Beispiele zur Verwechslung von Affekt und Wille - das größte Missverständnis über THELEMA (Teil 2)

Im ersten Teil, "Die Verwechslung von Prä-Rationalität (Affekt) und Trans-Rationalität (Wille)" ging es um die große Gefahr jeder spirituellen Suche, die Gefahr, den Kopf auszuschalten. Mit dem Alltagsbewusstsein (rationales Bewusstsein) finden wir nicht das Selbst / die Gottheit / Erleuchtung (wie immer du deine Ziele nennst). Das bemerkt jede(r) bald. Aber wenn der Verstand, das rationale Denken, zur Hürde wird - wie wird man ihn "auf die richtige Weise" los? Wie transzendiert man sein Denken, statt ein infantiler Gläubiger zu werden?

Buddhastatue, BarcelonaDer lachende Buddha ist ein Symbol spiritueller Reife und Weisheit: die Welt kann ihm nichts anhaben. Und unzählige Menschen grübeln und probieren sich an der Frage: Wie komme ich dahin? (Und vor allem: Hat der sich auch mit der Prä-/ Trans-Verwechslung rumgeschlagen?)

 

Ich hatte aufgehört mit der Bemerkung, dass wir unsere Vermögen wieder verlernen, wenn wir sie nicht nutzen. Das ist beim Kopfrechnen so, beim rückwärts sprechen, mit Grammatik (Was ist ein Dativ?) oder Logik (Was ist das tertium non datur und wieso ist das wichtig?) Oder ich will ein Bild aufhängen, der Nagel fällt runter, ich ärgere mich über diesen blöden Nagel. Die rationale Stufe ist auf zweierlei Weise der Gefahr des Schwundes ausgesetzt:

  1. Einst angeeignete Vermögen werden nicht / zu selten genutzt, wodurch sie mit der Zeit wieder verlernt werden. (Lawrence Kohlberg hat das für Stufen des moralischen Urteilens in Großversuchen belegt. Jean Piaget hat die Regression der Rationalität als Randthema mitbehandelt).
  2. In stressigen Situationen, wenn die Gefühle die Oberhand gewinnen, greifen wir auf bekannte Verhaltensweisen zurück. Das sind meist kindlich geprägte Schemata über die Welt. (Der blöde Computer lebt und der doofe Nachbar will mich ärgern).

Die zwei Verwechslungsmöglichkeiten

Wenn eine Idee nicht rational erfasst werden kann, gibt es zwei Möglichkeiten:

  1. Das Transrationale wird für das Prärationale gehalten. Oder,
  2. Das Prärationale wird für das Transrationale gehalten.

Viele viele Fehlannahmen über den "Wahren Willen" gehören zu Fall 1. Wer den Verstand (Ratio) für den Gipfel der Fahnenstange hält, der versteht nur Bahnhof, wenn es was geben soll, das darüber hinaus geht. So jemand weiß, dass der Wahre Willen auch bloß "Spontaneität", Triebsteuerung und Affekt bedeutet - eben alles, was derjenige als nicht rationale Lebensweise kennt.

Fall 2: Jemand will die Ratio transzendieren und sucht im Rausch, mit Drogen, Träumen, Trance nach Ansätzen für transrationales Denken. So sagt der das vielleicht nicht, er sagt vielleicht: "Ich bin ein Kopfmensch, ich muss aus meinen Modellen ausbrechen. Ich will die Tür ins Unbekannte aufstoßen - egal, was dann passiert!" Doch nur 'bottom up', allein mit Analogien und aus den Erfahrungen von früher kann man die rationale Stufe nicht transzendieren. (Es bliebe der Versuch, das Neue aus dem Alten, das Trans- aus dem Prärationalen zu errechnen).

Einige Beispiele sollen das verdeutlichen.

