Kunst als Erschaffen der Zukunft: Lebenskunst

Was bisher geschah ...

Die Prä-/Trans-Verwechslung ist ein Ansatz, um Zukunft zu bestimmen. Manches war schwer zu verstehen. Warum? Weil es kein Allerweltsthema ist. Weil es ein ungewohnter Gedanke ist: Die meisten glauben, Zukunft passiert uns. Falsch! Wir machen Zukunft. Zukunft ist nicht, wenn ein neuer Monat anfängt, ich spreche von der Zukunft eines neuen Zeitalters. Die erschaffen wir Menschen - aber sie geschieht uns nicht von allein. Was die meisten für einen Selbstläufer halten, zeigt sich nun als unsere Schöpfung. Die Welt, in der wir leben, ist die Welt, die wir gemacht haben. Die Prä-/Trans-Verwechslung trifft darum ins Herz allen Jubels wie aller Sorgen über die Welt von heute und morgen. (Siehe Das größte Missverständnis über Thelema Teil 1, Das größte Missverständnis über Thelema Teil 2)

der griechische Held Achilles
Achilleus bei Lykomedes, Flachrelief eines attischen Sarkophags, etwa 240 n. Chr., Louvre. Achilles ist einer der größten Helden der griechischen Antike. Homer hat ihn in der Ilias besungen. Der Heros im Altertum und in der Antike war halbgöttlicher Abstammung. So ist Achilles der Sohn des Peleus, des Königs von Phthia in Thessalien, und der Meernymphe Thetis. Das führt mitten ins Thema Heros - Übermensch.

Wir alle wissen, dass es mehr als Rationalität gibt. Einige glauben, das müssten Gefühle sein. In den vorigen Artikeln habe ich eine Korrektur vorgeschlagen: Das können Gefühle sein, aber müssen nicht. Nennen wir es Transrationalität, um zu zeigen, dass sich das nicht Rationale nochmals unterscheiden lässt: in das Vor-Rationale/Prärationale und das Nach-Rationale/ Transrationale. (*) Die drei Stufen und ihre Verbindungen eignen sich, um Bewusstseinsentwicklungen in unserer Kultur (phylogenetisch) und im Leben eines einzelnen Menschen (ontogenetisch) zu erfassen.

Mir geht es nicht um einen klappernden Dreischritt. Es geht um das Neue Äon, die Spiritualität der Zukunft. Das Herz aller Schaffenden schlägt höher: da raunen Möglichkeiten im noch Unerschaffenen, drängen, locken dazu, erschaffen zu werden!

Doch der Blick manches Zeitgenossen bleibt trübe: Was soll das ganze Konzept. Wo dieses komische 'Neue Äon' doch noch nicht mal fertig vorliegt. (Weckt mich, wenn es fertig ist!) Triefauge murmelt: "Das ist bloß eine Theorie! Theorien lang-wei-len mich. Und ... und was ich nicht mag, das mach ich nicht". Was ist, wenn er recht hat? Dient das Ganze am Ende nur dazu, unliebsame esoterische Moden zu geißeln? Der Ruf eines einsamen Wanderers schreckt uns auf.

Ihr höchsten Menschen, denen mein Auge begegnete!
das ist mein Zweifel an euch und mein heimliches Lachen:
ich rate, ihr würdet meinen Übermenschen - Teufel heißen!
Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra
 

Wie gelangen wir zu Erkenntnissen?

Wir erkennen die Welt nicht nur mittels Verstand und Logik. Es gibt zwei Erkenntnismodi außer der rationalen Erkenntnis. Der eine ist prä-rational, der andere trans-rational. Transrationale Erkenntnis nenne ich Voluntarismus (von lat. voluntas, Wille; Lehre von der Bedeutung des Willens).

Wir erkennen auf empirischem Weg, auf rationalem Weg und auf voluntaristischem Weg. Empirie ist Erfahrungswissen, Rationalität ist Verstandesdenken, basiert auf Logik und Prüfung von Modellen, Voluntarismus basiert auf Willen und erkennt durch Erschaffen. Wir haben hier also unsere bekannten Modi wieder. Siehe die beiden Artikel über Prä-/ Trans-Verwechslung (oben verlinkt).

Der Empiriker

Manche Menschen haben ihren Schwerpunkt auf Empirie. Der Empiriker stützt sich auf Sinnesdaten und Erfahrungswissen. Die Naturwissenschaften sind die Domäne eines Empirikers.

