen Entwicklung und der Entwicklung des Universums,
  • Gespräche über das Schweigen: Was unterscheidet Schweigen und nicht reden, Wie wirken unbewusste Selbstgespräche, Wie wirkt Stille?

Gespräche können wir face to face führen, ebenso als Monolog oder Dialog im Tagebuch, oder als Briefwechsel. Alles, was davon ablenkt, ist ungünstig für Meditation. Alle Ablenkungen hemmen das Streben. Mike fasst alles darunter, was nicht Meditation oder angrenzende Themen behandelt. Mit seinem Sinn für treffende Formulierung fährt er fort in der Aufzählung: "'Primatengeschnatter' d.h. Gespräche zum Zeitvertreib, Geschwafel, Klatsch, laute Rede, erregte Rede, grobe Rede."

Lesen

Bei der Wahl des Lesestoffs gilt das gleiche entsprechend. Das heißt praktisch, lass die Finger vom Internet. Stöpsle den Netzwerkstecker aus/ deaktiviere das W-Lan. Nur falls das zu schwer für dich ist (Wirklich? Ist das so schwer?), dann setze dir feste Internet-Zeiten und meide auf jeden Fall die Nachrichtenseiten sowie die großen Portale. heise.de ist für Meditation und Zentrierung genau so Gift wie der SPIEGEL oder taz.de oder ... oder ...

Programmiere die Fritz-Box, wenn gar nichts anderes hilft, kann man dort das W-Lan wie mit der Zeitschaltuhr an- und abschalten. Dann sichte die Zeitungen und Bücher, mit denen du dich umgibst.

Musik

"Musik kann - richtig eingesetzt - gegen Rajas und Tamas helfen und inspirierend wirken. Ansonsten gilt sinngemäß das gleiche wie oben." Ich möchte dem nur zwei Sachen präzisierend hinzufügen:

  1. Entweder du hörst Musik oder du machst etwas anderes.
  2. Wenn es mehr als 10 Minuten Mucke am Tag sind, läuft was verkehrt. Besser wäre, selber zu singen, als Konservenmusik zu hören.

Selbstorganisation

Sowohl bei den Gespräche, wie beim Lesen oder der Musik geht es um einige wenige Forderungen nach Kompatibilität. Alles danach sind Fragen der Selbstorganisation: Wie setze ich es um? Wie gestalte ich den Tag? Wie richte ich mich ein? Hilfreich sind ein Terminkalender, um alle Erledigungen festzuhalten und den Kopf frei zu kriegen und eine Uhr/ Wecker. Außerdem, wie immer, das Tagebuch. Ein bewährtes Schema der Selbstorganisation ist GTD, getting things done, von David Allen.

Ursprünglich wollte ich über das Verlangen nach Sinneswahrnehmungen schreiben. Es ging in eine andere Richtung, na gut. "Es ging" bedeutet: Mir kam eine Idee und dann schrieben ich und mein Tagebuch in eine andere Richtung.

Und du?

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Über den Autor

Interessen: Thelema, Kunst, Gesellschaft. Ich will eine Welt, auf die ich mich freue, wenn ich mir vorstelle, dass ich sie später wieder betrete. Die jetzige taugt mir noch nicht. Der Blog ist ein Teil unserer groß angelegten MultiWelt Verschwörung:
Verführung, Ansteckung mit Phantasie, Austreibung von Stumpfsinn. Mehr darf ich noch nicht sagen :-)