Beispiel 1: Sigmund Freud und Carl Gustav Jung

Wenn wir den Begründer der Psychoanalyse und seinen bedeutendsten Schüler gegenüberstellen, zeigt sich eine geradezu klassische Konstellation von Pol und Gegenpol: Beide verwechseln ab und an prärationales und transrationales Denken. Freud schlägt kategorisch transrationales Bewusstsein dem Trieb, dem Kleinkind, dem Prärationalen zu. Jeder ist Ödipus. C.G. Jung war die Fixierung auf Es und Über-Ich leid, das kann nicht alles sein! Er schlägt die Äußerungen des Kindes dem Transrationalen zu - auch wenn ein Kind nichts davon wissen mag.

Es gibt sehr viel mehr Menschen, die Angst vor dem Unbewussten haben, als man erwarten würde. Sie haben schon Angst vor dem eigenen Schatten. Kommt man gar zu Anima und Animus, so steigert sie sich zur Panik. - Carl Gustav Jung (1875-1961)

"Freud hat das präpersonale Es und das personale Ich korrekt erkannt und ausführlich beschrieben und differenziert. Alle spirituellen oder transpersonalen Erfahrungen indes hat er schlicht auf die prä-personale Ebene reduziert, d.h. als Rückfall vom personalen Ich interpretiert". (M.D. Eschner, Die Thelema Fibel)

Und, ist das alles? Nein, denn wir sind nicht in der Theorie, sondern im Leben. Modelle, Annahmen über den Menschen prägen, was wir denken, erleben, tun. Also? Also ist die einseitige Vorentscheidung von Doktor Freud ein Hindernis für Menschen, die ihre Ratio transzendieren wollen. Denn alles Tun beginnt im Kopf.

Denken Sie an den betrübenden Kontrast zwischen der strahlenden Intelligenz eines gesunden Kindes und der Denkschwäche des durchschnittlichen Erwachsenen. Wäre es so ganz unmöglich, dass gerade die religiöse Erziehung ein großes Teil Schuld an dieser relativen Verkümmerung trägt? Sigmund Freud (1856-1939)

C.G. Jung dagegen erkennt die transpersonale Dimension an. Er spricht vom Selbst als Weiterentwicklung des Ich. Aber er verschmilzt sie oft mit präpersonalen Strukturen. "Das hat einmal zur Folge, daß er die psychische Entwicklung eines Menschen als einen Weg vom Selbst über das Ich zurück zum Selbst versteht und folglich das Ich als Entfremdung vom Selbst". (Thelema Fibel) Da liegt es nahe, kindliches Denken und Mythen als erstrebenswerte Weisheit zu stilisieren. Jung ist einer der großen Mythenforscher der Moderne. Und wegen seiner großen Pionierarbeit ist es ähnlich wie bei Freud: Die einseitige Vorentscheidung von C.G. Jung wird zum Hindernis für Menschen, die ihre Ratio transzendieren wollen. Denn alles Tun beginnt im Kopf.

Beispiel 2: Das böse Ego

Was in den letzten Jahrzehnten "Esoterik" meint, ist etwas deutlich anderes als die Geheimlehren und Geheimgesellschaften seit der Renaissance mit esoterischem Wissen verbanden. Wer heute Internetforen aufsucht, um esoterisch Interessierte zu treffen, liest häufig den Rat, wie: "Du musst dein Ego überwinden" oder eine Klage, wie: "Ich weiß, ich sollte X tun, aber mein Ego steht dem entgegen". Sowas ist ja nicht gänzlich unrichtig. Aber es wird zum Hemmschuh, weil es das "Ego" nebulös alles und nichts bezeichnet. Ob prä- oder transrational, lässt sich damit nie entscheiden.

Hier scheint mir eine Bemerkung über mein Thema angebracht. Prä und Trans sind keine Dinge, die jemand nur richtig anwenden müsste, und die Tür ginge auf. Es sind keine Wunder-Generalschlüssel. Ich weiß auch nicht alles besser, als die esoterisch Interessierten, die über ihre Egos klagen. Aber: Prä und Trans empfehlen sich als Schema, um sich selbst zu beobachten. Sie sind ein Werkzeug und sie liefern Arbeitshypothesen. Wunder leisten sie nicht. Aber was sie leisten, ist eigentlich (wenn du es mit kühlem Kopf bedenkst) alles, was du brauchst und von einem Begriffspaar erwarten kannst.