Der Rationalist

Der Rationalist traut vor allem seinem Verstand. Logische Ableitungen und stimmige Theorien sind sein Metier. Die Geisteswissenschaften sind die Domäne eines Rationalisten.

Der Voluntarist

Wo ist der Schwerpunkt des Voluntaristen (Willensmensch)? Sein Schwerpunkt ist der Wahre Wille. Diesen Willen speisen zwei Quellen:

  1. die individuelle Einzigartigkeit und
  2. das Streben alles Lebenden nach Vollkommenheit.

Der Wahre Wille und die zukünftige Evolution

Die Evolution der Welt zum Eschaton ist die Domäne des Willensmenschen. Diese Entwicklung schließt jeden Menschen ein und die Menschheit, außerdem alle intelligenten Spezies. Warum? Die Evolution zum Eschaton "ist ein Prozess, der nur durch den Willen der sich ihrer selbst bewusst gewordenen Natur, d.h. des Menschen oder sonstiger intelligenter Wesen, vorangetrieben und vollendet werden kann." (M.D. Eschner in der "Thelema Fibel"; **)

Und weiter: "Der Wahre Wille geht über rein empirische oder rationale Erkenntnisse hinaus. (...) weder empirische noch rationale Erkenntnisse noch beide zusammen reichen aus, um den Wahren Willen zu beschreiben. Denn diesen beiden Erkenntnismethoden fehlt die schöpferische Kraft", um die Eschatonische Evolution (EE) vorantreiben zu können. "Der Begriff Wahrer Wille bezieht sich nicht auf eine Wahrheit der Erkenntnis, sondern auf eine Wahrheit des Erschaffens: 'Ich will das, weil es in das Muster der EE passt und meine Aufgabe ist, also mache ich es wahr!'" (MDE, Thelema Fibel)

Die Wahrheit des Erschaffens: Kunst

Es gibt also eine Wahrheit des Erschaffens? Was soll das sein, wenn nicht Kunst. Andere Begriffe für die "trans-rationale Erkenntnis, die ein Erschaffen ist" sind sperrig. Sie sind Leitern oder Zusätze, Hilfsmittel. Sie können präzise zeigen, was gemeint ist. Aber wer liest zwei Bücher, um einen neuen Gedanken zu verstehen? Also operiere ich im folgenden mit dem weniger scharfen Begriff "Kunst" und hoffe, dass es leichter verständlich wird. Es geht um Kunst! Weil es um einen Weg geht, transrational zu leben.

Der Dichter William Blake sagte, dass der Weg des Exzesses zum Palast der Weisheit führt. Würde er meinen Blog lesen, würde er seine Notiz verbessern: "Der Weg des transrationalen Erschaffens führt zum Palast der Weisheit. Und das letzte Licht in diesem Palast wird erst im Eschaton entzündet." Würde er? Ich bin sicher, er würde. :-)

Die Guten - die können nicht schaffen: die sind immer der Anfang vom Ende: - sie kreuzigen Den, der neue Werthe auf neue Tafeln schreibt, sie opfern sich der Zukunft, - sie kreuzigen alle Menschen-Zukunft! Friedrich Nietzsche

Kunst: Lebenskunst

Wenn ich von Kunst spreche, dann wäre es zu wenig, nur an einzelne Werke zu denken. Es gibt große Kunstwerke, denen können Jahrhunderte nichts anhaben - daran will ich nichts mindern. Doch möchte ich nicht isoliert die Werke betonen, sondern den Künstler als gleichermaßen wichtig beachten. Kunst zeigt sich in Kunstwerken und wer sollte die hervorbringen, wenn nicht Künstler? Der Begriff der Lebenskunst bietet sich an. Er drückt besser als "Kunst = Kunstwerk" aus, worum es geht: Ein neues Zeitalter aufbauen. Einen spirituellen Entwicklungsweg gehen, ohne in die alten Bahnen des Glaubens, des Dogmas, des Monotheismus zu verfallen.

Werfen wir einen Blick in die Geschichte. Uns begegnen Kunstwerke. Über die, die sie erschufen, wissen wir wenig oder nichts, je weiter wir in die Vergangenheit gehen. Aber daran lassen sich wichtige Merkmale und auch Veränderungen zeigen. Das scheint vielleicht nicht zentral zu sein. Aber ich denke, Kunst als Lebenskunst gewinnt dadurch mehr Kontur.

