Das Schiff

Wir fahren auf einem Schiff. Es ist eine Flucht von ... Hhmpf! Ich kann machen, was ich will, ich habe den Ort vergessen, von dem wir aufbrachen. Ich weiß nicht genau, wie wir hierher gekommen sind. Das ist mir unangenehm. Ich hoffe, dass mich niemand danach fragt. Denn ich weiß auch noch nicht, wohin es geht. Das sollte sich bald ändern, wenn ich unauffällig vorgehe. Sind wir wirklich auf der Flucht? Ich bin nicht mehr sicher. Vielleicht sind wir es schon sehr lange und haben uns daran gewöhnt. Oder wir fahren und gehen, wie wir es immer taten, nur hat einst jemand behauptet, wir würden damit einer Gefahr ausweichen. Kann ja sein, dass es einst so war. Doch wenn niemand prüft, ob die Bedrohung noch aktuell ist, dann laufen wir vielleicht vor einer Fiktion davon und keiner merkt es! Heute abend beim Essen werde ich diesen Fragen einmal nachgehen. Ich bin sicher, dass jemand an Bord die Antworten kennt. Fürs erste, für diese Geschichte ist es jedoch unwichtig. Wichtig ist nur, dass wir von der Insel ... kommen. Und dass wir das offene Meer erreicht haben. Ich gehe langsam über Deck und halte nach dem Kapitän Ausschau.

Die Wellen schlagen höher. Der Schiffsjunge eilt an mir vorbei und sperrt das Vordeck. "Sie sollten in die Kajüte gehen, wir kriegen schwere See", ruft er mir zu. Eine Windbö reißt ihm die letzten Worte von den Lippen. Und schon ist er weg. Tatsächlich braut sich urplötzlich ein schlimmes Unwetter zusammen. Ich drehe mich nach Steuerbord, prüfe die See backbord und schon hat sich die Wetterlage geändert. Der Mast ächzt und der eiserne Rumpf jault, als würde er zusammengedrückt werden. Mit einer leichten Überraschung stelle ich fest, dass ich keine Angst habe und  mich selbst mit eigenartiger Ruhe beobachte. Doch ich muss auch meine Umgebung beachten, denn ich stehe als einer der letzten Reisenden noch an Deck. Eine haushohe Welle läuft frontal gegen den Bug. Im letzten Moment finde ich ein Tau, an dem ich mich festklammere. Erst hebt sie das Schiff vorne hoch. Wäre genug Zeit, würde ich noch unter Deck springen, aber es geht alles zu schnell. Im Bruchteil einer Sekunde hebt sich eine graugrüne Wasserwand zwei Meter hoch vor den Bug - dort, wo eben noch der Horizont zu sehen war. Jetzt bricht die Welle über das Vordeck und wir stechen in den Wasserberg. Vor mir, über mir, neben mir Wasser, aber ich sehe zumindest die Deckplanken unter den Füßen, als das Wasser dröhnend und gurgelnd durch die Speigatten zurückströmt. Und jetzt - geht es abwärts! Das Schiff senkt sich vornüber! Aber ich sehe die nächste Welle nicht auf uns zurollen.

Schiff in stürmischer See

Wir fallen. Ich stehe noch, wo ich mich bei der ersten Welle angeklammert hatte. Es scheint mir jetzt, dass wir schon eine Weile fallen und ohne irgendwo aufzusetzen. Das Schiff ist ruhig geworden, der Bug nur leicht nach unten gesenkt. Wären nicht diese dichten Wolken voll Wasser, Gicht und Regen und wären nicht diese dunklen Berge von Wasser und wäre nicht alles umher Grau, Dunkelgrün oder Schwarz, dann könnte ich mehr sehen, wo wir sind und wohin es geht. Aber es gibt keine Lichter, es gibt nur Wasser und diese eigenartige Ruhe im Schiff. Wir haben kein Wasser unterm Kiel. Ich beuge mich nicht über die Reeling, aber auch ohne hinzusehen, bin ich mir sicher, dass gerade dort, wo das Waser normalerweise sein sollte, keins mehr ist. Das Schiff fühlt sich eigenartig leicht an. Oder bin nur ich das? Um mich wird es ruhig, als ob alle Bewegung fein ausläuft und aufhört. Eben noch drückten mir das Stampfen und Drücken auf den Wellen fast die Beine weg. Jetzt, so plötzlich, wie es kam, hört das auf.