Beispiel 3: Sex

Prärationale Stufe: Hippies und Flowerpower waren der Versuch, die "Befreiung der Sexualität" als Massenbewegung zu erreichen. Die Ideen klangen vielleicht gut, aber was dann? Triebe und Gefühle (good vibrations!) sollen frei walten, wo bisher sozialisierte Normen regulierten. Du tust wozu du Lust hast. Du lässt, wozu du keine hast.

Rational: Wer es rational angeht, tut das vermutlich, um zu lernen und zu experimentieren. Das Feld ist groß: Was jemand mag und was nicht, wie man sich lockert, wie man Vorlieben und Abneigungen verändern kann u.v.m. Die transrationale Ebene ist wohl die Domäne von Sexualmagie und Tantra.

Die Venus von Willendorf

Die Venus von Willendorf (*) ist eine 1908 entdeckte kleine, steinerne Venusfigurine und ca. 29.000 Jahre alt. Sie zeigt die Vorstellung der nährenden Muttergottheit. Das Mysterium des Lebens, der ewige Kreis aus Ahnen, Eltern und deren Nachkommen sind in dieser Statuette angezeigt. Die Menschen, die sich als ihre Kinder wissen und diese göttliche Mutter Natur verehren, werden überleben. | Foto: MatthiasKabel. Eine andere Frage ist: Ist die Venus von Willendorf Kunst?

 

Yoga hilft einem, länger und besser Sex zu haben. Ich kann das schlecht erklären aber gut vormachen. - Sting

Die prärationale Stufe entspricht entwicklungsgeschichtlich dem Isis Äon. Die matriarchale Ordnung und die Muttergottheit gehören hierher. Auf der rationalen Stufe wird Sexualität (wie alles andere auch) zum Mittel, um verschiedene Zwecke zu erreichen. Der Bereich käuflicher Liebe gehört hierher.

Beispiel 4: Die edlen Wilden

Die prärationale Seite möchte derjenige, der die edlen Wilden sucht, gar nicht sehen. Hohe Kindersterblichkeit gehört hierher, Seuchen, Mangelernährung. Der Indianer, der seine Waffen verkauft und das Geld versäuft oder der Aborigine, der auf Sozialhilfe wartet. Rational zugänglich werden Stammesgesellschaften, wenn Forscher ihre Bräuche und Lebensweise studieren. Die Stämme werden als transrationale Vorbilder ausgegeben, wo Zivilisationsmüde "Zurück zur Natur" wollen, oder wo jemand spirituelle Geheimnisse in einem archaischen Weltbild findet. Der Verstand wird als trennend von der Natur aufgefasst: als das, was uns von unseren Wurzeln wegtrug.

Wie ich die prärationale Seite schilderte, ist ernüchternd oder frustrierend. Auf der rationalen Stufe sind Stammesverbände vielleicht interessant - nur wie lange? Der Forscher will weiter, Neues erforschen! Und die transrationale Seite ist mehr Wunschdenken als alles andere. Wer will ohne Apotheken, Auto, Stadtverwaltung und Buchläden, ohne Autobahnen und W-Lan leben?

4.1 Manchmal hilft auch auswandern nicht

Wer heute aus Deutschland aubricht, um bei den Wilden zu leben, wird feststellen, dass das nicht geht, und dass es die nicht mehr gibt. (Gab es sie jemals?) Ich habe mit einigen Auswanderern gesprochen, die nach Deutschland zurückkehrten. Die waren zehn Jahre, in einem Fall sogar 30 Jahre im Ausland. Die deutsche Mentalität finden sie furchtbar. Aber ein guter Chirurg, McDonalds und Handy-Flat sind ok. Die medizinischen Geräte, die Ausbildung des Arztes, die weltweite Logistik und automatische Fertigung, die Mikrochips, das Backbone und das Vertragsrecht - alles Früchte der Rationalität der abendländischen Kultur.