Kunst, ein kleiner Epochenabriss

1. "Kunst" der vorhistorischen Zeit

eine der berühmtesten Malereien aus der Lascaux Höhle: Pferdebild
Pferdebild aus der Höhle von Lascaux. Die Höhle wurde 1940 entdeckt. Die Venus von Willendorf übrigens auch erst sehr spät, 1908. Ich finde es immer wieder faszinierend, wie groß die Aufmerksamkeit ist, die heute diesen frühen Kunstwerken (falls wir sie so ansehen wollen) gezollt wird. Läppische 32 Jahre haben gereicht, um die Vergangenheit der Menschheit gravierend umzuschreiben! Vorher: damals grunzten Halbaffen durch die Pampa. Seit 1908 bzw. 1940: Schon für Cromagnon war künstlerischer Ausdruck essentiell! Wenn jemand so die Zeiten verändert und weiß, was er tut, nenne ich das Magie. Über die Veränderung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hatte ich in "Ra Hoor Khuit, ein Gott des Krieges und der Rache" geschrieben.

Über die Werke der vorhistorischen Frühepoche der Menschheit wissen wir wenig. Wir wissen, dass es sie gibt. Wer schuf sie? Kunst gab es damals nicht - aber gab es vielleicht etwas entfernt ähnliches? Die Höhlenmalereien von Lascaux, die Steingesichter der Osterinsel, die Venus von Willendorf sind Beispiele für diese Werke.

  • Sie stammen aus Epochen, die keine Schrift und keine lineare Zeitrechnung kannten.
  • Die Künstler sind anonym oder trennen Handwerk und Kunst nicht wie heute üblich, sondern behandeln beides als verwandte Facetten.
  • Es ist schon gewagt, die Werke als Kunstwerke zu bezeichnen. Dennoch ist es eher üblich, als sie als Kultgegenstände zu beschreiben. Doch ist unsere heutige Beschreibung eben unsere. Was sie mit der Welt vor 20.000 Jahren zu tun hat, wissen wir nicht.

2. Kunst im Alten Äon

Die Kunstwerke des Alten Äons waren religiös geleitete Werke, bis sich zu Beginn der Neuzeit Kunst und Künstler aus dem Geschirr der Kirche lösten. Sie suchten sich ihre Mäzene selber und gewannen Schaffensfreiheit wie nie zuvor. Die Kunst bis zum Mittelalter und die Kunst der Moderne gehören insofern nicht zusammen: die eine war religiös, die andere weltlich, die eine sucht Gott, die andere den Menschen.

Eine eindeutige Zuordnung von Kunstwerk und Entstehungszeit zu einer Epoche sehe ich als unmöglich an. Ein Beispiel: Die Miniaturen der Pommersfelder Bibel sind Ende 11. Jahrhundert. Die Farbe auf diesen berühmten Miniaturbildern war noch nicht ganz trocken, da wurde die erste gotische Kathedrale erbaut. Die Grandval Bibel stammt vom Ende des 9. Jahrhunderts. Beide haben christliche Themen. Doch die naive Darstellung, die groben Figuren lassen die Gotik nicht im Ansatz erahnen. Die Größenverhältnisse bilden Bedeutungsunterschiede ab: Jesus ist groß, Menschen sind klein. Die Figuren sind statisch, sie werden nicht in Bewegung gezeigt. Anatomische Kenntnisse waren vermutlich kaum vorhanden. Die Bilder ähneln Bildern aus dem 7. vorchristlichen Jahrhundert. Sie zeigen eine statische und schlichte Erlebenswelt.

Aus der Grandval Bibel: die Geschichte von Adam und Eva
Aus der Grandval-Bibel: die Geschichte von Adam und Eva. Angefangen von der Erschaffung Adams und Evas aus seiner Rippe (ganz oben), die Regeln, wie man sich im Paradies zu verhalten hat (2. Reihe), die Verführung durch die Schlange und Verurteilung (3. Reihe). Danach die Vertreibung aus dem Paradies.

Was eint die Kunst im Alten Äon? Solange Kunst Handwerk war, also bis ins Mittelalter, war Kunst eine Magd der Theologie. Danach ging die Kunst ihre eigenen Wege und löste sich von religiösen Vorgaben.