Entweder wir schweben, sage ich zu mir, oder wir fallen. Mir geht durch den Kopf: Wenn wir fallen, müsste ich die Leere um uns sehen. Also drehe ich mich um. Blicke hinter mich. An der Brücke vorbei, an Schornstein und Mast vorbei springt mein Auge nach hinten, wagt sich von Bord, und springt. Ja! Ich sehe es jetzt: Das Schiff stürzt in düstere Leere.

Weit hinter uns mache ich eine schwarzgraue Felswand aus. Nassglänzender, jetzt vom Wasser befreiter, glattgewaschener Stein. Immer tiefer, je weiter wir fallen, ragt auch die Felswand. Gestein, das seit Jahrmillionen das erste mal vom Dunkel des Ozeans getrennt wurde. So hoch das Auge im Sturz reicht, so hoch türmt sich dieser Felsen. Es gibt nichts mehr, was ihn überragt. In Bächen rauscht Wasser daran herunter, kleine Wasserfälle - nein, sie gleichen Sturzbächen nach einem Platzregen, wenn die Rohre und Kanäle das Wasser nicht mehr fassen.

Wir stürzen eine riesige Steilwand herunter, die bis eben unter dem Meer lag. Das Meer! Es hat sich geteilt! Die Wasser wichen und es tritt die massige Härte hervor. Am Rande des Bewusstseins stelle ich verwundert fest, dass ich ganz ruhig bin. Dieser Untergang könnte auch Schöpfungsakt einer neuen Welt sein. Wurde nicht in einem ähnlichen Vorgang die Epoche der alten Kultur initiiert? "Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott ..." Oder noch früher? "Als droben die Himmel namenlos / drunten die Schwelle noch ungenannt / und Apsu, das Uranfängliche, das Haus der Weisheit ..."

Ich sehe wieder auf die Felswand, schaue so lange darauf, bis ich nicht mehr sicher weiß, ob sie zwischen unten und oben ragt oder ob sie das liegende Fundament von allem ist und wir über dem Grund schweben. Der Ozean ist ... weg gerückt. Die Wasser unten wurden die Wasser droben. Die Höhe und die Tiefe sind vertauscht, wie es die alte Prophezeihung kündete: Und die alten Himmel wurden die Welt, in der wir leben. Die alten Tiefen sind, was sie immer waren: der Ur-Grund. Er bewegt sich nicht. Wir haben uns bewegt. Wir sind dem Urzeitigen, dem Überzeitlichen, Unvermessbaren wieder nahe.

Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde verging, und das Meer ist nicht mehr. -- Johannes-Offenbarung
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Kommentare

Angela

Das Schiff - da hab ich eine Weile drüber nachgedacht.
Bis mir - über Nacht nun - der Schluss von Goethes Faust als passender Kommentar (von mir) in den Sinn kam:

Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche,
Hier wird's Ereignis;
Das Unbeschreibliche,
Hier ist's getan;
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.

K-n-u-t

Hallo Angela, jetzt bin ich verlegen. Goethe! Sogar der Faust! Dankeschön. So eine Antwort spornt an :) liebe Grüße, Knut

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Über den Autor

Interessen: Thelema, Kunst, Gesellschaft. Ich will eine Welt, auf die ich mich freue, wenn ich mir vorstelle, dass ich sie später wieder betrete. Die jetzige taugt mir noch nicht. Der Blog ist ein Teil unserer groß angelegten MultiWelt Verschwörung:
Verführung, Ansteckung mit Phantasie, Austreibung von Stumpfsinn. Mehr darf ich noch nicht sagen :-)