Die Prä-/ Trans-Verwechslung und der Gegensatz von Gefühl und Wille, ist das Gleiche? Nein. Gefühle oder Wille, Affekt oder Wille sind ein Gegensatzpaar: A oder nicht-A. Die Prä-/ Trans- Verwechslung basiert auf der Dreiheit von Prärationalität, Rationalität, Transrationalität. In dieser Struktur sind Bewegungen (Entwicklungen, Sprünge, Vertauschungen) leicht abzubilden.
Dualitäten
die eine Seite die andere Seite
Affekt / Trieb Wille
Emotion Volition
sollen wollen
mögen wollen

Tabelle: Gegensatzpaare. Wie man von einem zum anderen kommt, bleibt außerhalb der Differenz.

Dreiheiten
die eine Seite (Position) die andere Seite (Negation) und die dritte (Aufhebung)
prärational rational transrational
präpersonale Stufe personale Stufe transpersonale Stufe
Gefühl Verstand Wille
1., 2. Schaltkreis (n. Leary) 3., 4. Schaltkreis 5. und höhere Schaltkreise
Isis Äon Osiris Äon Horus Äon

Tabelle: Dreiheiten zur Bildung dynamischer Strukturen

"Ich mag Kakao nicht", Teil 2

Wir sind wieder in einer geselligen Runde und jemand reicht rohe Kakobohnen. Hast du bis hierher gelesen? Glückwunsch! Die meisten sind gelangweilt gegangen. Du hast dir die Chance gegeben, die sich die meisten versagen: Spiel' es nochmal durch, wie du dich verhalten würdest. Was du tun würdest, ist eine Spur zu dem, was du (in ähnlicher Situation) tun wirst.

Das ganze Thema der Prä-Trans-Verwechslung war nur dazu gut, zu zeigen, wie verheerend unreflektierte Neigungen und Abneigungen sind. Sie sind so normal. Sie besiegeln Schicksale und keine(r) merkt es.

Fußnote

* Es herrscht unter Archäologen keine Einigkeit, was diese Figur und andere weibliche Figurinen bedeutet haben. Weder, welche Kultur in der Steinzeit gelebt wurde, noch, welche Kulte es gab. "Die kulturelle Bedeutung dieser Objekte ist ungeklärt; einen offensichtlichen Nutzen haben sie nicht." (wikipedia) Mit der hier vorgeschlagenen Äonenabfolge ergeben sich sinnhafte Bezüge. Vieles passt zusammen. Was wollen wir mehr? Die Weihen moderner Wissenschaftlichkeit bleiben uns allerdings versagt. Mich beschleicht ab und an der Verdacht, dass Archäologen ihre Gefilde streng abstecken und sich gegen Deutungen anderer Fachrichtungen verbauen. Dieser Isolationismus könnte eine Gegenreaktion sein gegen eine zu weite Öffnung aller Forschung, so dass sich jeder dran bedienen kann. Es geht nicht mehr um soziale Mobilität, sondern um virtuelle Mobilität und Allgegenwärtigkeit: Nur wer überall seine Markierungen setzt, jede Kommunikation besetzt, hat noch die Chance, wahrgenommen zu werden. Mit Wissenschaftlichkeit hat das dagegen nicht das Geringste zu tun, und der Isolationismus ebenso wenig.

Neuen Kommentar schreiben

knut's picture

Über den Autor

Interessen: Thelema, Kunst, Gesellschaft. Ich will eine Welt, auf die ich mich freue, wenn ich mir vorstelle, dass ich sie später wieder betrete. Die jetzige taugt mir noch nicht. Der Blog ist ein Teil unserer groß angelegten MultiWelt Verschwörung:
Verführung, Ansteckung mit Phantasie, Austreibung von Stumpfsinn. Mehr darf ich noch nicht sagen :-)