3. Kunst der Moderne, Übergangsepoche

Seit dem 17. Jahrhundert rückt die Gesellschaft von verbindlichen Höchstwerten ab. Die Zeitpräferenzen haben sich von der Vergangenheit in Richtung Zukunft verschoben und der feste Pyramidenaufbau der Ständegesellschaft hat Risse bekommen. Die Ausrichtung auf den alten Höchstwert "Gott" verliert an Verbindlichkeit. Für die Kunst heißt das ein Wechsel hin zum Neuen. Kunst ist, was neu ist und überrascht.

Heute erleben wir die späten Folgen dieser Entwicklung: Die Zeit tickt tausendfach schneller als zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Einen Höchstwert hat die moderne Gesellschaft nicht. Auch die Kunst muss ohne verbindliche Regeln, ohne Formideale auskommen. Wer glaubt noch, dass Kunst das sei, was Schönheit zeigt?

Die Grenze von Kunst und Mode, Kunst und Skandal ist manchmal verschwommen. Kunstwerke, über die 'man' spricht, müssen neu sein, aber sie müssen nichts aussagen, sie können (und mitunter scheint das zu genügen) auch rein negativ gedeutet werden. Zum Beispiel als grundlegende Gesellschaftskritik oder als Bruch mit der Tradition oder als Absage an den Publikumsgeschmack. Je größer die Enttäuschung, desto besser, könnte man unken, denn: Wenn es gelingt, ist es (auf jeden Fall) neu!

Doch wenn es heute als Kunst kommuniziert wird, sich für zehn Stunden auf einen Stuhl zu setzen/ in einen Tank mit Wasser/ auf einen Holzstamm zu setzen: Was dürfen wir morgen als Kunst erwarten? - Es wird irgendwann fraglich, ob "neu" vielleicht überbewertet wurde oder zumindest noch durch andere Merkmale zu ergänzen ist.

Aber wo sollen wir suchen? Worauf den Finger legen? Stellen wir uns vor:

A behauptet: Otto Dix / Joseph Beys oder [---] waren wegweisende Künstler.
B fragt: Und .. wohin weisen sie uns?
A antwortet: Sie zeigten, was Kunst zukünftig zu sein hat!
B fragt: Woran merkst du das?
A antwortet: An ihrer herausragenden Kühnheit, daran, dass sie Konventionen umgestoßen haben und etwas gezeigt, das gänzlich neu war.
B: Ja und was wiesen sie uns als Richtung der Kunst?
A: Na das weiß ich doch nicht! Du musst sie studieren, dann erfährst du es vielleicht. Denk ich mir so ...
B erwidert: Hah! Also was Kühnheit, Bruch mit Konventionen und unerhört Neues angeht, da kann ich dir empfehlen, dich an Tizian, Rembrandt oder Andy Warhol zu halten!
A (irritiert): Was? Die ollen Typen? Wieso denn?
B (siegessicher): Du musst sie aus ihrer Zeit verstehen. Nur so wirst du ihnen gerecht. Wenn also Kühnheit und Bruch mit dem Gewohnten das Zukunftspotential ausmachen, dann waren die von mir genannten sicher wegweisende Künstler.
A: Aber ...§%??** !

(Hier verlassen wir die beiden). Gibt es so etwas wie einen Schwerpunkt oder ein Ideal der Kunst über Jahrhunderte hinweg? Ich frage mich manchmal, ob sich auf lange Sicht wirklich so viel verändert hat. Vielleicht sind die vielen Stile und auch, dass heute Videos gemacht werden, weil Bilder nicht mehr reichen, unterm Strich eher Nebensächlichkeiten. Gibt es etwas, das bleibt?

Was ist das ewige Ideal der Kunst?

Bacchus Statue von Michelangelo

Die Frage ist ungewöhnlich, da zunächst die Unterschiede ins Auge springen. Immerhin: es geht um Jahrtausende hinter uns und eine Gegenwart, die sich (nicht, aber besonders im Künstlerischen) jeder Einheitsperspektive sperrt! Aber ich versuche dennoch, eine Gemeinsamkeit auszumachen. Das wird nämlich helfen, eine Antwort zu finden auf die Frage, was zukünftig Kunst sein kann. Kurz: Mir geht es um eine Arbeitshypothese. Die lautet: Das Ideal der Kunst ist Harmonie.

