Und der Mensch wird sein wie verzaubert ... und mit ihm die Welt

Menschen, die nicht denken, finden überall Rätsel. In der Entstehung von Klopapier, in der Rede des Präsidenten, in der Wirkung von Penicillin. Das ist zwei Weltzeitalter (Äonen) von Thelema entfernt. Wir haben eine Buchreihe "Die Wiederverzauberung der Welt" genannt (Band 1 und Band 2 sind erschienen). Wo wir verzaubern, scheint die Sonne heller, wird der Mensch größer. Wir machen keine Rätselratestunde für gelangweilte User.

Rätsel und Überraschung, Überraschung und Sensation sind Geschwister. Was heute unterhält, muss so wirken, als sei es etwas Zauberhaftes, verborgenes Geheimnis, das den User überrascht, wenn es ausgewickelt wird.

Geheimnis und Rätsel, Offenbarung

Als Joachim Fernau über die Genies der Deutschen schrieb, vermerkte er zu dem Maler Rembrandt, "Dass der Maler aus seinem Gemälde ein Rätsel oder eine Vorlesung macht, ist eine Erfindung der modernen Dekadenz." Er wollte ausdrücken, dass da kein Rätsel ist, sondern alles tritt offen zutage. (Die Frage ist dann natürlich, Für wen ist das offensichtlich?)

Das trifft für den Künstler Rembrandt zu und für den Künstler Eschner auch. Dass der Zweitgenannte aus Thelema ein Rätsel oder eine Vorlesung macht, ist eine Erfindung der modernen Dekadenz. Dass er Thelema und das Liber Legis verkomplizierte, ist eine Meinung der modernen, äh, ... Geschmeidigkeit des Denkens. Automatisierung klingt unmenschlich, gell? "Dogmatisch waren die damals, früher ...", sagt das moderne Automatenhirn.

"Der Kunde will überrascht werden"

Was heute unterhält, muss so wirken, als sei es ein verborgenes Geheimnis. Binnen zwanzig Sekunden wird es entborgen. Jetzt überrascht es den User. Das ist keine Klage über niveauloses Banausentum, sondern 10 Sekunden sind die Zeitspanne, unter die sich Verkäufer und Webseiten-Optimierer stellen. Keine Träne aus dem Elfenbeinturm, sondern Realität, - allerhöchstens! - Realsatire.

Ich war in den letzten Jahren in dieser Branche tätig. Je mehr ein Thema nur ein Mittel war, desto leichter fiel es mir, mich mit guten Erfolgen darüber zu äußern. Thelema ist Selbstzweck. Hier will ich die 10-Sekunden-Regel nicht befolgen. Hier kann ich die Schemata, die ich dort verwendete, um die kritischen 10 Sekunden zu nutzen, nicht anwenden. Warum nicht?

Sinn kann man nicht "verkaufen"

Wir wollen keine eiligen Kunden im Laufen/ Zappen bedienen, so als sei Thelema eine Art fastfood. Sondern wir wollen(!) es noch exklusiver zeigen, noch fremdartiger, ferner vom Dauerlauf-Zeitgeist. Wozu? Dann stellt sich ein Mensch auf die Zehen, einer springt, und - lernt fliegen. Einige hüpfen, es klappt nicht gleich mit dem Fliegen und sie humpeln von dannen. Das kann tausend Gründe haben. Vielleicht sind sie zu sehr routinierte Dauerläufer durch ihr Leben. Sie haben etwas Besseres zu tun ... was auch immer. Und viele leben in der Selbstgewissheit, dass dem Kunden ein appetitliches Angebot zu offerieren sei und wo sie das nicht finden, eilen sie weiter, wohin auch immer. Für zehn Sekunden haben sie es ja ausprobiert. War nichts. Macht nichts.

Es ist nur seltsam: Die Grundfrage: Leben oder Tod?, die geht jeden an. Und wer diese Frage offen stellt und operabel macht (das ist unsere Wiederverzauberung der Welt), der findet bei Millionen sonst recht aufgeweckter Zeitgenossen nur Gehör als Sensation.

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Über den Autor

Interessen: Thelema, Kunst, Gesellschaft. Ich will eine Welt, auf die ich mich freue, wenn ich mir vorstelle, dass ich sie später wieder betrete. Die jetzige taugt mir noch nicht. Der Blog ist ein Teil unserer groß angelegten MultiWelt Verschwörung:
Verführung, Ansteckung mit Phantasie, Austreibung von Stumpfsinn. Mehr darf ich noch nicht sagen :-)