Harmonie scheint mir der Schlüssel, um die Frage nach dem vollkommen Schönen zu beantworten. Das war früher so. Die Malerei folgte lange Zeit der Zentralperspektive, die Musik den harmonisch gestimmten Tonleitern und die Dichtung hatte ihre klassischen Versmaße. Harmonie war ein anderer Ausdruck für vollendete Vollkommenheit. Die Kunstschulen lehrten, wie man nach den Regeln der Kunst Vollkommenheit erreicht. Sie war allerdings im Werk nicht erreichbar, das Vollkommene (Göttliche) scheint durch das (gelungene, echte) Werk hindurch. Die Werke Bachs, Michelangelos oder Dürers sind ohne dieses Formideal nicht zu erfassen.

Selbstporträt von Albrecht Dürer mit 26 Jahren
Selbstporträt von Albrecht Dürer. Beschreibung am rechten Bildrand: "1498. Das malt’ ich nach meiner Gestalt. Ich war 26 Jahr' alt." In Dürers Bildern wie in Michelangelos einzigartigem Werk zeigt sich eine neue Epoche, handwerkliches Können und Gestaltungswille wie sie vorher undenkbar waren: Das Mittelalter war vorüber. Die Renaissance brachte und brauchte einen neuen Typus des Schaffenden. Hier finden wir m.E. die Anfänge des Künstlers, wie wir ihn heute kennen. Soll ein Künstler heute versuchen, Dürer zu kopieren? Das birgt großes Lernpotential, befriedigt aber letztlich nicht. So stellt sich die Frage, welche neuen Horizonte auf die Schaffenden von heute warten, wohin der Künstler am Anbeginn eines neuen Äons sich wenden kann.
Plattencover der Einstürzende Neubauten

Und was ist heute mit Harmonie? In der Popkultur geht das problemlos durch. In den Szenen jenseits von Pop und Glamour sieht es anders aus, dachte ich lange Zeit. Z.B. wenn die "Einstürzenden Neubauten" schrieben: "Die Einstürzenden Neubauten greifen die Musik als solche an, und stellen sich damit neben die wenigen Gruppen, denen es gelingen konnte, den blauen Gencode des anglo–amerikanischen Jeans–Rocks zu zerbrechen und unwiderrufbar dessen DNA–Struktur zu verändern. Das unablässliche Stossen und Hämmern der Gruppe auf die Oberfläche der Musik ließ sie zu den Quellen des Klangs durchstoßen, zu dem unbearbeiteten Quader des Krachs, den sie entsprechend ihrer eigenen Bedürfnisse meisseln und behauen." Den 'Gencode des Jeans-Rocks zerbrechen, um zum Krach zu gelangen' - und den formen sie dann aber wieder zu neuen Klängen. Darum denke ich, dass es immer wieder Gegenströmungen gibt, aber letztlich stellen sie die Harmonie als "Wesenszug" nicht in Frage. Ich habe hier stark verkürzt, weil das hier nicht das Hauptthema ist.

Was ist mit den Künstlern?

Um die Zukunft eines neuen Zeitalters zu erkennen, müssen wir es erschaffen. Darum ging es eingangs beim Voluntaristen. Kunst soll die Antwort sein auf die Frage, wie ich dahin komme. Es zeigt sich hier als sehr hilfreich, dass "Kunst" per se ein unterbestimmter Begriff ist. Jeder Versuch, sie in einer Formel zu fassen, verfehlt das Künstlerische, übrig bleibt das reine Handwerk. Ähnlich ist es mit der Zukunft. Der Versuch, das neue Zeitalter in eine Formel zu pressen, bleibt auf der rationalen Ebene verhaftet. Wie für Kunst gibt es auch für das neue Äon keine Schablone. Wäre es fertig und würden wir alles darüber wissen, wäre es nicht mehr Zukunft, sondern Vergangenes.

Also denken wir Schaffende und ihr Werk zusammen. Wenn wir den Künstler und sein Werk zusammen sehen, zeigt sich Kunst als Lebensstil, als Lebenskunst.

Salvador Dali und Man Ray
Salvador Dalì und ManRay. Sie waren zwei dieser enfant terribles, die für Aufregung sorgen, dann (bestenfalls) einen neuen Stil begründen, Klassiker werden und vorzeigbar werden. Es ist unglaubliche 80 Jahre her, da konnte man als Künstler (!) Anzug und Krawatte tragen. Ich denke manchmal, die Schnelllebigkeit der Moden/ Stile / hypes ist zu einem der Haupthindernisse für künstlerisches Schaffen geworden.

Lebenskunst: Kunst gelingenden Lebens. Lebenskunst zeigt sich in künstlerischem Ausdruck - aber eben nicht nur im Werk! Jemand mag einen großen Marktwert haben, mag als Schauspieler, Sänger, Musiker etwas schaffen, wo vielen tausenden Menschen das Herz aufgeht. So jemand kann jedoch einen einmal gefundenen Stil wiederholen, ohne selbst in seinem Schaffen noch zu wachsen. So jemand weiß ja, was beim Publikum gut ankommt! Mir geht es um Lebenskunst. Das Publikum ist höchstens so wichtig wie der Schaffende, der sich getraut, Neues zu probieren.

Der Übermensch

Der künftige Künstler ist der Schaffende mit der "schöpferische(n) Kraft, um die ... [Evolution zum Eschaton; Anm. KG] vorantreiben zu können". Nicht nur schaffender Künstler eines Bildes, eines Liedes, einer Skulptur - sondern schaffender Gestalter des eigenen Lebens im Zusammenspiel mit dem Ganzen der Welt. Er bestimmt seine Sternenbahn, seinen Wahren Willen. Und dieser Künstler macht nicht nur Kunst in seinen Werken (und kann wie ein Schwein leben, wenn er den Pinsel weglegt), sondern das Leben als ganzes, als gelingendes Werk ist wichtig.

Die transrationale Kunst hebt die Gleichwertigkeit von Werk und Künstler höher hinauf als das bisher üblich war. Große Künstler der Gegenwart können psychisch Wracks sein (manchmal scheint das sogar dazu zu gehören, mindestens als Imagefaktor). Wer an der Welt verzweifelt, in Drogenräuschen  hindämmert, der allein ist tief, der allein ist echt und ein wahrer Künstler - so das  Klischee. (Es sei denn, jemand ist Pop-Künstler, dann sind Styling und Fitness-Training das A und O; noch ein Klischee). Und zugleich wissen wir, dass der Ausweg nicht darin liegt, sich in die Klassik zurück zu flüchten. Der transrationale Künstler bewahrt die Empfindsamkeit einer Ingeborg Bachmann oder eines Gottfried Benn, vervollkommnet auch die psychische Integrität, die Stärke, um den Fährnissen des Lebens zu trotzen.

Wir dürfen den transrationalen Künstler ab jetzt wieder als Übermensch ansprechen, wie ihn Friedrich Nietzsche schaute. Eine Formel für diese Lebensform gibt es nicht. Der Übermensch ist die Antwort auf die Haltlosigkeit der Moderne. Ich erinnere an das Wort, "Die Wüste wächst". Wer sich wünscht, dass es den Übermenschen geben müsse, der ist auf dem besten Wege dahin. Und dann bleibt nur noch eines: Fang an!

Was gibt es als Orientierung auf den Weg?

Ich habe im 1. Teil und im 2. Teil gezeigt, was die Verwechslung von Prärationalität und Transrationalität ausmacht. Über jede Stufe/ jedes Äon selbst ließe sich natürlich weit mehr sagen, ohne es abschließend zu erfassen. Mir kam es darauf an zu zeigen, dass und wieso der Sprung über das Rationale hinaus grundverschieden ist von der prärationalen Stufe. Darum thematisierte ich die Kunst, um auf dieser Spur zu überlegen, was transrationale Kunst sein könne. Voilà! Lebenskunst unter dem Gesetz von Thelema!

  • Tue was Du willst, sei das ganze Gesetz!
  • Liebe ist das Gesetz, Liebe unter Willen!

Wenn du das vertiefen möchtest, such dir Künstler und Kunstwerke, die dich besonders ansprechen. Lerne von ihnen. Probiere aus, was sie taten.

Last but not least empfehle ich das Liber L vel Legis von Aiwass/ Crowley und "Also sprach Zarathustra" von Friedrich Nietzsche. Beide Werke sind selbst Kunstwerke. Beide weisen auf die nächste Stufe der Evolution hin. Beide sind endgültige Schluss-Striche unter aller bisherigen Geschichte. Einige Menschen haben in ihrem Leben einen hohen Preis gezahlt, damit wir diese Texte lesen können. Sie haben das auch für dich getan.

Für transrationale Künstler sind das Wichtigste nicht Ruhm, Marktwert und Fans, sondern das Ziel und der Gradmesser sind ein glückendes Leben & ein gelungenes Werk.

Fußnoten

* Gerade in esoterischen Zeitschriften und Büchern (s. Amazons Bestenliste in der Sparte "Esoterik") ist diese Auffassung höchst selten. Die Prä-Trans-Verwechslung (PTV) basiert auf der Arbeit des Psychologen, NewAge Kritikers Ken Wilber. Für die PTV ist sein maßgebliches Buch "Die drei Augen der Erkenntnis". Mir scheint, er hat diese hilfreiche Unterscheidung später nicht mehr durchgehalten. Zumindest kann ich seinen Ansichten über Transrationalität und Integrale Theorie nicht folgen.

** Das Eschaton ist das höchste Ideal der Philosophie, das absolut Wahre, Gute und Schöne. Wer Evolution ernst nimmt, muss einen Endpunkt aller Entwicklung annehmen, zumindest als Hypothese. In diesem Endpunkt wird vollständige Vollkommenheit erreicht sein: Alles Erforschbare ist erforscht. Alle Wahrheit wurde erkannt. Alle guten Taten wurden begangen und nichts Böses mindert die Güte. Alle schönen Zustände wurden bis zur Perfektion vervollkommnet. Nüchterner in philosophischer Begrifflichkeit: Die Identität von Geist und Materie ist erreicht. Der Begriff Eschaton muss formal anzeigend im Sinne Martin Heideggers genommen werden, sonst bleibt er schal und platt. Auf die religiösen Konnotationen gehe ich hier nicht ein, v.a. weil ihnen ein göttlicher Weltplan und lineare Zeit zugrunde liegen - wir würden also sofort in die theologischen Strudel fallen. Aber zur Illustration findet sich bei den Kirchenvätern, gnostischen Lehrern und christlichen Mystikern etwas. Indem ich es zugestehe, muss ich aber auch ergänzen: Alle (christlich, gnostisch oder hinduistisch geprägten) Texte über das Ende der Welt bleiben entweder ohne Interpretation dunkel oder bis zur Unkenntlichkeit verzerrt, weil sie ihre Heiligen Texte nur durch die Brille ihrer Dogmen erfassen. Die alten Texte sind aus der prärationalen Epoche. Ihre Weltsicht ist prärational, was sonst. Ihre maßgeblichen Exegeten sind es ebenfalls, was sonst. Von den Zusatzfragen eines transrationalen Gestaltungswillens blieb diese Literatur verschont. Das wäre nämlich Blasphemie.

Kommentare

Angela Jekosch

Erschaffen durch Kunst - als positiv formulierte Beschreibung für transrationale Erkenntnis - halte ich für sehr plausibel. :-)

Prärationalität und Transrationalität sind streng genommen ja bloß negative (an Rationalität gemessene) Begriffe. Ja, lohnt sich denke ich, dieser Spur zu folgen.

Mögliche Positiv-Begriffe für die beiden vorherigen Äonen wären dann:

Verehren durch Kult?
Beherrschen durch Wissenschaft ?

Ich spiel´s mal durch:

Ups, da braucht´s eine leitende Frage, damit sich die Positiv-Begriffe aufeinander beziehen lassen. Ich nehme - Experiment - folgende:
Wie verhalten (nicht speziell: erkennen) sich Menschen / Menschheit in den Äonen gegenüber den Kräften des Lebens?

1. Äon: Verehren durch Kult - Anrufung, Identifikation (je nach Landschaft, aktueller Situation) mit jenen Kräften, deren Einfluss Menschen ausgesetzt sind. Das läuft darauf hinaus, dass der konkrete Mensch sich den Kräften unterordnet bzw. anpasst. Später dann auch: Mit ihnen verhandelt. Typisch: viele Götter, ein bestimmtes heiliges Tier u.ä.

2. Äon: Beherrschen durch Wissenschaft - Analyse, Zerlegen aller Kräfte: Abstrahieren von konkreten Situationen, eindeutige Grenzziehungen, Kategorisierung usw. (Als ergänzendes Pendant, um den Selbstwiderspruch, das Leben beherrschen zu wollen emotional aushalten zu können: Religion)

Bei aller Problematik und unerwünschten Drag-Effekten wird dadurch ein neuer Themenkomplex (Die Sorge um das Ich, indviduelle Entscheidungsfreiheit, Einzigartigkeit) ausdifferenziert und als Gegenpol zum harmonischen Zusammenspiel aller Kräfte des Lebens, deren Zweck in sich selbst liegt - Autopoiesis - Selbsterhaltung des Lebens ist, scharf gehalten. Eine Leistung, hinter die wir nicht zurück können oder wollten.

3. Äon: Erschaffen durch Kunst - ja genau, das meint nicht in erster Linie Kunstwerke (die sind eher ein Mittel), sondern zielt auf Verfeinern (immer feiner warhnehmen und differenzieren) und Einzigartikeit. Was sich nicht von wo auch immer aus zentral organisieren und managen lässt, sondern Aufgabe jedes einzelnen Menschen geworden ist. Es gibt eben keine Ausreden mehr.

Sondern es geht um die Selbsterschaffung von uns - als einzigartigen Lebewesen. Oder auch: einzigartiges, sich selbst koordinierendes Zusammenspiel von Kräften). Dazu müssen wir uns unseres Potentials (der Einzigartigkeit) bewusst werden UND aufmerksam mit allen Kräfte des Lebens (in und um uns) verständigen lernen. Schließlich wird es ja einen Zweck haben, dass Menschen keinen (festgelegten) Zweck haben:

Wir erkunden, erschaffen, erfinden, was wir mit dem Wunder des (auch ohne uns Menschen sich selbst erhaltenden) Lebens alles erschaffen und bewirken können. Und als finaler Zweck - das große unendliche Zusammenspiel von einzigartigen Lebensformen / Lebewesen, die sich selbst und einander (vollkommen) verstehen.

Knut

Hallo Angela,

danke für den Kommentar! Ja, die Übertragung der PTV in positive Begriffe erhellt die Abfolge von einer anderen Warte aus. "Beherrschen durch Wissenschaft" - das würde ich allerdings anders ansetzen, denn weder in Wissenschaft noch in Religion ist Herrschaft das Hauptsächliche. Aber was dann? Ein Versuch:

Beherrschen durch Technik (im Sinne Heideggers) vielleicht. Vorteil: die Naturwissenschaft ist dann als "Magd" der Technik in einer untergeordneten Rolle. Das zeigt, worin alles Erkennen mündet, in Nutzbarmachung der Welt. Stichwort Willensherrschaft.

Als Nachteil sehe ich, dass (Natur-)Wissenschaft und Technik dann begrifflich im Osiris-Äon fixiert blieben. Erkennen und Wollen wäre kein Umtauschverhältnis, sondern bliebe Ordnungsverhältnis. Vielleicht aber nähert sich die Menschheit durch weiteren technischen Fortschritt dem Horus Äon? Ist Technik nicht mindestens ein Übergangsphänomen? Die Kybernetiker plädieren für diese Sicht. - Ich denke, es kommt bei der Frage, wie ein Äon charakterisiert wird, immer auf die anderen an und wie das zusammenpasst. Ich breche das hier ab.

Noch etwas anderes. Im Horus Äon sind Erschaffung (von Kunstwerken) und Selbsterschaffung zentral. Da folge ich deinen Ausführungen zum "3. Äon". Ich möchte aber anders gewichten: Gerade bei der Betonung des Erschaffens stehen für mich nicht die Bewusstmachung des Potentials und die Verständigung mit den Kräften im Zentrum, sondern eben erschaffen. Und wo mir das zu hoch ist, dort zumindest: etwas tun, tätig sein. Ich handle, erreiche ein Ziel, ein Werk ist fertig oder zumindest eine Aufgabe erfüllt, ich bekomme Feedback. In dem Zuge wird mir (oft, nicht immer) mehr bewusst, was ich tue, und wer ich bin. Ohne das schaffende Tätigsein verliert sich der Versuch, mich selbst besser zu verstehen, leicht im Nebel.

liebe Grüße
Knut

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Über den Autor

Interessen: Thelema, Kunst, Gesellschaft. Ich will eine Welt, auf die ich mich freue, wenn ich mir vorstelle, dass ich sie später wieder betrete. Die jetzige taugt mir noch nicht. Der Blog ist ein Teil unserer groß angelegten MultiWelt Verschwörung:
Verführung, Ansteckung mit Phantasie, Austreibung von Stumpfsinn. Mehr darf ich noch nicht sagen :-)